Bürgeler Fastnachtsumzug

Der Wettergott muss Berjeler sein

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Bürgel - Die Kappenfahrt durch Burgilla startet traditionell um 14.31 Uhr. So jedenfalls die Theorie. Dass es in der Praxis doch immer länger dauert, könnte glatt als liebgewonnene Tradition durchgehen. Von Jenny Bieniek 

„Dass die das nicht einmal pünktlich hinkriegen!“, entfährt es einer Zugbesucherin, als sie gegen 14.49 Uhr in der unteren Seestraße erstmals gedämmte Kapellenmusik vernimmt. Nein, pünktlich setzte sich der närrische 52 Zugnummern zählende Lindwurm auch diesmal nicht in Bewegung. Doch die Geduld der bunt kostümierten, die Straßen Bürgels säumenden Zugbesucher wurde belohnt: Farbenprächtige und mit Liebe zum Detail zusammengestellte Kostüme, schwungvolle Kapellen und zentnerweise Süßes machten die Verzögerung mehr als wett.

Doch der Reihe nach: „Der Wettergott ist Berjeler“, kommentiert ein gut gelaunter Michael Tippmann eine halbe Stunde vor dem geplanten Start und schaut vergnügt in die Teilnehmerliste. „Manche von denen, die sich gerade aufstellen, hatten wir gar nicht auf dem Plan“, so der Raga-Zugmarschall. Der Aufruf an die Vereine, sich wieder mehr zu engagieren, habe gefruchtet. „Einige Abteilungen kommen sogar mit mehreren Kostümgruppen“, freut er sich.

„Annika, ich glaub, hier kriegen wir nicht so viel."

In den Straßen ringsrum sammeln sich derweil die ersten Grüppchen. Kleine und nicht mehr ganz so kleine Narren sitzen auf den durch die Sonne gewärmten Bürgersteigen, hier und da entledigen sich Zuschauer ihrer Jacken: „Die hätt’ ich gar nicht anziehen müssen.“ Als der Polizeiwagen endlich in Sichtweite ist, führen Elfe und Indianerin die letzte strategische Standpunktbesprechung: „Annika, ich glaub, hier kriegen wir nicht so viel. Lass und nochmal da vorne gucken.“

Und dann geht’s los: Auf den Bürgeler Nachtwächter Fred Stephan und Dorfpolizist Hans Maith folgen die Bembeljeescher aus Rüsselsheim, die mit Pauken und Trompeten mächtig einheizen. Das Komitee der SG Wiking grüßt von seinem imposanten Wikingerschiff, die Theatergruppe Elmar präsentiert sich in edler Rokoko-Robe. Der Frauenchor Humoria entführt das Fastnachtsvolk ins Märchenland, die Hobbyfußballer des im Volksmund als Worzelfresser bekannten Naturheilvereins sind gar mit einem ganzem Zirkus nach Burgilla gereist. Amüsantes Detail am Rande: Zwischen Pinguin, Löwe, Zebra, Giraffe und Esel hat sich auch das orangefarbene Maskottchen einer Baumarktkette geschlichen.

Hier und da auch mal was Politisches

Die inoffizielle Auszeichnung für die prächtigsten Kostüme sichern sich klar die Raga-Frauen, die in ihren aufwändigen Schmetterlingsgestellen ein tolles Fotomotiv bieten. Auch der Wassersportverein von 1926 trumpft mit kreativ-bunten Blumenroben auf, während die TSG Bürgel die mit Abstand meisten Zugteilnehmer mobilisieren konnte. Den Titel „Lauteste Zuggruppe“ teilen sich die Icebreakers der Stadtgarde mit der Techno stampfenden Firma Vision Light System. Besonders begehrte Kamellen bringt der Raga-Elferrat unters Narrenvolk.

Hier und da auch mal was Politisches: Die Mitglieder der Offenbacher CDU verdammen als olympische Götter das Finanzdebakel um die Mission Olympic, die Bürgeler Ortsgruppe der SPD rechnet - klar - als Rotkäppchen mit den politischen Gegnern ab, und der Vespaclub Bürgel nimmt – obwohl als Gelbe Engel unterwegs und mit ADAC-Heli ausgestattet – den Fußmarsch in Kauf. Nebenbei gibt’s von den Wagen herab Tipps für jene unverkleideten Besucher, die den Aktiven erwartungsvoll ihre Beutel entgegenstrecken. „Komm im nächsten Jahr im Kostüm, dann kriegste auch was.“

Narren ziehen durch Bürgel

Narren ziehen durch Bürgel

Fazit: Wieder einmal eine gelungene Kappenfahrt bei schönstem Wetter ohne Zwischenfälle. Die Debatte um eine mögliche Verschiebung des Zugtermins ist damit vom Tisch. „Da ging ein regelrechter Aufschrei durch Bürgel“, berichtet Tippmann. „Tradition und so.“ Die Vorstandsriege habe deshalb entschieden: Alles bleibt beim Alten. Aber vielleicht klappt’s ja 2015 mit dem Pünktlichsein.

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