Blick zurück auf große Investoren-Pläne

Betonklotz an der Berliner Straße bald Vergangenheit

So hätte das Ensemble (oben ein Modell) gewirkt, wenn Reese seine vier „Hohen C“ (unten der Lageplan) vollendet hätte.
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So hätte das Ensemble (oben ein Modell) gewirkt, wenn Reese seine vier „Hohen C“ (unten der Lageplan) vollendet hätte.

Offenbach -  „Bieberhaus“, „Massa-Markt“, „Toys´R´Us“: Hoffnung auf neue Kundenströme Richtung Innenstadt wusste anfangs jeder neue Ankermieter zu wecken. Bald wird die Betonburg vis-à-vis der S-Bahn-Station Marktplatz abgerissen. Von Matthias Müller

Mit ihr verschwindet eine der letzten originalgetreuen Erinnerungen an den Nachlass des Offenbacher Baulöwen Karl-Heinz Reese. Investor Karl-Heinz Reese gab der weißen Zigarrenkiste den Namen „Parkcenter“. Vermutlich wollte er so die riesigen Ausmaße verniedlichen und nicht nur darauf hinweisen, dass man in diesem Zentrum parken konnte. Echter Erfolg aber war den meisten Kaufleuten, die mit viel Optimismus in die Ladengalerie im Inneren einzogen, ebenso wenig vergönnt wie dem Bauherrn, der vor fast fünfzig Jahren Offenbachs Innenstadt erobern wollte.

Das Versprechen des Selfmademans Karl-Heinz Reese, Offenbach auf „Augenhöhe mit Frankfurt und Berlin“ zu katapultieren, stieß in den sechziger Jahren im Rathaus auf allzu bereitwillige Ohren. Vier Center rund um den Marktplatz, die „hohen C“, sollten das proletarisch geprägte Offenbach verändern, Chic und Flair ins Herz der vom Krieg zerstörten Stadt transplantieren.

Zum Treffpunkt zwischen Einkauf und Schaufensterbummel erkoren der Baulöwe und die Stadtplaner eine neue, doppelstöckige „Zweite Ebene“ über Marktplatz und Berliner Straße. So sollte auf Waschbeton hoch über dem Durchgangsverkehr urbanes Leben zwischen Cafés und Baumkübeln pulsieren. Das „Neue Zeitalter“ währte nur kurz. Im Jahr 1976 meldete Reese Konkurs an. Das Vermächtnis seiner Projekte belastet Offenbach bis heute. Die Gebäude galten bald als „Schandfleck“, „Arroganz in Beton“, als Synonym für das „hässliche Offenbach“.

Verstöße gegen Auflagen

Reese zog in den fünfziger Jahren von Bielefeld nach Offenbach, eröffnete ein Geschäft für Schuhe, die er in einer Halle am Kaiserlei selbst fabrizierte. Früh erkannte er die wirtschaftlichen Potenziale des Areals zwischen Offenbach und Frankfurt, kaufte Grundstücke in der Nachbarschaft, investierte in Bürogebäude. Seine guten Kontakte zu Politik und Rathaus befreiten ihn von mancher Fessel des Baurechts.

Verstöße gegen die eh gelockerten Auflagen, beispielsweise ein nicht genehmigtes Stockwerk, ahndete die Behörde mit 150-Mark-Bußen (75 Euro). Ein Fall für die Portokasse. Die losen Kontakte in die Amtsstuben verfestigten sich bald zu engen Beziehungen.

Reese sei den angenehmen Seiten des Lebens zugewandt, kommentierte die Offenbach-Post. Legenden ranken sich bis heute um die Partys am Pool im Penthouse am Kaiserlei, Treffpunkt einer überparteilichen Reese-Fraktion aus Parlament und Stadtgesellschaft. Früh über Weichenstellungen im Rathaus informiert, vergoldete der Investor die oft verschachtelten Grundstücke zwischen Waldstraße und Marktplatz. „Bei Reese arbeiten die Betonmischer im Akkord“, flüsterte der Volksmund. Eines seiner frühen Projekte war der Bau des Kaufhauses Neckermann in der Frankfurter Straße. Heute betreibt hier der Outletter Tk-Maxx eine Filiale.

Offenbach Center erfüllte nie die Erwartungen

Einmal auf der Erfolgsspur wagte Reese den großen Sprung, den Bau der vier „C“. Den Anfang machte das dreizehngeschossige „Offenbach Center“ an der Berliner Straße. Es war über eine drei Stockwerke hohe Brücke quer über dem Hugenottenplatz mit dem Neckermann verbunden. In die Untergeschosse sollten ein Supermarkt und Läden einziehen. Über der Neckermann-Dependance entstanden Appartements und Büros. Das Offenbach Center erfüllte seit seiner Übergabe im Jahr 1972 nie die Erwartungen. Geschäfte scheuten die Lage abseits der Fußgängerzone.

