Boardinghaus im Kleinen Biergrund

Gelungene Aufwertung

+
Im Erdgeschoss Läden und Restaurants, im noch nicht ganz fertigen ersten Stock künftige Büros und Rezeption fürs Boardinghouse und darüber, in den abgestuften Etagen, die derzeit fast komplett belegten Wohnungen auf Zeit. Kein Zweifel: Die Immobilie Berliner Straße 48, eigentlich an Salzgässchen und Kleinem Biergrund gelegen und einstiger Problemfall für die Stadtentwicklung, hat sich dank des Investors Rudolph Bau GmbH aus Obertshausen zum Vorzeige-Objekt gewandelt.

Offenbach - Vom Matratzenlager zum Zuhause auf Zeit: Einstige Schmuddel-Immobilie im Kleinen Biergrund ist umgebaut und bereichert ein Innenstadt-Viertel, das den Wandel dringend benötigt hat. Von Matthias Dahmer

Auf eine offizielle Einweihung wurde verzichtet. Dabei hätte man allen Grund, sich ein wenig feiern zu lassen. Denn das, was die Rudolph Bau GmbH aus einem einstigen Schandfleck im Herzen der Stadt gemacht hat, ist durchaus der Bewunderung wert. In der Berliner Straße 48, einem fünfgeschossigen Gebäude, das eigentlich im Salzgässchen gegenüber der Hauptstelle der Städtischen Sparkasse steht, ist in eineinhalb Jahren Umbauzeit ein sogenanntes Boardinghouse entstanden. Es handelt sich um insgesamt 31 Appartements in einer Größe zwischen 30 und 70 Quadratmetern, die – in einer Mischung aus Hotel und normaler Mietwohnung – für Leute gedacht sind, die etwa beruflich nur einige Wochen oder Monate in der Region tätig sind.

Razzia im Oktober 2011: Im Zuge eines Korruptionsfalls in der Stadtverwaltung durchsuchte die Polizei das Gebäude.

Das Konzept geht offenbar auf. Derzeit stünden nur vier Wohnungen leer, sagt René Rudolph, Geschäftsführer des Investors aus Obertshausen. Im Erdgeschoss findet sich weiter das Traditionsgeschäft Schirm-Schäfer, nebenan haben ein neuer „Grieche“ und ein „Inder“ eröffnet. „Nur ein Laden ist noch frei. 180 Quadratmeter, geeignet für Gastronomie, Büros oder Einzelhandel“, wirbt der Geschäftsmann Rudolph. Im ersten Stock wird noch an der Rezeption fürs Boardinghouse gezimmert, eine Hälfte der Etage ist fest an Architekten vermietet, in der anderen könnte sich Rudolph junge Unternehmen vorstellen. Ab dem zweiten Geschoss darf in modern eingerichteten Appartements gewohnt werden. Von den größten im fünften Stock oder auch von der Dachterrasse im vierten hat man einen fast ungestörten Blick auf den Wilhelmsplatz und den dortigen Wochenmarkt. Die Vermietung im Boardinghouse, sagt Rudolph, läuft in erster Linie übers Internet. Auf www.boardinghouse-offenbach.de kann man sich über Verfügbarkeit, Preise und Ausstattung der Wohnungen informieren.

Wie viel das Obertshausener Unternehmen in die formell unter „Umnutzung“ laufende Sanierung gesteckt hat, mag der Geschäftsführer nicht verraten. Sicher ist: Es war ein hartes Stück Arbeit, dem stadtbild-prägenden Gebäude eine positive Strahkraft für ein Viertel zu verleihen, das zu kippen drohte.

„Die Lage ist gut und die neue Nutzung sinnvoll"

Die jüngere Geschichte der Immobilie Berliner Straße 48 ist in der Tat keine besonders ruhmreiche: Bauherrin des Komplexes war die im Jahre 2002 verstorbene Maria Bauer aus Bieber, die die sogenannte Marmorvilla im Stadtteil ihr Eigen nannte und der geschäftliche Beziehungen ins Frankfurter Rotlichtmilieu nachgesagt wurden. Unter den nachfolgenden Besitzern ging es mit dem Wohn- und Geschäftshaus bergab. „In den besten Zeiten hausten im dritten Stock 120 Bulgaren und Rumänen auf Matratzenlagern. In dem Gebäude herrschten mafiöse Strukturen“, sagt René Rudolph.

Auch unsere Zeitung berichtete im Januar 2012, kurz bevor Rudolph das Objekt erwarb, über die Zustände: Acht Euro wurden den Südosteuropäern pro Nacht und Matratze abgeknöpft. Ende Oktober 2011 flog das Ganze bei einer Razzia auf, die im Zuge eines Korruptionsverfahrens in der Stadtverwaltung lief. Zum Matratzenlager kam über Monate unerträglicher, die Nachbarn im Biergrund auf den Plan rufender Gestank aus der vermüllten und von Ratten besiedelten Tiefgarage.

Kaufbedingung, berichtet René Rudolph, sei gewesen, dass der Vor-Eigentümer diese Nutzungen beseitigt, sprich den unliebsamen Bewohnern kündigte. „Das hätten wir sonst nervlich nicht durchgestanden.“ Die Zusammenarbeit mit den städtischen Ämtern sei grundsätzlich gut gewesen, so der Investor. Für die Gestaltung der nun dezent-dunkelgrauen Fassade habe es sogar einen kleinen Zuschuss aus einem Förderprogramm gegeben. Warum er sich gerade dieses Objekt ausgesucht hat? „Als Offenbacher kannte ich das Gebäude und seine Geschichte. Die Lage ist gut und die neue Nutzung sinnvoll“, meint René Rudolph. Dem kann wohl niemand widersprechen.

Bilder der Offenbacher Woche

Bilder der Offenbacher Woche

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare