„Eltern sollten Ball flach halten“

Was beim umstrittenen Thema Nachhilfe zu beachten ist

Offenbach - Das neue Schuljahr steht vor der Tür. Viele Schüler (und Eltern) sind unzufrieden mit den Noten auf den Zwischenzeugnissen. Oft wird dann gefragt: Gibt es jetzt nur noch den Weg in die Nachhilfe? Von Peter Schulte-Holtey

„Wenn ein Kind in einem Fach schlechte Noten hat, bedeutet das nicht automatisch, dass Nachhilfeunterricht nötig ist“, sagt der Dietzenbacher Erziehungsberater Diethelm Sannwald. Hinter schlechten Noten könne sich auch ein ganz anderes Problem verbergen, meint der Experte vom Diakonischen Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau (Beratungszentrum Mitte) im Interview mit unserer Zeitung:

Was raten Sie Müttern und Vätern, die ihr Kind zur Nachhilfe schicken wollen – worauf sollten sie unbedingt achten? 

Ich denke, Eltern sollten erst einmal prüfen, ob bei ihrem Kind überhaupt eine Indikation für Nachhilfe vorliegt. Denn wenn ein Kind in einem Fach schlechte Noten hat, bedeutet das nicht automatisch, dass Nachhilfeunterricht nötig ist. Hinter schlechten Noten kann sich auch ein schwieriges Verhältnis zu einem Lehrer verbergen, von dem sich das Kind schlecht oder ungerecht behandelt fühlt. Dann wäre ein Gespräch der Eltern mit dem Lehrer hilfreicher als Nachhilfestunden. Oder aber das Kind wird im betreffenden Fachunterricht ständig abgelenkt, weil es neben unruhigen oder wenig motivierten Mitschüler sitzt.

So etwas entwickelt dann mitunter eine eigene Dynamik...

Ja – die dann vielleicht mit einer Umsetzung der Schüler im jeweiligen Fachunterricht abgefangen werden kann. In jedem Fall sollten Eltern aus meiner Sicht mit den Lehrern beziehungsweise dem Klassenlehrer ihres Kindes sprechen und sich mit ihnen im Hinblick auf die Sinnhaftigkeit von Nachihilfeunterricht zu beraten.

Ist Einzelnachhilfe besser? 

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Redakteur Peter Schulte-Holtey.

Ich glaube, das lässt sich pauschal nicht mit Ja oder Nein beantworten. Kleine Lerngruppen bieten erfahrungsgemäß gute Möglichkeiten für den einzelnen Schüler. Das hängt allerdings auch davon ab, wie sie gestaltet werden. Wenn sie die Chance bieten, dass Kinder auch von einander lernen und wenn es auch Gelegenheit für gemeinsamen Spaß gibt, dann können sie sicherlich sehr motivierend sein. Inwieweit so etwas auf dem Nachhilfemarkt angeboten wird, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Einzelnachhilfe ist meines Erachtens dann gut und hilfreich, wenn die Beziehung stimmt zwischen Schüler und Nachhilfelehrer. Das hat dann damit zu tun, dass es ein echtes Interesse an der anderen Person gibt, und dass auch über anderes gesprochen wird, als nur über den schulischen Stoff und wie man sich den am Besten merkt. Für Kinder ist es sehr motivierend, wenn man ihnen Interesse und Wertschätzung entgegenbringt. Da geht es ihnen nicht anders als uns Erwachsenen. Wenn ein Kind gerne zur Nachhilfe geht, dann dürfte das der beste Indikator für deren Erfolg sein.

Was halten Sie von Nachhilfe in der Grundschule? 

Wenig. Beziehungsweise würde ich das, was Kinder im Grundschulalter an Unterstützung brauchen, um in der Schule mitzukommen, nicht Nachhilfe nennen. Da geht es doch in erster Linie darum, dass Kinder Spaß am Lernen haben und an der Aneignung von Wissen. Und - dass sie die Fähigkeit entwickeln, sich zu konzentrieren und auch mal an einer Sache dranzubleiben. Das gelingt in der Regel auch ganz gut, wenn es zu Hause einen entsprechenden Rahmen gibt, der die Kinder beim Erledigen der Hausaufgaben unterstützt. Wenn dafür Sorge getragen wird, dass genug Zeit und ein einigermaßen störungsfreier Raum zur Verfügung stehen. Vielen Kindern hilft es auch, wenn sie nicht alleine ihre Hausaufgaben machen müssen, sondern dabei sein dürfen, wenn ein Elternteil in der Küche oder sonstwo in der Wohnung oder im Haus beschäftigt ist. Wenn solch ein unterstützender Rahmen für die schulischen Belange zu Hause nicht vorhanden ist, weil es nicht geht, oder weil kein Erwachsener Zeit hat, dann mag es hilfreich sein, wenn andere das Schulkind bei der Erledigung der Hausaufgaben unterstützen. Das ist dann allerdings aus meiner Sicht keine Nachhilfe, sondern eher eine Hausaufgabenhilfe, wie sie ja unter diesem Namen auch an diversen Schulen angeboten wird.

