Kultur und Gastronomie im Wiener Hof

Kult-Gastronomie in Offenbach: Ein schwieriges Pachtverhältnis

Auch Gaststätte und Biergarten müssen ihren Beitrag leisten: Über mangelnden Besuch können Wirt Blacky und Bedienung Mimi nicht klagen. 
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Auch Gaststätte und Biergarten müssen ihren Beitrag leisten: Über mangelnden Besuch können Wirt Blacky und Bedienung Mimi nicht klagen.

Dem Wiener Hof in Bieber wurde 2013 der Kulturpreis verliehen. Das Verhältnis zwischen Verpächterin und Pächter bleibt ansonsten ein spezielles.

  • Wiener Hof in Bieber Kult-Gastronomie
  • Verhältnis zwischen Vermieter und Pächter schwierig
  • Stadt Offenbach geriet notgedrungen in den Besitz

Offenbach - Heutzutage darf der Toilettengang in der Langener Straße 23 enttäuschen. Picobello sauber, ja, aber nicht einst geweckten Erwartungen entsprechend: solide Leistung des Sanitärhandwerks, aber kein Luxus von bischöflicher Dimension. Kein „Klo Tebartz“, wie es Wiener-Hof-Betreiber Reinhard „Blacky“ Prekel und sein Künstlerfreund Hagen Bonifer vor fünf Jahren satirisch voraussahen, nachdem die Stadt Offenbach als Vermieterin ihren Kostenvoranschlag für die Sanierung der unzumutbar gewordenen Anlage präsentiert hatte.

87 800 Euro waren für die Planer der Offenbacher Projektgesellschaft ein angemessener Betrag für eine umfangreiche Ertüchtigung. Auf die hatten Wirt Prekel und seine Karin, immer wieder mahnend, lange genug gewartet. Die Stadt lässt sich ihr bauliches Engagement in der Immobilie jedoch auch bezahlen: Die Pacht ist zeitgleich um 400 Euro pro Monat in die Höhe gegangen.

Blacky Prekel in Offenbach: Ein schwieriges Pachtverhältnis

Die Kombination aus regelmäßig geöffneter Gaststätte und Konzertsaal stellt sozusagen das eine Ende einer kulturellen Achse für ein gewisses Alter erreicht habender Liebhaber populärer Musik und Kleinkunst dar. Das andere Ende wäre das städtische, übers Jugendkulturbüro organisierte Zentrum in der Sandgasse 26. Im Gegensatz dazu muss der Wiener Hof ohne öffentliche Subventionen auskommen; seine Veranstaltungen finanziert Prekel aus Eintrittsgeldern („Die soll sich jeder leisten können.“) und Erlösen aus der Gastwirtschaft. Immerhin, 2013 zeigte sich die Stadt erkenntlich und verlieh den Bieberern ihren Kulturpreis.

Ansonsten bleibt das Verhältnis zwischen Verpächterin und Pächter ein spezielles. Aus dem Liegenschaftsamt sei ihm übermittelt worden, die Immobilie in der Langener Straße werde als Klotz am Bein betrachtet, bei dem man eh nur drauflege, erzählt Prekel. Trifft das zu, könnte es manche Zögerlichkeit erklären. 2017 monierte das kommunale Veterinäramt, der Fußboden hinter der Küche und in anschließenden Räumen müsse dringend erneuert werden.

Das Liegenschaftsamt sah sich zunächst keineswegs in der Pflicht, worauf sich Reinhard Prekel an seinen Oberbürgermeister, Kulturdezernenten und Mit-Bieberer Felix Schwenke wandte: „Wir gehen seit Jahren sehr langmütig mit unserem Vermieter um, und das hat uns an wirtschaftliche Grenzen gebracht.“

Blacky Prekel in Offenbach: Wirtsleute bleiben auf 2500 Euro sitzen

Die Stadt zahlte. Auf 2 500 Euro, die für eine neue Abtrennung eines Büros notwendig wurden, bleiben die Wirtsleute aber sitzen. Was jetzt noch ausstünde, wäre eine heutigen Erfordernissen angemessene Dachboden-Isolierung eines Gebäudes im Besitz einer Stadt, die viel auf ihr Engagement fürs Klima hält. „Da oben liegen die Dachziegel direkt auf dem Gerüst“, beschreibt Blacky Prekel die Abweichung vom andernorts verlangten Standard. „Wir brauchen doppeltes Heizöl, um den Saal im ersten Stock richtig warm zu kriegen.“

In den Besitz des ihr ein wenig lästig erscheinenden Anwesens kam die Stadt nicht aus eigenem Antrieb. Um Anfang der 1990er Jahre eine Turnhalle für die benachbarte Mauerfeldschule bauen zu können, wurde ein Teil des Wiener-Hof-Biergartens als Baugrund benötigt. Der damalige Eigentümer wollte aber nur komplett verkaufen.

Ein umfangreiches und anspruchsvolles Programm im Wiener Hof (hier die Hofwand mit alten Plakaten) ist nicht nur mit Eintritt zu finanzieren. 

So geriet die Stadt eher notgedrungen in den Besitz eines der ältesten noch bewirtschafteten Gastronomiebetrieben. Dessen weltstädtischer Name verdankt sich dem Umstand, dass vor rund 120 Jahren der erste Wirt Peter Kaiser sehr gern mit seinen Erlebnissen in der österreichischen Metropole prahlte und deshalb bei den Bieberern nur „de Wiener“ hieß...

Reinhard Prekel steht seit knapp 20 Jahren an Konzertkasse und Zapfhahn. Bei der Offenbach-Post zum Chemographen ausgebildet und viele Jahre als Sozialarbeiter in Wiesbaden, Hanau und Offenbach tätig, spielte Prekel in der Allstars-Band des seit 1996 Kultur und leibliches wohl vereinenden Wiener Hofs Saxofon. 2001 übernahm er den Laden. Seitdem gestaltet er sein Pachtverhältnis zur Kommune mit humorvoller Streitbarkeit.

Auch der Chor Hemmungslos Bieber, Jazzverein oder Heinrich-Heine-Club nutzen die Räumlichkeiten. Bis zu 50 eigene Veranstaltungen im Jahr locken an die 5 000 Leute nach Bieber. Die bewährte Mischung aus Rock, Blues, Jazz, Kabarett, Comedy und Experimentellem will der 65-Jährige noch ein paar Jährchen anbieten. Anschließend keine Nachfolge parat zu haben, wäre freilich ein kultureller Verlust für die Offenbacher Region.

VON THOMAS KIRSTEIN

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