Ausstellung von Diebesgut

Auf der Suche nach dem Erbstück

+
In 20 Vitrinen hat die Polizei Diebesgut ausgestellt, das bislang noch nicht zugeordnet werden konnte. Wer in den vergangenen Jahren das Opfer von Einbrechern geworden ist, kann die Schau noch bis Sonntag im Polizeipräsidium besichtigen.

Offenbach - 5200 geklaute Objekte wollen zurück zu ihren Besitzern. Die Polizei lädt Einbruchsopfer ein, sich eine Ausstellung mit Beutegut anzuschauen. Von Christoph Zöllner 

Ausstellungen, die Briefmarken, Schmuck oder Münzen zeigen, gibt es reichlich. Doch die Schau, die derzeit im Polizeipräsidium Südosthessen in Offenbach zu sehen ist, hat Seltenheitswert. Denn sie besteht aus Beutestücken, die zwar Ende Mai sichergestellt, aber bislang nicht zugeordnet werden konnten. Sie stammen alle von einem Offenbacher Hehler, dem noch das Attribut „mutmaßlich“ anhaftet.

Die 5200 Objekte lagerten bislang in der Asservatenkammer der Polizei, ein Großteil davon ist nun bis Sonntag in 20 Vitrinen zu bestaunen. Münzen, Goldbroschen, Silberbesteck, Anstecknadeln, Briefmarken, Halsketten, Taschen- und Armbanduhren: Die Kripo-Beamten gehen davon aus, dass die Objekte aus Einbrüchen und Diebstählen im gesamten Rhein-Main-Gebiet stammen. Sie hoffen, dass möglichst viele Opfer vorbeischauen und etwas wiedererkennen.

Bereits gestern früh nach der Eröffnung werden die ersten Besucher fündig. Polizisten vernehmen sie anschließend und werfen einen Blick auf die nach dem Einbruch erstattete Anzeige. Am Ende muss ein Staatsanwalt entscheiden, ob Schmuck und Sammelobjekte wieder an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden können. „Wir klären mit dieser Ausstellung wahrscheinlich keine Straftaten auf“, meint Gerhard Endrich, Leiter des Fachkommissariats 21. „Aber wir wollen möglichst viel an gestohlenen Gegenständen zurückgeben.“ Endrich zufolge ist nicht klar, ob es sich bei den Dieben um lokale Täter handelt. Viele Stücke, im Fachjargon ist von „Stehlgut“ die Rede, wiesen keine individuellen Kennzeichen auf wie etwa Gravuren. Das gilt vor allem für die 2600 Münzen, die immerhin noch vorhanden sind. Oft schmelzen Hehler derlei Beute ein, um jegliche Spuren zu verwischen, berichtet Endrich.

„Jetzt kommt wieder alles hoch“

Ein Ehepaar aus Sachsenhausen erkennt Münzen wieder, die bei einem Einbruch vor drei Jahren verschwunden waren. Ein Teilerfolg, sicher. Doch freuen können sich die beiden nicht, sie wirken bestürzt, haben Tränen in den Augen. „Jetzt kommt wieder alles hoch“, sagt die Ehefrau stockend.

Uhren, Broschen, Münzen, Barren, Briefmarken und mehr: Kistenweise Diebesgut hat die Polizei sichergestellt.

Es geht ihr dabei weniger um den materiellen Wert. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn eines der geliebten Erbstücke wieder aufgetaucht wäre wie etwa die Uhr ihres Vaters oder ein Konfirmationsgeschenk der Oma. 60.000 Euro betrug damals der Einbruchsschaden, etwa die Hälfte davon macht eine Münzsammlung aus. Der seelische Schaden, den die Straftat verursacht, ist freilich nicht messbar. „Die Wohnung wird als geschützter Bereich wahrgenommen“, sagt Endrich. Entsprechend erschüttert reagierten viele Einbruchsopfer, wenn Fremde in diese Zone eindringen. „Es gibt Leute, die damit nicht fertig werden und deshalb sogar ihre Wohnung verkaufen“, berichtet der Erste Kriminalhauptkommissar. Manche Opfer nehmen eine polizeiliche Betreuung in Anspruch, um die schmerzhafte Erfahrung verarbeiten zu können.

Immer noch frisch sind die Eindrücke, die ein Einbruch im Juli 2013 bei einem Sprendlinger Ehepaar hinterlassen hat. Beide zählen ebenfalls zu den ersten Ausstellungsbesuchern, werden aber nicht fündig. Keine Spur von den geklauten Uhren und dem Familienschmuck. „Wir hatten schon gehofft, dass wir etwas wiederfinden“, macht der Dreieicher aus seiner Enttäuschung keinen Hehl.

Bilder der Diebesgut-Ausstellung

Diebesgut: Ausstellung der Polizei

Auch hier zeigt sich, dass der eigentliche Schaden des Einbruchs - die 1000 Euro hat die Versicherung anstandslos ersetzt - in keinem Verhältnis zu den Folgen steht. „Die haben vom Keller bis unters Dach alles durchsucht und ausgeräumt“, empört sich die Dame. „Ich versuche, das alles zu verdrängen.“ Da der Einbruch während der Urlaubszeit geschah, trauen sich die Sprendlinger aber nicht mehr weit in die Welt hinaus. „Tagsüber denke ich mir manchmal, wir sollten mal wieder wegfahren“, sagt die ältere Dame. „Aber sobald es dunkel wird, höre ich wieder jedes Geräusch und habe Angst.“ Und das, obwohl das Ehepaar nach Rücksprache mit der Polizei mächtig aufgerüstet hat, die Kellerfenster sind jetzt zugeschweißt und zugemauert, elektrische Rollläden montiert und im Keller eine Tür der höchsten Sicherheitsklasse eingebaut. 14 000 Euro hat das alles gekostet. „Eigentlich kann jetzt keiner mehr rein“, meint der Mann. Doch nach wie vor nagt an den Dreieichern die Frage, warum ausgerechnet ihr Haus das Ziel von Einbrechern werden konnte. Sie wären erleichtert, wenn die Diebe gefasst würden. „Wir befürchten nämlich immer noch, dass sie wiederkommen“, sagt seine Frau.

Die Ausstellung ist noch bis Sonntag, 21. September, jeweils in der Zeit zwischen 10 und 17 Uhr im Polizeipräsidium Südosthessen (Geleitsstraße 124, Nebeneingang, erster Stock) geöffnet. Parallel dazu können sich Bürger an einem Informationsstand von Fachleuten zum Einbruchsschutz beraten lassen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare