„Gefährliches“ Gebiet am Nordring

Betreiber von MTW und Robert Johnson ärgert sich über Polizeieinsätze

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Unscheinbar von außen, für Electro-Fans spektakulär von innen und nach Polizeiansicht gefährlich: Das Robert Johnson.

Offenbach - Wenn Musikmagazine die besten Clubs der Welt wählen, ist das Offenbacher Robert Johnson regelmäßig dabei. So beliebt der Club bei Freunden der Electro-Musik ist, so aufmerksam beäugt ihn die Polizei: Das Gebiet am Nordring, zu dem auch die Lokale MTW und Hafen 2 gehören, gilt bei ihr als „gefährlicher“ und damit häufig zu kontrollierender Ort. Von Christian Wachter

Klaus Unkelbach, Geschäftsführer von MTW (früher: Musikterrasse Wiking) und Robert Johnson, ist erleichtert. Die Polizeikontrollen vor seinen Clubs, die manch einem Besucher Unbehagen bereitet hätten, seien in den letzten Monaten zurückgegangen. Was sich jedoch in den zwei Jahren vorher dort abspielte, ärgert ihn immer noch. Seit 2013 hätten Polizeibeamte ankommende Gäste regelmäßig kontrolliert, ob sie Drogen mit sich führten. Und das wenig zimperlich: So habe die Polizei Außendienstler eines großen Energydrinkherstellers bis auf die Unterhose gefilzt, bevor der Club überhaupt geöffnet hatte. Bei anderer Gelegenheit seien Beamte in Zivil aus dem Gebüsch gesprungen und hätten Gäste aufgefordert, sich auszuweisen. Auch seine Mitarbeiter seien schon durchsucht worden, erzählt Unkelbach: „Dabei hat es lange ein Miteinander mit steter Dialogbereitschaft gegeben, auch weil wir uns gegen Drogen aussprechen und Verstöße melden.“

Seit 1990 gibt es das MTW, seit 1997 das Robert Johnson. Unkelbach fragte nach, weshalb seine Gäste auf einmal kriminalisiert würden. „Der Beamte sagte was von einem verrufenen Ort, er meinte aber einen gefährlichen.“ Die Nachfrage bei der Polizei ergibt: Das Areal um den Nordring ist tatsächlich ein Ort, für den §18 Abs. 2 des Hessischen Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung gilt. Für Polizeisprecher Ingbert Zacharias sind die verstärkten Kontrollen angebracht. Besucher solcher Lokalitäten stünden, so Zacharias, zumindest im Verdacht Drogen mit sich zu führen. Das seien „Straftaten von besonderer Bedeutung“. Den Einwand, dass es sich meist um Menschen handle, bei denen wegen geringer Mengen von einer Strafverfolgung abgesehen werden könne, will er nicht gelten lassen: „Wir haben einen Strafverfolgungszwang, würden uns strafbar machen, wenn wir solchen Delikten nicht nachgehen würden. Die Wertung ist dann Sache der Justiz“.

Man kontrolliere in unregelmäßigen Abständen an wechselnden Orten: „Dies kann dazu führen, dass die Zahl der Maßnahmen von den Betroffenen als subjektiv ansteigend oder abnehmend wahrgenommen wird.“ Mit Daten, wie viele Kontrollen vor den Clubs stattfanden und welche Mengen an Drogen gefunden wurden, kann oder will die Polizei nicht dienen. Auch die Frage, welche anderen „gefährlichen“ Orte es in Offenbach noch gebe, etwa solche, die eher durch Gewalt- denn Drogendelikte auffallen, lässt die Polizei unbeantwortet.

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Der Frankfurter Anwalt Markus Künzel vertritt einen Klienten, der sich als Opfer polizeilicher Willkür fühlt. Sein Mandant gibt an, im letzten Sommer auf dem Nachhauseweg vom Hafen 2 von einer Zivilstreife aufgegriffen worden zu sein. Ein Beamter habe gedroht, ihn zu filzen; auf die Bitte, sich auszuweisen, habe er auf seine Dienstwaffe gezeigt und gesagt, dass das als Ausweis reichen müsse. Den Vorfall, erzählt Künzel, wolle er keineswegs versilbern, vielmehr gehe es darum, zu prüfen, ob es sich dabei um einen unrechtsmäßigen Grundrechtseingriff gehandelt habe.

Den Begriff Gefährdungsort sieht er dabei kritisch, weil es hierzu bislang keine eindeutige Rechtsprechung gebe. Er hat aber eine Idee, weshalb mit dem Nordring ein Ort als solcher gilt, der eher weniger durch gewalttätige Auseinandersetzungen auffällt. Er vermutet, dass die Polizei so die Statistik aufhübschen möchte. Der Anwalt drückt das so aus: „Der Polizei bieten verstärkte Kontrollen die Möglichkeit, ihre Interessen selbst zu definieren, sich eigene Eingriffsvoraussetzungen zu setzen und so ministeriale Forderungen zu erfüllen.“ Denn, so der Anwalt: „Straftat ist Straftat, und jede Straftat ist ein Aktenzeichen“. In diesem Kontext spielt es also keine Rolle, ob die Polizei einen Großdealer ausfindig macht, oder einen Konsumenten vor einem Club aufgreift.

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Ungerecht behandelt fühlt sich auch Oliver Bauer. Als Musical Director kümmert er sich um das Booking und die Technik des Clubs; unter seinem Alias Oliver Hafenbauer legt er selbst häufig im Robert Johnson auf. „Es ist nervig, sich vor der Polizei zu rechtfertigen und seine Unschuld ohne konkreten Verdacht beweisen zu müssen“, erzählt der DJ. Gefährlich findet er es Im Robert Johnson nicht: „Wir legen Wert darauf, dass die Gäste sich wohl fühlen. Schlägereien habe ich noch nie mitbekommen.“

Wenn er Auftritte in Städten wie Sao Paulo, Seoul oder Taipeh habe, sei der Club vielen ein Begriff. „Das Robert“, sagt der gebürtige Offenbacher, habe viele DJs groß gemacht. Und ob in Asien oder Südamerika - in der Electro-Szene sei der Club überall bekannt. Dadurch finde auch die Stadt Offenbach immer wieder Erwähnung. Häufig werde er eingeladen, weil das Robert Johnson die Stadt auf die Bildfläche bringe, etwa von der Tourismusmesse. Die repräsentative Funktion des Robert Johnson, mache ihn stolz, sagt er. Nur würde er auch gerne in Offenbach mehr davon spüren. „Was die polizeilichen Maßnahmen angeht, fühlen wir uns aber oft ausgeliefert“, so Bauer.

Polizeirecht

Im § 18 HSOG (2) ist geregelt, wo die Polizei die Identität einer Person feststellen kann: „An einem Ort, an dem Personen Straftaten verabreden, vorbereiten oder verüben, sich Personen ohne erforderlichen Aufenthaltstitel treffen, sich Straftäter verbergen, oder an dem Personen der Prostitution nachgehen.“ Die Befugnisse der Polizei steigen dann auch bei verdachtsunabhängigen Kontrollen. Dass das Gebiet um Robert Johnson, MTW und Hafen 2 als solch ein Ort gilt, verärgert Gäste und Betreiber.

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