An der Belastungsgrenze

Bund und Land fordern personelle Aufstockung des Gesundheitsamtes

+
Vom Rechnungswesen zum Gesundheitsamt: Dieser ungewöhnliche Arbeitsplatzwechsel könnte einigen Rathaus-Beschäftigten bevorstehen. 

Vom Rechnungswesen zum Gesundheitsamt: Dieser ungewöhnliche Arbeitsplatzwechsel könnte einigen Rathaus-Beschäftigten bevorstehen. 

Offenbach - Denn seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ausgelastet, und nun haben Bund und Land die Kommunen aufgefordert, die Personalzahl in den entsprechenden Behörden zu verdoppeln.

„Die Arbeit geht uns nicht aus“, sagt Dr. Bernhard Bornhofen, der Leiter des städtischen Gesundheitsamtes. Seit fünf Wochen haben seine Mitarbeiter eine Sieben-Tage-Woche, „Corona kennt eben kein Wochenende.“

Seine 32 Beschäftigten seien inzwischen an ihrer Belastungsgrenze angekommen. „Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem, mit den Infizierten Kontakt zu halten oder die Angehörigen der durch das Virus Verstorbenen zu informieren – das ist äußerst belastend. Unsere Mitarbeiter sind am Limit“, sagt Bornhofen.

Daher wurden alle Rathaus-Mitarbeiter mit medizinischen Kenntnissen aufgefordert, sich zu melden und eventuell temporär ihren Arbeitsplatz zu wechseln. „Wir haben es bisher schon so gehalten, dass Kapazitäten verschoben wurden, etwa vom Ordnungs- zum Gesundheitsamt“, sagt Oberbürgermeister und Personaldezernent Felix Schwenke. Auch die Schulkrankenschwestern wurden, da die Schulen noch geschlossen sind, vorerst zum Gesundheitsamt abkommandiert – doch mit der schrittweisen Öffnung der Schulen ab Monatsende stünden sie dem Amt nicht mehr aushilfsweise zur Verfügung.

Hauptaufgabe des Gesundheitsamtes sei momentan die Betreuung der 110 in Quarantäne befindlichen Personen sowie die Nachverfolgung der Kontakte der Infizierten und der möglicherweise Erkrankten. Echte Polizeiarbeit sei das, sagt Schwenke. „Aber solange es keinen Impfstoff gibt, müssen wir so die Infektionsketten aufspüren, um überhaupt das öffentliche Leben aufrecht zu erhalten.“

Daher sei die Absicht von Bund und Land, die Gesundheitsämter personell zu stärken, prinzipiell begrüßenswert. Für Offenbach würde es eine Aufstockung um 35 Stellen bedeuten. Allerdings haben weder Bund noch Land bisher erklärt, wie dieser Personalzuwachs finanziert werden soll. Ob die Landesregierung etwa einen neuen Nachtragshaushalt beschließt und dort eine spezielle Förderung für die Kommunen einarbeitet, dazu ist bisher nichts bekannt. Da sämtliche Kommunen ihre Gesundheitsämter aufstocken müssten, käme es zudem auch rasch zu einem erbitterten Konkurrenzkampf um die entsprechend qualifizierten Arbeitskräfte auf dem Markt.

Sicher ist: Die notorisch klamme Stadtkasse könnte die Auswirkungen eines solchen Personalzuwachses nicht stemmen – zumal durch die Corona-Pandemie mit großen Ausfällen bei der Gewerbesteuer zu rechnen ist. Selbst wenn es sich lediglich um zeitlich befristete Stellen – Schwenke betont, dass Experten von einer Pandemie-Dauer von bis zu fünf Jahren sprechen – handelt, wäre die Stadt Offenbach mit der Finanzierung überfordert. Andere finanziell ähnlich klamme Kommunen im Land natürlich in gleicher Weise.

„Die Städte haben daher ihre Bedenken geäußert, und wir sind mit Land und Bund in Kontakt“, sagt Felix Schwenke. Bisher habe es keine Rückmeldung gegeben, doch immerhin sei Gesprächsbereitschaft und Verständnis für die schwierige Lage signalisiert worden. Allerdings gibt der Verwaltungschef zu bedenken, dass eine Lösung, wie auch immer sie ausfalle, „für uns wohl nicht auf Null aufgehen wird.“

Momentan will die Stadt noch mit Personalverschiebung der Lage Herr werden. Die Problematik der fehlenden Arbeitskräfte für Neueinstellung sieht der OB nicht so dramatisch. „Es geht vor allem darum, für die nächsten Monate oder Jahre die Infektionsketten nachzuverfolgen. Für diese Recherchearbeit muss man nicht medizinisch ausgebildet sein.“

Von Frank Sommer

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare