Nicht einsam ans Ziel

Bend Make Change-Festival: Experimenteller Eifer und Diskussionsfreude

Den Schreiner-Meister und Designer Robin Weidner interessiert die Verbindung zwischen sozialen Faktoren im Design und ihrem Niederschlag in Alltagsgegenständen. Er ist Mit-Entwickler der Mitfahrscheibe, eine an die Parkscheibe angelehnte, analoge Autoanzeige, die die Bereitschaft signalisiert, Menschen im eigenen Fahrzeug mitzunehmen. -  Foto: p
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Den Schreiner-Meister und Designer Robin Weidner interessiert die Verbindung zwischen sozialen Faktoren im Design und ihrem Niederschlag in Alltagsgegenständen. Er ist Mit-Entwickler der Mitfahrscheibe, eine an die Parkscheibe angelehnte, analoge Autoanzeige, die die Bereitschaft signalisiert, Menschen im eigenen Fahrzeug mitzunehmen.

Offenbach - Visionäres und Alltagstaugliches verbindet das Bend Make Change-Festival, dessen achte Auflage am Wochenende interessiertes Publikum anzog. Einen Eindruck konnten sich die Besucher an der Hochschule für Gestaltung sowie beim Waggon am Kulturgleis verschaffen. Von Harald H. Richter

Zugleich bestand die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden. Als Event digitaler Kultur hat es sieben Mal im Sommer stattgefunden, nun steht es als Herbsttermin im Kalender. „Die spätere Austragung scheint das Interesse an unserem Festival sogar noch verstärkt zu haben“, äußert sich Organisator Georg Klein bereits zur Halbzeit der dreitägigen Veranstaltung zufrieden mit der Resonanz. Der neue Name, Bend Make Change, stehe nach wie vor für experimentellen Eifer und Diskussionsfreude, aber auch für künstlerische und musikalische Vielfalt. Das habe die elektronische Nacht zum Auftakt am Kulturgleis-Waggon gezeigt und drücke sich in thematisch vielfältigen Vorträgen aus, die den inhaltlichen Mittelbau bildeten. In diesem Jahr setze die thematische Fragestellung „Freie Daten, gute Daten, böse Daten?“ Festival-Schwerpunkte und gebe Antworten.

Dabei treten die Protagonisten den Beweis an, dass Theorie nicht unbedingt grau sein muss, sondern in spannende und überraschende praktische Selbsterfahrung münden kann. Man bleibe dem Anspruch des Ausprobierens treu, so Orgateamer Daniel Dimov. Das zeigt sich auch am Schlusstag, der in etlichen Workshops Zeit lässt für die Vorstellung von Opensource-Projekten, freier Bildung, Möglichkeiten regional und fair zu produzieren, Elektromobilität, Beispiele dezentraler Energieproduktion, von Urban Gardening und anderen Formen eines lebensfähigen Zusammenlebens.

Paola Wechs, Daniel Dimov, Georg Klein und Arion Funk – vor der Schlosskapelle – organisierten das mittlerweile 8. Bend-Make-Change-Festival.

Robin Weidner, ehemaliger HfG-Student, der inzwischen an der Design Academy im niederländischen Eindhoven seinen Masterabschluss für Social Design anstrebt, ist so ein Experimentierfreudiger. „Mich interessiert die Verbindung zwischen sozialen Faktoren im Design und ihrem Niederschlag in Alltagsgegenständen.“ Der 29-jährige hat eine an die Parkscheibe angelehnte, analoge Autoanzeige mitentwickelt, welche die Bereitschaft signalisiert, Menschen im eigenen Fahrzeug von A nach B zu bringen. Nach ersten Testläufen in seiner Heimatstadt Schwäbisch Gmünd und Interesse des Landes Baden-Württemberg an der Mitfahrscheibe liegt ihm viel daran, das Konzept in der Praxis weiter zu erproben. Weidner möchte das Analoge mit dem Digitalen verbinden, denn die Mitfahrscheibe basiert inzwischen auch auf Open Source Daten und einer App. Und noch etwas liegt ihm am Herzen in Zeiten drohender Verkehrskollapse und zunehmender Luftverunreinigung. „Lieber ein Alleinfahrverbot als ein Dieselfahrverbot.“ Nicht einsam, sondern gemeinsam einen Zielort erreichen, dabei neue Kontakte knüpfen, die Umwelt schonen und Kosten teilen – das verbinde sich mit dem Konzept, welches sich aus den Bausteinen Mitfahrparkplatz an geeigneten Stellen, der Farbe Verkehrsgrün und der Parkscheine bilden lasse. Autos individuell und kollektiv zu nutzen, löse die Probleme zwar nicht, trage aber zu einer Entlastung bei. Statistisch betrachtet säßen in jedem Fahrzeug, das auf Deutschlands Straßen unterwegs sei, lediglich 1,8 Personen, im Berufsverkehr sogar nur 1,2. „In Berlin hat sich gezeigt, dass 44 Prozent der Befragten angebotene Mitfahrmöglichkeiten nutzen und umgekehrt 41 Prozent Fahrten gegebenenfalls auch zu einem geringen Kostenbeitrag anbieten würden.“ Weidner wirbt daher weiter um Nachahmung, die das „Werkzeug“ seines Studentenkollektivs unter anderem in Bielefeld-Quelle und im schleswig-holsteinischen Arnis gefunden hat. Dort helfen spontane Mitfahrgemeinschaften, Lücken im Nahverkehr übergangsweise zu schließen.

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Weitere Vortragsthemen befassen sich ebenfalls mit gesellschaftlichen Herausforderungen, wie Pflanzenvielfalt und Ernährungssicherheit, Datennutzung und Wiederverwertbarkeit beziehungsweise -nutzung von Alltagsgebrauchsartikeln. Und auch da ist Ideenschmied Weidner als Vorreiter unterwegs. Sein zweites Projekt „Open Bridges“ sorgt bereits an mehreren Stellen Offenbachs dafür, dass nicht mehr Benötigtes, aber durchaus noch Brauchbares, in aufhängbaren Fächern für andere hinterlassen werden kann. Entsprechende „Brücken“ lässt er im sonntäglichen Workshop gemeinsam mit handwerklich geschickten Teilnehmern entstehen, bevor das Festival beim Waggon am Mainufer auf die Zielgleisgerade geht.

Weitere Infos: bendmakechange.de

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