Stempel in Pässen gefälscht

Chef einer Schleuserbande muss ins Gefängnis

Offenbach - Wer kein EU-Bürger ist, muss den Schengenraum nach einer gewissen Zeit wieder verlassen. Mithilfe gefälschter Stempel in Reisepässen wollte eine Schleuserbande aus Serbien das Aufenthaltsrecht auch für ihre Kunden aus Offenbach verlängern. Von Steffen Müller 

Gestern fiel im Prozess am Darmstädter Landgericht das Urteil. Immer, wenn sich Goran B. der Kontrollstelle Röszke näherte, stieg die Nervosität. An einer Tankstelle kurz vor dem ungarisch-serbischen Grenzübergang sollte der Austausch geschehen. Der 52-Jährige, lichtes Haar, stämmige Figur, hoffte immer, dass sein Kontaktmann auftauchte. An besagter Tankstelle traf er sich mit dem ungarischen Grenzbeamten N. zur Übergabe. Die Ware: Reisepässe.

Der Serbe Goran B., der 1997 nach Deutschland kam und über viele Jahre in Offenbach eine Reinigungsfirma betrieb, hatte 2015 ein neues Geschäftsmodell entdeckt: Er gründete ein Transportunternehmen, zwei Mal pro Woche brachte er Menschen von Serbien nach Deutschland und zurück. 160 Euro zahlten die Insassen für eine Fahrt in dem Kleinbus, in dem eines Tages auch der ungarische Grenzbeamte N. saß und Goran B. eine lukrative Zusammenarbeit vorschlug. In seinem Job sei es für N. ohne Problem möglich, Pässe mit Ein- und Ausreisestempeln zu versehen, ohne das Land tatsächlich verlassen zu haben.

Dieses Angebot ist für Serben interessant, die schwarz in Deutschland arbeiten, aber keine Aufenthaltserlaubnis haben. Da Serbien nicht zur EU zählt, gelten für die Staatsbürger die aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen des Schengenraums. Innerhalb eines Zeitraums von 180 Tagen dürfen sich Nicht-EU-Bürger ohne Visum maximal 90 Tage in der Europäischen Union aufhalten.

Goran B. ging auf den Vorschlag von N. ein. Bei seinen wöchentlichen Fahrten hatte er fortan regelmäßig Pässe im Gepäck, die er am Grenzübergang an N. übergab – oder wieder in Empfang nahm, sobald die Ausweise mit den Stempeln versehen waren. Zurück in Offenbach, gab der Serbe die Papiere zurück an seine Landsleute. Durch die frisierten Pässe wurde der Eindruck erweckt, dass sie die Aufenthaltsbestimmungen der EU eingehalten hätten.

Mindestens 300 Euro hat Goran B. pro Stempel erhalten, 100 davon gingen an seinen ungarischen Partner. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten 44 Fälle vor; mit seinen kriminellen Geschäften hat er 15 150 Euro nebenher verdient.

Da sein Transportunternehmen gut lief, suchte er sich im Oktober 2016 Mitarbeiter. Fündig wurde er in seinem Heimatort. Fortan fuhren auch Goran V. und Veselko M. Menschen und Waren zwischen Deutschland und Serbien hin und her. Beide versicherten, dass sie vor ihren Anstellungen nichts von den Praktiken wussten.

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Erst nach und nach seien sie dahinter gekommen, spätestens, als sie selbst im Rhein-Main-Gebiet umherfuhren, um Pässe von Kunden abzuholen oder zurückzugeben. Gesagt haben sie aber nichts; sie entschieden sich zu schweigen, da sie das Geld dringend benötigten. Beide waren in ihrer Heimat arbeitslos und mussten für große Familien sorgen. 150 Euro bekamen sie pro Fahrt, in der Frankfurter Wohnung von Goran B. konnten sie während ihrer Stopps in Deutschland umsonst schlafen.

Die Machenschaften fliegen erst auf, als ein V-Mann Wind von der Sache bekommt. Die Polizei beginnt zu ermitteln, hört Telefone ab, folgt den Verdächtigen unauffällig. Im April 2017 werden die Drei verhaftet.

Bei der Überwachung wird klar, dass Goran B. der Strippenzieher der Bande ist. Er spricht mit den Kunden, vereinbart die Treffpunkte zur Passübergabe, steht als einziger in Kontakt mit dem ungarischen Grenzbeamten. Zusätzlich wirbt er für sein Geschäftsmodell und spricht gezielt Serben und Bosnier an. Im Laufe der Jahre baut er sich ein Netz an Stammkunden auf.

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Entsprechend fallen die Urteile der 1. Strafkammer aus. Die Handlanger Goran V. und Veselko M. kommen mit Bewährungsstrafen davon. Goran B. trifft es ungleich härter: Er muss für zwei Jahre und elf Monate ins Gefängnis. Richterin Ingrid Schroff legte allen drei Angeklagten dabei zugute, dass sie ein umfangreiches Geständnis abgelegt haben.

Rubriklistenbild: © dpa

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