Nach 27 Jahren wieder in Offenbach

Circus Gebrüder Barelli stemmt sich gegen das bundesweite Zirkussterben

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Ausgiebige tägliche Pflege ist unverzichtbar: Franz Spindler-Barelli striegelt Kameldame Suleika.

Vanessa haben es vor allem die Tiere angetan: „Die Pferde waren toll, aber auch die Hunde fand ich süß“, sagt die Neunjährige. Mit ihrer Mutter ist sie aus Obertshausen nach Offenbach gekommen, um sich eine Vorstellung des „Circus Gebrüder Barelli“ anzuschauen.

Offenbach –  „Zirkusse gibt es ja nicht mehr so viele – als ich Kind war, gastierten oft welche in der Region“, sagt ihre Mutter.

„In den letzten Jahren haben über 200 Zirkusse zumachen müssen“, sagt Francesco Barelli, Senior-Chef des Zirkusbetriebs. In Deutschland sei die Lage inzwischen schwierig geworden: Selbsternannte Tierrechtler protestieren gegen Zirkusse, die bürokratischen Hürden für Gastspiele sind hoch. Wie hoch, mussten die Barellis, die mit bürgerlichem Namen Spindler heißen, in Offenbach am eigenen Leib erfahren.

Da für das Gastspiel die Stadt keine geeigneten Flächen mehr zur Verfügung hatte, wandte sich Chef Timmy Barelli an die Firma Clariant, um einen Außenbereich des Werksgeländes an der Offenbacher Straße für den Auftritt zu mieten. „Kaum war das Platzgeld bezahlt, meldete sich das Umweltamt, dass die vorgesehene Fläche nicht benutzt werden dürfe“, sagt der Senior-Chef. Der Grund: Die heruntergekommene Grünfläche zwischen Straße und Chemiepark sei ökologisch wertvoll und dürfe nicht betreten werden. Nach einigem Hin und Her aber lenkte das Umweltamt ein und gestatte das Gastspiel. Francesco Barelli dankt dem Amt für das Entgegenkommen und besonders Oberbürgermeister Felix Schwenke für dessen Vermittlung.

Allerdings reißt der Ärger nicht ab, denn das Gelände ist so klein, dass die Wagen der Artisten nicht alle dort parken können. Die Folge: Ein Teil der Fahrzeuge muss in Frankfurt abgestellt werden, die Künstler haben nach ihrem Auftritt somit einen weiten Weg zu ihrem fahrbaren Zuhause. Dazu haben Unbekannte einen Teil der Zirkusplakate in der Stadt zerstört. „Die müssen ersetzt werden, wir müssen ja irgendwie auf uns aufmerksam machen“, sagt der Senior-Chef. In seiner Kindheit sei sein Vater noch mit dem Lautsprecher durch die Stadt gefahren, um die Vorstellungen anzukündigen. „Das geht heute freilich nicht mehr“, sagt er.

1993 gastierte der Zirkus zuletzt in Offenbach, damals noch auf dem Mainvorgelände an der Mainstraße. „Damals waren wir mit 100 Wagen hier – wir waren der zweitgrößte Zirkus Deutschlands.“ In seinem Wagen zieht Barelli ein altes Programmheft aus dem Regal: Neben viel Artistik gehörten Elefanten und Löwen noch zum festen Bestandteil des Programms. „Heute haben wir keine Wildtiere mehr im Zirkus“, sagt der 62-Jährige. 1 800 Sitzplätze habe das Zelt damals gefasst, 100 Personen arbeiteten in und hinter der Manege am Gelingen der Vorstellung.

Heute ist der Circus Gebrüder Barelli mit 40 Personen unterwegs. Artistik, Clownerie und Jonglage zählen nach wie vor zu den Programmpunkten, dazu gibt es Pferde-, Hunde- und Kameldressur, auch Kühe sind zu sehen. „Tiere gehören einfach zum Zirkus, die Besucher fragen auch nach ihnen – wir sind eben noch ein richtiger Zirkus“, sagen die Barellis.

Wer bei „Dressur“ an Zwang und Gewalt denke, liege falsch, betont die Zirkusfamilie. „Tiere kann man nur mit Belohnungen zur Mitarbeit bewegen, mit Gewalt geht da nichts“, sagt der Senior-Chef. „Ich arbeite seit meinem achten Lebensjahr mit Pferden: Das sind Fluchttiere, wenn die vor mir Angst hätten, würden die nie in die Manege gehen.“

Die Tiere würden als Partner betrachtet, ein Großteil der Zeit des Tages wird ihrer Pflege gewidmet. „Ab sechs Uhr morgens werden die Tiere versorgt“, sagt Franz Barelli, der jüngere Bruder des Direktors. Ausgiebig werden etwa Araberhengst Silas oder Kameldame Suleika gestriegelt und umsorgt, Hundedresseur Edi Laforte kümmert sich liebevoll um seine anhängliche Hundemeute.

„Natürlich gibt es auch in unserer Branche schwarze Schafe – aber die gibt es überall“, sagt der Senior-Chef. „Aber was ein echter Zirkusmensch ist, der würde alles für seine Tiere tun und sie nie verkaufen oder schlachten.“ Tiere, die ihr „Rentenalter“ erreicht haben, verbringen ihren Lebensabend auf dem zirkuseigenen Gnadenhof in Pirmasens, dem Winterquartier des Unternehmens.

Mit Blick auf andere europäische Staaten wird Francesco Barelli etwas wehmütig. Denn in Frankreich oder Italien gilt Zirkuskunst als Kulturgut und wird staatlich gefördert. In Deutschland gibt es das nicht, gerade viele kleine Zirkusse kämpfen ums Überleben. „Da verschwinden dann alte Familientraditionen einfach so.“

Eigentlich sei der Circus Gebrüder Barelli gut für die Zukunft aufgestellt, Direktor Timmy tritt als Clown auf, Bruder Franz zeigt Tierdressur, Schwester Ramona ist Trapezkünstlerin. Die Schwiegertöchter, ebenfalls aus bekannten Zirkusfamilien stammend, machen Seiltanz oder Pferdedressur.

Doch Anfeindungen oder Bürokratie lassen den Senior zweifeln. „Wenn es in Deutschland kein Umdenken gibt, wird es hier keine Zirkusse mehr geben.“ Wenn aber wie am Wochenende das Zelt ausverkauft ist, erwacht sein Kampfgeist. „Wir wollen nicht aufgeben. Der Applaus, die Begeisterung der Zuschauer zeigen uns, dass es weitergehen muss!“

VON FRANK SOMMER

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