Schweizer Spezialisten bewältigen unter der Erde auch engeren Kurvenradius

Offenbacher Abwasserkanal wird unter dem Hochwasser-Damm hindurchgeführt

Offenbach Clariant-Parkplatz Bürgel Baustelle Kuhmühlgraben (im Hintergrund).
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Blick auf den geräumten Clariant-Parkplatz: Von dort aus werden die Abwasserrohre gleich in zwei Richtungen verlegt – zum Main und Richtung Kuhmühlgraben (im Hintergrund).

Für einige ist’s im November ein Aufreger: Die Verwaltung fordert den Circus Barus, der gleich zu Beginn der Corona-Pandemie in Bürgel unverschuldet gestrandet ist, auf, den ehemaligen Chemiekanten-Parkplatz am Ortseingang zu räumen. Was im Eifer wohl übersehen wird: Die Stadt respektive ihre Tochterunternehmen haben schon 2019 angekündigt, dass dort die kommunale Kanalisation ihren Weg zum Main fortsetzen muss – in Form eines Überlaufs. Das wird nun umgesetzt.

Offenbach -Wer den ehemaligen Clariant-Parkplatz an der Offenbacher Straße passiert, sieht aktuell keinerlei Bautätigkeit – allenfalls einen Drahtzaun. Zu Fuß, entlang des Kuhmühlgrabens sieht es etwas anders aus. Dort ist das Baufeld für den finalen Kanalabschnitt, der vor allem das Abwasser aus den Neubaugebieten Bieber-Nord, Waldheim-Süd und Bürgel-Ost aufnehmen soll, freigeräumt. Während die unterirdischen Arbeiten in der Mühlheimer Straße (2017) und Kettelerstraße (2018) für Behinderungen und Aufsehen gesorgt haben, wird es diesmal ruhiger zugehen – außer für die Anwohner entlang des Grabens.

Aufwändige Suchaktion im Chemiepark und auf dem Parkplatz

Auf dem abgesperrten Parkplatz und dem ehemaligen Chemiepark (jetzt: Innovations-Campus) läuft derzeit eine Suchaktion. In den Boden an der Offenbacher Straße werden Schlitze gegraben, um die genaue Lage einer Druckleitung sowie - noch viel spannungsgeladener - einer Starkstromleitung zu bestimmen. „Wir wissen, dass beide da sind, aber die alten Pläne sind nicht immer zuverlässig“, sagt Melanie Gessner, Abteilungsleiterin der Entwässerung des Stadtservices. „Bevor wir hier eine Baugrube ausheben, müssen wir beide Versorgungsleitungen genau orten.“

Der Stadtservice beauftragt alle Arbeiten für den Mainauslass am Ufer in Höhe des Parkplatzes. Dies ist der Abschluss eines neuen Abwasserkanals, der bei starkem Regen den Mischwasserkanal entlastet und stark verdünntes Mischwasser direkt in den Main leitet. Was hier ab voraussichtlich März 2022 bei starkem Regen rein fließen wird, kommt aus dem Regenüberlaufbauwerk in der Kettelerstraße. Die Überlaufschwelle ist so ausgelegt, dass das Schmutzwasser mit sehr viel Regenwasser vermischt ist, wenn es sich in den Fluss ergießt.

Vorbereitend wurden bereits auf dem künftigen Baugrund Brombeerhecken gemulcht und das Gelände vermessen. Wenn die genaue Lage der beiden Altleitungen bekannt ist, geht es los: Auf dem Gelände wird eine Doppelstartgrube für einen großen Bohrkopf eingerichtet, der unterirdisch den Weg für die neuen Rohre mit einem Durchmesser von zwei Metern freiräumt. Der Kanal endet in einem Auslassbauwerk, welches in den Main reicht. Um das Auslassbauwerk zu errichten, wird eine Baugrube im Main aus Spundbohlen errichtet, die noch durch Dalben vor einem eventuellen Schiffsanprall geschützt wird.

Kanalrohre werden gleichzeitig in zwei Richtungen verlegt

Zunächst aber werden an Land vom Parkplatz aus gleich in zwei Richtungen Rohre verlegt: Einmal über 50 Meter Distanz unter der Offenbacher Straße hindurch zum Main, zum anderen zu den 350 Meter entfernten Rohren aus der 2019 in der Kettelerstraße beendeten Kanalerneuerung. Dort wurde die Baugrube mit dem Anschlussschacht, ebenfalls auf einem Parkplatz auf dem früheren Clariant-Gelände, noch für den Anschluss offen gelassen. Auf dieser letzten, längeren Strecke arbeiten die Firmen im Rohrvortriebs-Verfahren mit einem ferngesteuerten Bohrkopf.

Die Wegführung verläuft in einem Bogen vom Main zur Kettelerstraße und birgt damit aus Ingenieurssicht eine zusätzliche Herausforderung, deren Bewältigung eher von Spezialisten gewürdigt werden kann. Vor allem bei einem engeren Kurvenradius treten auf der Kurveninnenseite sehr hohe Druckspannungen auf. „Damit Beschädigungen des Polymerbetonrohrs vermieden werden, haben wir ein Schweizer Unternehmen beauftragt“, erklärt Nils Scheffer, zuständiger Ingenieur in der Abteilung Entwässerungen. „Dieses hat ein patentiertes Verfahren entwickelt, das mithilfe einer sogenannten Hydraulischen Fuge die Vortriebskraft auch beim Pressen im Bogen gleichmäßiger auf die Auflagerfläche der Rohrstöße misst und auch verteilt.“

Trotzdem ist das Durchpressen die bevorzugte Variante, weil der Grundwasserstand an dieser Stelle sehr hoch ist und eine offene Bauweise sehr aufwendig und teuer würde. Spätestens in Richtung Main wäre dies ohnehin unmöglich: Dort muss der Maindamm unterquert werden. Dafür werden einige Spundbohlen im (Landes-) Deich etwas nach oben gezogen, um darunter das Rohr bis zur Zielgrube an den Main zu führen. „Der Hochwasserschutz ist aber zu jedem Zeitpunkt gewährleistet“, betonen Gessner und Scheffer.

Am Mainufer wird der Bohrkopf herausgeholt und im Fluss weitergebaut: Dort entsteht aus Spundwänden eine trapezförmige Grube, die leergepumpt und ausbetoniert wird. Dort wird das Auslassbauwerk aus Stahlbeton gebaut, in das die Kanalrohre schließlich münden. Sichtbar ist nach Abschluss der Arbeiten nur ein kleiner Teil der Gesamtanlage, da diese mehrere Meter unter dem Wasserspiegel liegt.

Tiefe und Form des Auslasses gewährleisten, dass durch das später ausströmende Wasser die Schifffahrt nicht beeinträchtigt und das Ufer nicht beschädigt wird.  mk

Melanie Gessner: Wir wissen, dass Starkstrom- und Druckleitung da sind, aber die alten Pläne sind nicht immer zuverlässig.

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