Eine Frage der Windrichtung

In Bieber ist von Lärmpausen nichts zu spüren

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Bei Ostwetterlage schauen Torsten, Geraldine und Karin Welte gern in den Himmel, denn dann herrscht Ruhe über Bieber. „Bei Westwind versuchen wir, von hier wegzukommen“

Offenbach - Seit April dieses Jahres versucht die hessische Landesregierung, Kommunen rund um den Frankfurter Flughafen zu entlasten. Das sogenannte Lärmpausenmodell soll auch Offenbach Linderung bringen. Davon spürt Familie Welte in Bieber noch nichts. Von Rebecca Röhrich 

Wenn Karin Welte morgens um 5.45 Uhr aufsteht, sind in der Regel bereits 20 bis 30 Flugzeuge über ihr Haus in Bieber hinweggeflogen. Ohne Lärmschutz vom Hörakustiker kann die zierliche 49-Jährige nicht mehr schlafen. Daran hat auch das Lärmpausenmodell der Landesregierung nichts geändert. Das Modell sieht für die Offenbacher eine Aufteilung der Lärmbelastung vor: Abends zwischen 22 und 23 Uhr sollen die nördlichen Stadtteile entlastet werden. Als Ausgleich für die Belastung am Abend erhalten die 13.800 betroffenen Bewohner in den südlichen Stadtteilen morgens eine Stunde weniger Lärm. Laut Modell soll es mit dem Landeanflug bei Westwetterlage erst ab 6 Uhr losgehen.

„Die fliegen immer noch ab 5 Uhr direkt durchs Schlafzimmer“, widerspricht Karin Welte der offiziellen ersten Zwischenbilanz von Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne), dass die morgendlichen Lärmpausen im Süden der Stadt seit Beginn des einjährigen Testlaufs eingehalten worden seien. Karin Weltes Eindruck bestätigt auch ein Blick in das Archiv der Messstelle für Fluglärmereignisse des Flughafenbetreibers Fraport. Zwischen 5 und 6 Uhr morgens, an beliebigen Tagen in Mai und Juni, fliegen die Flugzeuge bereits ab 5.15 Uhr und in regelmäßigen Abständen über Bieber. Dabei sollte damit laut dem Fluglärmmodell seit April Schluss sein.

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Der Alltag der Familie richtet sich weiterhin nach dem Wind. „Wir nutzen täglich einen Online-Wetterdienst, um die Tage und Nächte zu planen“, sagt Torsten Welte. Bei Ostwind, wenn Richtung Offenbach gestartet werde, sei alles gut. „Dann sage ich den Kindern, dass sie ihre Fenster nachts offen lassen können.“ Hausaufgaben können sie bei dieser Wetterlage draußen machen. Auch die Wochenenden verbringen sie dann im heimischen Garten ihres Reihenhäuschens. „Bei Westwind versuchen wir von hier wegzukommen“, sagt Karin Welte. Weltes machen dann Ausflüge in Regionen, die nicht so stark vom Fluglärm betroffen sind.

Karin Welte und ihre jüngere Tochter sind dem Fluglärm sonst von morgens bis abends ausgesetzt. Die Mutter arbeitet in der Offenbacher Innenstadt, Tochter Geraldine besucht die Marienschule. Tochter Jannice studiert in Darmstadt, Vater Torsten arbeitet in Frankfurt. Die beiden haben tagsüber tatsächlich „Lärmpause“. Kein Familienmitglied kann vor Mitternacht schlafen. „Es gibt anscheinend viele Sondergenehmigungen für Anflüge nach 23 Uhr“, so Vater Welte. Es fühlt sich für den Bankkaufmann zumindest so an. Mehr als fünf Stunden Schlaf sind meist nicht drin. Die Weltes sind überzeugt: Gesund kann das nicht sein. Seit drei Jahren leidet der 50-jährige Torsten Welte unter Bluthochdruck. Ungewöhnlich für einen schlanken, sportlichen Mann in seinem Alter. Einen Zusammenhang mit den permanenten Überflügen kann das Ehepaar offiziell nicht herstellen. Auch sei ihr Haus zu neu, um Schallschutzfenster von Fraport bezahlt zu bekommen. Die stattdessen angebotene Lüftungsanlage würde nichts bringen. „Wir werden ohne Gehörschutz bei geschlossenen Fenstern wach“, so Karin Welte.

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Besonders mit Blick auf ihre Kinder macht die Lärmsituation die gebürtige Heusenstammerin wütend. Ein Schlüsselerlebnis hatte die Versicherungsangestellte bereits, als ihre jetzt 14-jährige Tochter noch ein Baby war. „Ich habe im Keller gebügelt, Geraldine schlief oben in ihrem Bettchen“, erzählt sie. Schon damals sei bei jedem Überflug das Babyfon angegangen. Auch das kleine Mädchen sei davon immer wieder wach geworden. Es sei unglaublich, wie die wirtschaftlichen Interessen über das Wohl der Menschen, die hier lebten, gestellt würden. „Wir werden uns nie daran gewöhnen und immer weiter dafür kämpfen, dass die Flugverbotszeiten an die gesetzlich geltenden Nachtzeiten angeglichen werden.“ Am Tag des Besuchs bei den Weltes ist seltene Ostwetterlage. Nur vereinzelt sind über Bieber Flugzeuge zu hören. Den Lärm müssen gerade andere Bewohner des Rhein-Main-Gebiets ertragen. Auch nicht gerecht, findet die Familie. Für sie aber bedeutet es ein wenig Ruhe. „Wir sind es gewöhnt, immer laut zu reden“, so Karin Welte. Dies merkten sie immer, wenn der Lärm aufhöre. „Mir ist gerade heute wieder aufgefallen, wie viele Vögel hier singen“, merkt Torsten Welte an. „Ich habe heute sogar die Kirchenglocken gehört“, ergänzt seine Frau. Dann schweigen beide. Sie können den Abend in ihrem Garten verbringen.

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