Zeichen des Zusammenhalts

BOK-Galerie präsentiert Kunstwerke aus der Zeit der Kontakteinschränkungen

„Analogie des Gemeinsamen“ ist der Titel des Beitrags von Bildhauerin Brigitte Gutwerk.
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„Analogie des Gemeinsamen“ ist der Titel des Beitrags von Bildhauerin Brigitte Gutwerk.

Mit Geschick, Fantasie und Beharrlichkeit – und mit Hilfe wöchentlicher „Kulturbeutel“-Beiträge - haben die Mitglieder des Bundes Offenbacher Künstler (BOK) die coronabedingte Pause überbrückt.

Offenbach – Wie kreativ sie Krisenzeiten bewältigen, sieht man noch bis Freitag, 31. Juli, an neueren Arbeiten in der BOK-Galerie, Kirchgasse 29. Karin Nedela stellt die Kulturbeutel-Präsentationen auch weiterhin freitags für eine Woche ins Netz. Die zweite Vorsitzende des Künstlerbundes erklärt: „Jedesmal befüllt ein BOK-Mitglied mit seiner Arbeit und Texten den Kulturbeutel im Internet, auch als Zeichen des Zusammenhalts und künstlerischer Tätigkeit. Wir sind voll da. Auf den Titel kamen wir durch das nützliche Utensil des täglichen Gebrauchs, das vieles aufnimmt, transportiert und verbirgt.“

Die Ausstellung in der Galerie stellt die unterschiedlichen Positionen in reizvollen Vergleichen dar. Hohen Wiedererkennungswert haben bissig-witzige Zeichnungen der Cartoonisten Leonore Poth und Klaus Puth. Von der Corona-Pandemie geschockt wie viele andere, machte sich die Tochter des Frankfurter Karikaturisten Chlodwig Poth an die Bewältigungsarbeit. Im Kabinett gefriert einem das Lächeln, wenn man sieht und liest, was Poth mit Tusche, Blei- und Buntstift auf postkartengroßen Tagebuchkärtchen festhält. Wort- und Gedankenfetzen sind, mit oder ohne Sprechblase, verteilt: „19.3. Ausgehverbot in Spanien, Aufnahmestopp für Pflegeheime, Urlauber in Sonderflugzeugen nach Hause geholt, Italien meldet mehr Tote als China.“

Auch Szenen vom Ruderverein Blau-Weiß, Bockenheimer Wochenmarkt oder aus der Straßenbahn dokumentieren, wie schnell vergessen wird. Die farbigen Puth-Cartoons verwandeln seine satirischen Versionen zu Grimms Rotkäppchen, Aschenputtel, Schneewittchen oder Froschkönig märchenhaft-spöttisch und transportieren sie in Corona-Zeiten. „Küss mich“, fordert der Frosch die Prinzessin auf, „ich bin ein verzauberter Virologe“.

Auf die Frage „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste…“ folgt die Antwort des Spiegels: „Ein Meter fünfzig Abstand.“ Und sieben Geißlein fordern den bösen Wolf auf: „Zeig uns deine Atemschutzmaske.“ Lachen und Gruseln liegen auch bei Reda Marija Richters Ölbild „Virus“ dicht beieinander, bei der sich in einem Stadthaus Eingeschlossene die Nasen an den Fenstern plattdrücken. Gegen Ängste stellt sich Bildhauerin Hannah Schmider mit der Lindenholz-Skulptur „Mich haut so schnell nix um“. Sie zeigt einen weiblichen Akt mit festem Stand und gelassen nach vorne gerichtetem Blick, tief verwurzelt im Erdinneren.

Andere gehen das Thema weniger mit Humor als großem Ernst an. Anja Hantelmann setzt coronatypische Vereinsamung ins Bild, durch einen dunklen Raum mit leerem Stuhl am offenen Fenster. Da scheint die Zeit angehalten. Ursula Zepter hat ihre Digitalcollage „Im Fadenkreuz“ um einen Corona-Virus ergänzt. Das Fadenkreuz stammt von 1991, als im Golf-Krieg von US-Soldaten der Bunker gesprengt wurde, in dem sich Iraks Diktator Saddam Hussein versteckt hielt. Andreas Masche steuert eine Bleistiftzeichnung zu einer verlassenen Sprendlinger Villa bei, die mit Schutt angefüllt ist und in der abgestürzte Deckenbalken wie Barrikaden auf dem Boden liegen.

Im Ungewissen bleibt die Polarscannographie „what´s about genesis“ von Karin Rosemarie Bleser. Petra Maria Mühl zeigt einer ihrer „WegKreuz“-Andachtstafeln aus Acryl auf Seidenpapier, auch um Entscheidungen wie „Zuhause bleiben oder ausgehen“ besser reflektieren zu können.

Weniger gebeutelt von Corona-Problemen erscheinen andere Arbeiten. Johannes Kriesches farbenfrohes, schwebend leicht wirkendes Ölgemälde der „Inner-Circle“-Serie steht für seinen malerischen Neuanfang nach vielen Lichtinstallationen. Wie Kriesche möchte auch Bildhauerin Brigitte Gutwerk mit ihrer Springstone-Skulptur „Analogie des Gemeinsamen“ im Spannungsfeld zwischen Weiblichem und Männlichem zur gesellschaftlichen Umkehr bewegen, die wir schon angesichts des Klimawandels brauchen. Eine Welt für sich sind Arbeiten von Pelusa Petzel und Claudia Weber. Petzels Black-Box-Collage „Recuerdos“ aus ihrem künstlerischen Tagebuch sucht in virtuoser Zeichnung und fein gefügtem Textilgewebe Antworten auf derzeitige Fragen. Weber zeigt sich als meisterhafte Malerin beim verfremdeten Porträt zum englischen König Henry V., dessen herrliche Farben wie ein leuchtender Gegensatz zur manch düsteren Corona-Visionen wirken. (Reinhold Gries)

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