Utopien in Beton gegossen

Offenbacher zeigen auf Instagram das Gesicht ihrer Stadt – Bausünden oder Kunstwerke?

In Offenbach gibt es sie noch: Die Gebäude, die ganz oder zum Teil im Stil des Brutalismus gebaut wurden, verschwinden langsam aus deutschen Städten. Das Offenbacher Rathaus steht mittlerweile unter Denkmalschutz.
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In Offenbach gibt es sie noch: Die Gebäude, die ganz oder zum Teil im Stil des Brutalismus gebaut wurden, verschwinden langsam aus deutschen Städten. Das Offenbacher Rathaus steht mittlerweile unter Denkmalschutz.

Für die einen sind sie Schandflecke, für die anderen schützenswerte Denkmäler: An brutalistischen Gebäuden scheiden sich heute die Geister.

Offenbach – Während die einen die exzentrische, experimentelle Art zu bauen, den monumentalen Stil, das rohe Material schätzen, wollen andere die „hässlichen Betonklötze“ möglichst schnell aus dem Stadtbild entfernen.

Den Offenbachern Tim Seger und Felix Sauer sind Kategorien wie schön oder hässlich wurscht – die beiden Freunde erforschen seit ein paar Jahren das brutalistische Gesicht ihrer Heimatstadt und posten Fotos in einen Instagram-Story-Blog mit der Überschrift „Lecker Stahlbeton“. Mittlerweile haben sie fast 2 000 Follower, was sie selbst ein wenig erstaunt. Abgelichtet haben Seger und Sauer die „Klassiker“ des Offenbacher Brutalismus, wie etwa das Rathaus und das N+M-Haus, aber auch weniger bekannte Gebäude. Die neuesten Posts zeigen die 1961 erbaute Markuskirche am Buchhügel mit ihrer Beton-und-Glas-Fassade und einen mit Graffiti beschmierten, hexagonalen Seniorentreff-Bungalow an der Mirjam Gemeinde.

Geschönt und gestylt sind die Bilder nicht, deutlich sichtbar sind die Tristesse und die Zeit, die seit der Erbauung der Häuser in den 60ern und 70ern vergangenen ist. Sie wollen keine „Architekturpornografie“ machen, in der es um das Spiel mit Licht und Schatten und um reine Ästhetik geht, sagt Felix Sauer. Den Bloggern geht es um die Wirkung des Raums, darum, wie das Gebäude einmal gedacht war und wie es genutzt wird. „Das sind Utopien von damals, gegossen in Beton“, sagt der 27-jährige Tim Seger, der Fotografie und Film an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert. „Manchmal weiß man nicht, ob man sich hundert Jahre in der Zukunft oder in der Vergangenheit befindet.“

Neugier und Entdeckerlust treiben Seger und Sauer in die Gebäude. „Du läufst da vorbei und denkst: Was ist das eigentlich? Und dann entdeckst du ganz abgefahrene Sachen“, erzählt Seger. Es folgen Recherchen – Felix Sauer hat eine ganze Offenbach-Bibliothek zuhause – und dann versuchen die beiden, Zutritt zum Gebäude zu bekommen. Drinnen werde man von der Atmosphäre manchmal regelrecht „erschlagen“, findet Sauer. Diese Eindrücke versuchen die beiden zu dokumentieren.

Als ein reines Archiv brutalistischer Bauten sehen die Blogger ihr Projekt allerdings nicht. Zwar verschwinde der Baustil langsam aus dem Stadtbild – grundsätzlich sei ein Abriss aber nicht unbedingt eine ganz so schlimme Sache, findet Seger. „Es kommt immer auf das Gebäude an.“ Im Fall der B-Ebene am Marktplatz habe man allerdings eine Chance vertan – die halbabgebrochene Brücke hätte man mit etwas Fantasie durchaus wiederbeleben können, findet Sauer.

Der Brutalismus (vom französischen béton brut – roher Beton, Sichtbeton) sei vor allem auch ein politischer Baustil, findet der 29-jährige Sauer. Er spiegle den Bruch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und den gesellschaftlichen Gestaltungswillen der 60er Jahre wider. „Es ging darum, die Stadt zu demokratisieren“, sagt Sauer, der eine Bachelor-Arbeit über den Architekturstil geschrieben hat und derzeit in Frankfurt Stadtgeografie im Master studiert. Er liefert für den Instagram-Account die Texte zu den Fotos von Tim Seger. Die Frage, ob ihr Blog eine Art Imagekampagne für das oft als hässlich geschmähte Offenbach sein soll, verneinen die beiden. „Wir wollen eine Gegenerzählung starten“, sagen sie; weder das Offenbach-Bashing noch den Hype um die Stadt mitmachen. „Es ist einfach eine weitere Perspektive auf die Stadt“, sagt Seger.

Hier gehts zum Instagram-Account: www.instagram.com/brutalismus_offenbach

VON LISA BERINS

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