Brandstiftung in Offenbach

Hang zum Zündeln: Zeugen äußern sich im Prozess um Feuerwehr-Brandstifter

Auch am Tag nach dem Brand in Offenbach hatten die Helfer viel zu tun.
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Auch am Tag nach dem Brand in Offenbach hatten die Helfer viel zu tun.

Liebevoll, ruhig und stets hilfsbereit? Das, was Mutter und Schwester über die 21 und 22 Jahre alten Brandstifter von Offenbach berichten, passt so gar nicht zum Tatvorwurf.

Offenbach – Zwei junge Feuerwehrleute legten am 31. Oktober 2019 im Keller eines Lauterborner Mehrfamilienhaus mit Grillanzünder zwei Brandherde. Die Bewohner konnten fast unversehrt gerettet werden, einige erlitten Rauchgas-Vergiftungen. Die Angeklagten verleugnen die schwere Tat nicht, zu den Hintergründen kommt nur ein unpräzises  Statement: „Wir wollten mal was Großes erleben!“ Gestern geht der Zeugen-Marathon vorm Landgericht weiter, am Donnerstag sollen die Urteile gesprochen werden.

Die 58-jährige Mutter von D. M. wohnt selbst im sechsten Stock des Wohnblocks in der Richard-Wagner-Straße. Dort ist M. aufgewachsen, kennt den Keller des Hauses gut. „Ich hab den Rauchmelder im Schlafzimmer gehört, dann war überall Blaulicht zu sehen. Ein paar Minuten später haben D. und F. an der Tür geklopft und mich ins Freie geführt“, erinnert sich die Mutter. „Wie war das für Sie, als Sie erfuhren, dass Ihr Sohn Mitverursacher war?“ will der Vorsitzende Richter Jens Aßling wissen.

Brandstiftung in Offenbach: Angehörige geschockt von Taten

Die Zeugin: „Ich war geschockt. Später kam Zorn und Wut dazu. Ich kann es mir bis heute nicht erklären und auch kaum glauben, dass er es war. Er ist so liebevoll!“ Sie berichtet von Schicksalsschlägen im jungen Leben ihres Sohnes. Wie er viel zu jung Vater wurde und seine Tochter kaum sehen darf. Von Problemen in der Schule und im Fußballverein. Aber auch von einem großen Freundeskreis und Hilfe innerhalb der Familie. Doch nirgendwo der Ansatz einer Erklärung für den Hang zum Feuerlegen.

Ebenso wenig findet sich im Bericht von F. D.s großer Schwester. Als jüngstes von neun Kindern wuchs D. in einem gut behüteten Elternhaus auf. Die 38-Jährige ist ratlos: „Die Tat ist für uns alle unbegreiflich! Die Feuerwehr war doch sein Leben. Er ist sehr ruhig und stets hilfsbereit, war immer da, wenn man ihn gebraucht hat.“ Seit seiner Verhaftung würden die Eltern kaum noch schlafen, weinten viel. Nichts sei mehr wie es war. Für die Zeugin ist D.s Umgang mit M. Ursache der Misere. Stets habe sie zu ihm und den eigenen Kindern gesagt, sie sollten sich von M. fern halten. Er sei ein Anführertyp und hätte viel Unfug im Kopf.

Dass es sich hier um keinen Dumme-Jungen-Streich handelte, offenbart nicht nur die bittere Anklage wegen versuchtem Mord. Mindestens 43 Bewohner hielten sich zur nächtlichen Stunde in dem Wohnblock auf. Uwe Sauer, Leiter der Berufsfeuerwehr Offenbach und selbst seit Jugendtagen mit der Wehr verbunden, erläutert die gefahren-technischen Folgen eines solchen Feuers: „Kellerbrände gehören grundsätzlich zu unseren schwierigsten Einsätzen. Es gibt meist keine Tür nach außen und wenig Fensterfläche, durch die der Rauch abziehen kann. So müssen sich die Kameraden ohne Sicht und ohne Orientierung bei großer Hitze vortasten.“

Offenbach: Brandstifter in den eigenen Reihen der Feuerwehr

Käme dann wie im hiesigen Fall noch mehr als ein Brandherd hinzu, bestehe die Gefahr, dass der Mann von den Flammen eingeschlossen würde. Und viele Lagerkeller beherbergten noch ein drittes unkalkulierbares Risiko: Behälter mit hochexplosiven Stoffen wie Campinggas. Sei letzteres nicht der Fall und alle aktuellen Bauvorschriften umgesetzt, dann sei die Gefahr eines Ausbreitens in die oberen Etagen sehr gering. Trotzdem: „So ein Fall ist stets eine Personal- und Materialschlacht. Es dauerte Stunden, bis wir den Ort verlassen konnten – wir mussten die Feuerwehr Frankfurt zur Verstärkung anfordern.“

Das Haus in Offenbach-Lauterborn war das i-Tüpfelchen nach einer Serie von Gartenhüttenbränden seit 2017. 66 Mal musste die Wehr in dieser Zeit ausrücken, um in den Anlagen zu löschen. Vier davon räumten die Feuerteufel bislang ein, zu den anderen schweigen sie. Auch hierzu kann Amtsleiter Sauer etwas sagen: „Nach Ostern 2019 hatte ich den Verdacht, dass die meisten Hütten keine der gängigen Brandursachen haben. Vier, fünf oder sechs Kameraden nahmen sehr regelmäßig an diesen Einsätzen teil, und es erhärtete sich mehr und mehr der Verdacht eines Brandstifters in den eigenen Reihen.“ Was einem Image-Totalschaden gleichkomme. Doch Sauer zögerte nicht, seine Recherchen der Polizei mitzuteilen. Irgendwann blieben von den verdächtigen Kameraden nur noch zwei übrig – die, die in der Tatnacht von der Überwachungskamera des Lauterborner Hauses gefilmt wurden. VON SILKE GELHAUSEN

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