Einer, der den Mund aufmacht

Bürgermeister Peter Schneider feiert seinen 60. Geburtstag

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Als akribischer Arbeiter bekannt: Peter Schneider.

Offenbach - Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre Taxi-Unternehmer in Frankfurt geworden. 30 Jahre später ist er Bürgermeister in Offenbach. Peter Schneider, dem man weder seine politisch bewegten Jahre noch sein Alter ansieht, feiert am heutigen Samstag seinen 60. Geburtstag. Von Matthias Dahmer 

Ein gebürtiger Frankfurter, der zu Offenbachs Stadtspitze gehört – wenn das mal keine gelungene Integration ist! Peter Schneider lacht: „Die Rivalität der beiden Städte sollte man nicht überhöhen.“ Trotzdem: Als echter „Bernemer Bub“, das räumt er ein, hätte er es sich nie träumen lassen, mal in Offenbach zu landen. Letztlich ist’s die Liebe, gepaart mit ganz rationaler Zukunftsplanung, die ihn über den Main lockt. Gattin Gudrun, mit der er 1988 den Bund fürs Leben schließt, ist Rumpenheimerin. 1992 zieht die junge Familie Schneider – inzwischen sind die Kinder Clara und Paul geboren – von Bockenheim ins Haus der Großeltern im Offenbacher Stadtteil. „Eine ehemalige Scheune von 1886, die 1960 zum Wohnhaus umgebaut und von uns dann ausgebaut wurde. Wir waren damals mutig, und es hat sich ausgezahlt“, blickt das Geburtstagskind zurück.

Inzwischen, das ist für Schneider keine Frage mehr, ist er Offenbacher mit Leib und Seele, war Jugendtrainer bei der SKG, fiebert mit dem OFC und liebt Spaziergänge mit Ehefrau und Hund in den Mainauen.

Es sind politisch bewegte Jahre in denen Peter Schneider aufwächst: Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze und für den Nulltarif beim RMV-Vorgänger FVV prägen seine frühe Jugend. „Oberstufenschüler haben uns Sechstklässler damals aus dem Klassenzimmer geholt, damit wir mit auf die Demos gehen“, erzählt Schneider. Später verliert er zwei Semester seines Lehramtstudiums, weil ihm der Widerstand gegen die Startbahn West zeitweise wichtiger ist als der Hörsaal.

„Meine Schüler nannten mich Winnetou“

Weil ein Studium finanziert sein will, trägt er unter anderem Kabel beim Fernsehen. Und er fährt Taxi. In den sieben Jahren als Kutscher in Frankfurt arbeitet er in einem Kollektiv mit Joschka Fischer, bringt es zum Vorstandssprecher der Interessengemeinschaft Frankfurter Taxifahrer. „Ich war halt schon immer einer, der den Mund aufgemacht hat.“ Deshalb ist er schon in der Schule regelmäßig Klassensprecher, teilt auf dem Schulhof die Fußballteams ein.

Wohl als Reminiszenz an die wilden Frankfurter Jahre trägt Schneider bis zu seinem 37. Lebensjahr die Haare bis zur Hüfte. „Meine Schüler nannten mich damals Winnetou“, lächelt er.

Der politischen Sozialisation ist es vermutlich geschuldet, dass ein mittlerweile äußerlich angepasster, aber immer noch ungern Krawatten tragender Peter Schneider den für einen Bürgermeister erstaunlichen Satz sagt: „Ich hatte wenig Vertrauen in die Parteien.“ Mit 18, als Erstwähler, macht er seinen Stimmzettel ungültig. Wegen Willy Brandt neigt er später zur SPD, wegen Helmut Schmidt wendet er sich wieder von ihr ab, um mit 30 Jahren seine Heimat bei den Grünen zu finden. Es ist die Zeit, als man als Lehrer generell keine Stelle bekommt. Der mit ausgezeichnetem Staatsexamen ausgestattete Schneider denkt über eine Zukunft als Taxi-Unternehmer nach. Und tritt, „um auch noch geistig etwas zu tun“, den Grünen bei.

Im März 1986 schiebt ihn der Zufall doch in die Lehrerlaufbahn: An der Heinrich-Mann-Schule in Dietzenbach wird für fünf Monate eine Vertretungskraft gesucht. Schneider steht wegen seiner guten Noten ganz oben auf der Liste. Nach zwei befristeten Verträgen folgt die Festanstellung.

Eine mit unzähligen Sonderaufgaben bestückte Lehrerkarriere beginnt. „Ich war damals zehn Jahre jünger als der Rest des Kollegiums und habe deshalb immer zusätzliche Tätigkeiten übernommen.“ Schneider ist in der Lehrerausbildung tätig, wird im März 2012, ein halbes Jahr vor der Übernahme des Bürgermeisteramts, zum Oberstudiendirekor als Leiter des Studienseminars für Gymnasien in Offenbach ernannt.

Zu den lokalen Grünen kommt er über den Streit um einen geplanten Golfplatz auf dem Gelände des Rumpenheimer Goldockerhofs zu Anfang der 90er-Jahre. Er ist zunächst in der BI Rumpenheim aktiv, geht dann zu einer Mitgliederversammlung der Öko-Partei. Die schicken ihn 2001 als Fraktionsmitglied erstmals in die Stadtverordnetenversammlung. Womit wir bei der aktuellen Politik angekommen sind. Den Posten des Bürgermeisters, versichert Peter Schneider, hat er niemals angestrebt. Doch als klar war, dass Birgit Simon nicht weitermacht, war es für ihn nur folgerichtig, das Amt weiterzuführen.

Archivbilder

Bürgermeister und Landräte aus der Region

Gibt es weitere Sprossen auf der Karriereleiter? Wer glaubt, da winde sich der Politiker Schneider, der irrt. Freimütig gibt er zu, dass für ihn alles denkbar ist. Die nächste Weichenstellung folgt am 6. März 2016 mit der Kommunalwahl. „Wenn wir in Offenbach eine große Koalition bekommen, werde ich abgewählt“, nennt er eine der möglichen Optionen. Die anderen: Er macht weiter bis 2018; er tritt zur Oberbürgermeisterwahl an; er wird zu noch höheren Weihen berufen. Alles möglich.

So verhält es sich auch mit Schwarz-Grün in Offenbach. Nachdem es auf Landesebene „erstaunlich verträglich läuft, rückt auch dies ins Scheinwerferlicht“. Wichtig ist, fügt Schneider an, dass die Grünen-Mitglieder nichts ausschließen wollen. Dass er jünger wirkt als er ist, schreibt Schneider sich nicht als Verdienst zu: „Das sind vermutlich die Gene. Mein Vater ist 86, noch fit, hat keine grauen Haare.“ Außerdem gehört dazu: „Auch mal lachen zu können und ein Schuss Selbstironie.“

Seinen heutigen runden Geburtstag verbringt der Bürgermeister fern der Hektik des Alltags mit Familie und Freunden in einem Wellness-Hotel im Hunsrück. Es sei ihm gegönnt.

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