Ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis

Bewohner berichten aus Notunterkünften

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Blanke Kabel, illegale Müllablagerungen im Innenhof und generelles Besuchsverbot: Die Zustände in Offenbachs Notunterkünften sind nicht immer angenehm.

Offenbach - Bewohner von Offenbacher Notunterkünften berichten von ihrem Alltag und der schwierigen Suche nach Bleibe und Job. Von Jenny Bieniek

Bis vor wenigen Wochen lebte Horst Maurer (Name geändert) noch in einer Gemeinschafts-Notunterkunft und hatte ein eigenes Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Dann teilte ihm die Behörde schriftlich mit, dass er das Zimmer binnen zwei Tagen verlassen müsse. „Ohne Begründung“, wie er sagt. Maurer ist 54 Jahre alt, geschieden und hat drei Stiefkinder. Seit er in Notquartieren lebt, ist der Kontakt abgebrochen.

Ein Zusammenspiel aus gescheiterter Selbstständigkeit, ausbleibendem Lohn, vorgeworfenem Betrug, nicht gezahlten Bußgeldern und Schufa-Eintrag brachte den gelernten Industriemechaniker Ende 2012 ans finanzielle Limit. Obdachlosigkeit drohte. Seitdem ist er diverse Male umgezogen, von einer Notunterkunft in die andere. Nur gelegentlich ergattert er einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma, meist nur für wenige Wochen. „Ich habe keine Freunde, keine Familie mehr.“ Er schämt sich.

Die Zustände in der ihm zuletzt zugewiesenen Gemeinschaftsunterkunft wollte Maurer trotzdem nicht länger hinnehmen. Da war der riesige, immer weiter wachsende Sperrmüllhaufen im Hof. „Fremde Leute haben ihren Müll einfach dazugestellt“, sagt er. Dann sei vier Wochen lang in der Wohnung kein warmes Wasser geflossen; in den Wänden klafften Löcher, der Abfluss sei kaputt gewesen, das Licht im Hausflur defekt, das Bad schimmelig. „Der Hausmeister tut, was er kann, aber er kriegt kein Geld für die Renovierung, weil Mainarbeit und Diakonie (Dachverband der ZVU; die Red.) sich um die Kosten streiten“, behauptet Maurer.

Hausrecht vor Grundrecht

Neben den Zuständen stört er sich vor allem am generellen Besuchsverbot. „Hausrecht geht vor Grundrecht“, habe ihm der zuständige Sachbearbeiter auf seine Beschwerde hin gesagt. Maurer versteht die Welt nicht mehr. „Jeder verurteilte Straftäter darf im Gefängnis Besuch empfangen, ich aber sehe mich meiner sozialen Kontakte beraubt“, klagt er. „Ich verlange keinen Luxus, ich will nur menschenwürdig leben und in der Küche kochen können, ohne mich um meine Gesundheit sorgen zu müssen.“

Blanke Kabel, illegale Müllablagerungen im Innenhof und generelles Besuchsverbot: Die Zustände in Offenbachs Notunterkünften sind nicht immer angenehm.

Beschwerden werde seitens der zuständigen ZVU jedoch selten nachgegangen. Maurer glaubt, dass die Verbannung ins Hotel eine Art Strafe für seine Schreiben war. Das Zimmer dort war deutlich kleiner als sein vorheriges, Gelegenheit zum Kochen oder Wäschewaschen gab es nicht. Seit dem Umzug habe er zudem noch keine einzige Rückmeldung auf abgeschickte Bewerbungen gekommen. „Die Arbeitgeber googeln meine Adresse und sehen, dass ich in einem Hotel wohne. Dann wissen sie genau, was los ist, und sind abgeschreckt“, glaubt Maurer. Die Unterbringung in Notunterkünften wird so schnell zum Teufelskreis: Ohne richtige Anschrift kein Job, ohne Job kein Geld und damit kaum Chancen auf eine andere Wohnung. Leidensgenosse Norbert* kennt das Problem. Er wohnt nach eigenen Angaben seit zehn Jahren in einer Gemeinschaftsunterkunft im Senefelderviertel. Doch er ist zufrieden mit seiner Bleibe: „Die Zimmer sind sauber und gepflegt.“

Auch er hat sich in der Vergangenheit vergeblich um eine reguläre Bleibe bemüht. „Mit meiner Anschrift kriegt man nichts“, so seine Erfahrung. Unter Vermietern seien die einschlägigen Adressen bestens bekannt. Inzwischen hat Norbert resigniert und sich mit seiner Situation abgefunden. Für derartige Fälle gibt es eigentlich Hilfe vom Amt: Wer nachweisen kann, dass er sich erfolglos um 20 verschiedene Wohnungen bemüht hat, erhält einen sogenannten Maklerschein, um auf Hilfe vom Profi zurückgreifen zu können.

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In der Praxis hilft dieser Schein aber kaum. „Meistens heißt es: Vom Amt nehmen wir keinen“, berichtet Detlef (Name geändert), der sein Hotelzimmer im Nordend mit zwei anderen Männern teilen muss. Das wissen auch die Verantwortlichen bei den Behörden. Eine Mitarbeiterin der Mainarbeit bestätigt auf Nachfrage: „Diese Scheine bringen de facto nichts mehr, weil unsere Kunden für Makler keine interessante Zielgruppe sind.“

Maurer musste inzwischen auch das Hotelzimmer räumen. Er zieht demnächst auf den Campingplatz zwischen Bürgel und Rumpenheim. „Mit einer Kostenzusicherung über nur 20 Euro pro Nacht habe ich nichts anderes gefunden“, sagt er. Die Mainarbeit könne ihm derzeit nichts anbieten. „Dabei weiß ich von Freunden, dass in ihrer Unterkunft seit Wochen ein Zimmer leer steht.“

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