Kaum 25 Jahre nach der Einweihung demontierten Bagger den Viadukt über den Hugenottenplatz. Setzrisse, wohl eine Folge des S-Bahn-Baus, ließen um die Statik der Überführung fürchten. Viele Büros standen da bereits leer, nur städtische Ämter belegten einzelne Stockwerke. Der Treppenaufgang versetzte die Besucher in ein Geisterhaus. Kaum 30 Jahre nach der Grundsteinlegung zerbröselte der Komplex unter der Wucht einer Abrissbirne. Auf dem Areal steht seit dem Jahr 2002 der City Tower.

Einen Mix aus Büros, Läden, Wohnungen, Gastronomie und Hallenbad konzeptionierte Reese für das „Berlin Center“ an der Ecke Berliner Straße/Marktplatz. Wegen der verwinkelten Räume blieb die Resonanz auch hier gering. 1977 mietete sich – quasi als Retter – das Landratsamt des Kreises Offenbach ein. Als dieses 2002 nach Dietzenbach zog, kaufte und sanierte die Rheinische Grundbesitz AG das Objekt. Bis auf tragende Wände blieb kein Stein auf dem anderen. Der Reese-Bau erhielt eine neue Fassade. In den modernen Büros ist die Stadt Offenbach Generalmieter.

Volksmund verhöhnte Baugrube als „Stadtbad Mitte“

Die Umsetzung seiner City- Center-Pläne an Marktplatz blieb Reese versagt. In der Baubehörde wehte seit Mitte der siebziger Jahre ein neuer Wind. Die Verantwortlichen waren nicht mehr bereit, die Reese-Liegenschaften weiter in den Himmel wachsen zu lassen. Kaum waren die Fundamente fürs City Center gegossen, meldete der Immobilienmogul Konkurs an. Der Offenbacher Volksmund verhöhnte die Baugrube bald als „Stadtbad Mitte“, wohl auch weil in dem vollgelaufenen Loch das Reese-Imperium ersoff.

Im Mai 1981 konnte das City Center endlich eingeweiht werden. Vollendet hat das Projekt die Firma „Kapital und Wert“. „Ein glücklicher Tag für Offenbach“, resümierte der damalige Stadtbaurat. Doch die Freude währte nur kurz. Mieter und Betreiber wechselten in schneller Folge. Im Jahr 1986 bilanzierte die Offenbach-Post „Stimmung in Moll“, die Händler seien enttäuscht. 2015 versuchte der neue Besitzer Josef Buchmann die leer stehenden Etagen mit jungen Kreativen zu reanimieren.

In das „Parkcenter“, Reeses viertes Vermächtnis, zog 1973 das Bieberhaus ein: drei Stockwerke prall gefüllt mit Fernsehern und Kühlschränken. Doch für den Vorläufer der heutigen Elektromärkte war die Zeit noch nicht reif. Im März 1976 machte das Unternehmen mit 750 Mitarbeitern Pleite.

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Nach langem Leerstand kam erst 1982 mit Massa ein neuer Hauptmieter. Als „Kundenmagnet“ gefeiert, konnte der Discounter nie den optimistischen Prognosen gerecht werden. 1992 war Schluss. Es dauerte rund zehn Jahre, um einen Nachfolger zu finden. Der Spielwarenvertrieb Toys’R’Us zog in ein schwieriges Umfeld. Inzwischen prägten rund um die ungenutzten Flächen Billigläden den Ruf der Einkaufsmeile. Trotz niedriger Gebühr herrscht in den Parketagen gähnende Leere.

Die Autofahrer mögen sich nicht mit verqueren Zufahrten, dunklen Ecken und herumliegendem Unrat anfreunden. Die heute überall abblätternde Farbe entlarvt das einst gepriesene Flaggschiff als Schrottimmobilie. Ihr Ende wirkt fast wie eine Erlösung für Offenbach.

Die neuen Eigentümer Michael Dietrich und René Rudolph haben auch das City Center auf der anderen Straßenseite erworben. Die Sanierung der beiden Gebäude gleicht einem Totalabriss. Hinter einer gegliederten hellen Fassade und einer großzügigen Innenausstattung planen sie einen Mix aus Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und ein Hotel. Die Öffnung zum Main soll einen Beitrag zur Aufwertung der City leisten.

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Mit dem alten City Center verschwindet auch ein letzter Rest der „Zweiten Ebene“. Die Betonkrake, die die Innenstadt auf kurzen Wegen verbinden wollte, trennte sie in Wahrheit. In ihren dunklen Nischen blühte lange Zeit nur das Geschäft der Dealer, eine No-go-Area. Einige Überwege kappten die Planer bereits für den Bau der S-Bahn. Im Jahr 2005 zerkleinerten dann riesige Presslufthämmer die Betonplatten über dem Marktplatz und der Schutt plumpste zehn Meter tief auf die Fahrbahn. 40 Jahre nach den Luftschlössern eines Karl-Heinz Reese war Offenbach auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Eine Bausünde auf Abruf. Wenn alles glatt geht, hat ein Betonklotz an der Berliner Straße 2018 als letztes komplettes Jahr erlebt. Ein Blick zurück auf große Investoren-Pläne.

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