Welche Erfahrungen machen Sie in der Beratungsstelle: Neigen tatsächlich manche Mütter und Väter dazu, die Leistungen ihrer Kinder falsch einzuschätzen – wird zu spät bemerkt, dass ein Kind vielleicht gar nicht fürs Gymnasium geeignet ist? 

Das Thema Schule und schulische Probleme spielt im Kontext von Beratung interessanterweise eher eine nachgeordnete Rolle. Es dient allerdings häufig als „Eintrittskarte“ für die Aufnahme einer Beratung. Oft ist Leistungsabfall oder auffälliges Schülerverhalten eher als ein Symptom zu verstehen. Und zwar weniger als ein persönliches Symptom des Kindes, das auf eine Störung in der kindlichen Entwicklung hinweist, sondern vielmehr als Familiensymptom, das zwar beim Kind – man könnte sagen, als dem schwächsten Glied in der Familienkette – auftritt, aber auf ungelöste Konflikte und belastete Beziehungen in der Familie hinweist.

Das ist in Ihren Beratungen in Dietzenbach bestimmt mitunter schon der entscheidende Punkt...

Ja! Wenn die Eltern nicht mehr nur das Symptom beim Kind sehen, sondern eine Idee bekommen, dass sich dahinter etwas Anderes verbirgt. Dass es also nicht nur darum geht, das Symptom beim Kind wegzubekommen, sondern vielmehr darum, gemeinsam ein schwieriges Thema in den Blick zu nehmen und einer Klärung zuzuführen. Das können Beziehungsprobleme der Eltern sein, das können Belastungen der Familie aufgrund schwieriger Lebenssituationen sein, häufig geht es aber auch darum, dass Kinder sich von ihren Eltern nicht geliebt und unverstanden fühlen, wenn sie in der Schule auffällig werden. Das schätzen Eltern oft nicht richtig ein. Natürlich gibt es auch Eltern, die das Leistungsvermögen ihrer Kinder überschätzen und sie trotz anders lautender Empfehlung der Schule fürs Gymnasium anmelden. Damit tun sie ihren Kindern mit Sicherheit keinen Gefallen. In unserer Beratung für Eltern, Kinder und Jugendliche taucht dieses Thema jedoch eher selten auf.

Klassisch und modern: Die besten Spick-Methoden

Ganz grundsätzlich: Müssen viele Eltern noch dazulernen, wenn es um Schulprobleme ihrer Kinder geht? 

Ich finde, das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Die meisten Eltern haben eine gute und liebevolle Beziehung zu ihren Kindern. Sie können sich meistens ganz gut in ihre Kinder einfühlen und kriegen mit, was diese bewegt. Diese Fähigkeit der Einfühlung wird jedoch in Stress und Krisensituationen beeinträchtigt, weshalb Eltern, die selber – aus welchen Gründen auch immer – unter Druck stehen, gestresst sind, nicht mehr so gut wahrnehmen, was in ihren Kindern vorgeht. 

Sie können dann auch nicht mehr so einfühlsam und unterstützend auf ihre Kinder reagieren…

Genau – und sie stehen dann auch nicht mehr ausreichend als emotionalen Halt gebende Erwachsene zur Verfügung. Das kann dann dazu führen, dass Kinder sich allein gelassen und überfordert fühlen, worauf sie dann unter Umständen mit einem Leistungsabfall in der Schule oder anderem auffälligen Verhalten reagieren. Das sind dann gewissermaßen Hilferufe der Kinder, die es wahrzunehmen gilt.

Was kann den Müttern und Vätern denn noch weiterhelfen?

Ich finde es immer hilfreich, den Ball flach zu halten beziehungsweise die sprichwörtliche Kirche im Dorf zu lassen. Vor Kurzem hatte ich mit einem beruflich erfolgreichen Vater gesprochen, der sich sehr über seinen pubertierenden Sohn aufregte, weil der faul sei und unhöflich und seine Eltern mitunter anlüge. Als ich ihn nach seiner Schulzeit fragte, sagte er mir, das sei ja ganz schlimm gewesen. So etwas wolle er seinem Sohn ersparen. Aha, sagte ich, aber aus Ihnen ist ja auch etwas geworden, wie man sehen kann.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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