Glückwunsch an die Postkarte

Werden 150 Jahre nach Einführungen noch Urlaubsgrüße per Post verschickt?

Auch das alte Verlagsgebäude am Aliceplatz zierte eine Postkarte. Leser Alfred Niebeling hat sie in seinen Beständen gefunden.
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Auch das alte Verlagsgebäude am Aliceplatz zierte eine Postkarte. Leser Alfred Niebeling hat sie in seinen Beständen gefunden.

In diesem Sommer werden die 260 Mitarbeiter des Briefzentrums Offenbach eher den Wörthersee als die Chinesische Mauer zu Gesicht bekommen.

Offenbach – Postpressesprecher Stefan Heß geht mit einiger Berechtigung davon aus, dass – Corona erzwingt’s – traditionelle Urlaubsgrüße überwiegend von heimischen Zielen denn aus fernen Ländern verschickt werden.

Eigentlich sind momentan Besichtigungen der 82 Briefzentren der Deutschen Post nicht erlaubt – die Pandemiemaßnahmen verordnen möglichst wenig Kontakt. Für unsere Zeitung gibt es aber eine Ausnahme, da an der Sprendlinger Landstraße eine Empore die distanzierte Beobachtung des Geschehens erlaubt und ein besonderer Anlass besteht: Die gute alte Postkarte feiert in diesen Tagen ihren 150. Geburtstag.

Täglich durchlaufen 1,5 Millionen Briefsendungen das Briefzentrum 63. Wie viele Ansichtskarten darunter sind, wird nicht erfasst. Vom erhöhten Standpunkt, auf dem Pressesprecher Heß und die kommissarische Leiterin des Briefzentrums Kathrin Alwardt mit Maske und Abstand erläutern, was sich unten abspielt, lässt sich natürlich auch nicht unterscheiden, was dort sortiert wird.

Kathrin Alwardt arbeitet seit 26 Jahren in verschiedenen Positionen bei der Deutschen Post. Sie erklärt Abläufe: Im linken Bereich kommen die Transportboxen an. Von dort werden sie auf die langen Reihen an Maschinen verteilt, die die Post sortieren.

Am Mittag ist es in der gesamten Halle sehr ruhig, die Postsendungen des Tages wurden bereits an die Zusteller weitergeleitet.

Nur ein Warnton bei der Wartung der Klimaanlage stört kurz das stille Arbeiten. In der Halle sind einige Mitarbeiter zu sehen, die an der Mittelkonsole arbeiten. Sie sind damit beschäftigt, die Rest-Hand-Sortierung vorzunehmen. Das heißt, sie bearbeiten die Post, die von den Maschinen nicht zugeordnet werden kann – zum Beispiel Ansichtskarten, deren Adressen mit unleserlicher Handschrift geschrieben wurden.

Im Sommer 1870 wurde die Postkarte als „Correspondenzkarte“ in Deutschland eingeführt. Seitdem landen Urlaubs-, Gruß- und Geburtstagskarten in Briefkästen. Zwischenstation machen sie stets in den regionalen Briefzentren der Deutschen Post.

Für Postgrüße mit Empfängern, die in der Postleitzahlregion „63“ wohnen – egal, ob aus Honolulu, Paris oder Castrop-Rauxel – ist dieser Zwischenstopp das Briefzentrum Offenbach. Und auch Postkarten, die aus Dreieich, Hanau, Gelnhausen, Offenbach oder Rödermark in umgekehrter Richtung rund um den Globus gehen, werden zunächst in der Sprendlinger Landstraße gesammelt.

Laut Deutscher Post werden 93 Prozent der Sendungen einen Tag nach Einlieferung in ein Briefzentrum zugestellt. Damit das funktioniert, muss die meiste Arbeit nachts gemacht werden, meist maschinell. Erst wenn die Maschinen nicht weiterkommen, springt ein Mensch ein. Am Ende kann der Adressat in der Regel festgestellt werden, versichert Kathrin Alwardt: „Die Zusteller sind sehr kreativ, und ein guter Zusteller kennt sein Gebiet. Der weiß auch, wenn auf der Postkarte nur Oma Renate steht, wer gemeint ist.“

Trotz Konkurrenz durch digitale Kommunikationswege, die wohl für einen kontinuierlichen Rückgang der verschickten Postkarten verantwortlich gemacht werden können, beförderte die Deutsche Post 2019 bundesweit rund 147 Millionen Postkarten. „Das zeigt, dass die Postkarte sowohl für unsere Kunden als auch für unser Unternehmen nach wie vor einen hohen Stellenwert hat“, sagt Werner Braun, Leiter der Postniederlassung Frankfurt, zu der auch das Offenbacher Briefzentrum organisatorisch gehört. Die schriftliche Botschaft, ob sie nun aufmuntern soll oder einfach einen Gruß ausrichtet, habe in Zeiten von Corona an Wichtigkeit dazugewonnen, sagt Stefan Heß. Kathrin Alwardt kann dem nur zustimmen: „Wir haben gemerkt, dass die Kinder zu Hause beschäftigt werden mussten. Da wurde viel gebastelt, und die Post wurde bunter.“

Wie individuell Postkarten sein können, zeigt ein Blick in die gelben Boxen, die in der Sprendlinger Landstraße eintreffen. Mal exotisch, mal schrill und grell, aber in der Mehrzahl doch rechteckig und mit wohlbekannten (Stadt-)Motiven.

Nach einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom von 2019 schreibt mehr als jeder Zweite Postkarten oder Briefe aus dem Urlaub nach Hause. Aus Portugal und Sardinien kommen häufig Karten aus Kork. Auch Bierdeckel sind immer wieder dabei. Selbst die Flaschenpost gibt es noch, allerdings als verschweißte Plastikflaschen mit Adressaufklebern versehen.

Wenig überraschend kommen Kärtchen hauptsächlich aus den beliebtesten Urlaubsländern der Deutschen: Nach Erhebungen der Post sind die meisten aus Italien, gefolgt von Frankreich, Österreich, Spanien und der Türkei. (VON THERESA RICKE)

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