Strikte Hygieneregeln

Corona-Hilferuf von Offenbacher Erziehern: Kita-Öffnung „um welchen Preis?“

Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen: Seit dieser Woche können wieder alle Kinder die hessischen Kitas besuchen. Das Umsetzen der Schutzmaßnahmen ist fürs Personal ein Kraftakt. (Symbolbild).
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Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen: Seit dieser Woche können wieder alle Kinder die hessischen Kitas besuchen. Das Umsetzen der Schutzmaßnahmen ist fürs Personal ein Kraftakt. (Symbolbild).

Den Erzieherinnen und Erziehern in der katholischen Kita St. Josef in Offenbach reicht es. Seit gut einem Jahr ist ihr Alltag bestimmt von immer neuen Vorgaben und Regeln.

Offenbach – Andere legen fest, sie setzen um. Spätestens jetzt, wo die Kitas seit dieser Woche weitestgehend zum Regelbetrieb zurückgekehrt sind, ist das Team der Einrichtung an der Brüder-Grimm-Straße in Offenbach der Meinung, dass all das so nicht machbar ist.

Darum hat sich das Personal nun in einem offenen Brief an Ministerpräsident Volker Bouffier, Sozialminister Kai Klose und Kultusminister Alexander Lorz gewandt. „Wir wollen darauf aufmerksam machen, was es für uns heißt, unter diesen Corona-Bedingungen zu arbeiten“, sagt Kerstin Sommer. Sie ist Erzieherin in der Kita St. Josef in Offenbach und eine von drei Kolleginnen, die die Zeilen an die Landesregierung stellvertretend für das gesamte Team verfasst haben und damit dem Beispiel der katholischen Kitas in Heusenstamm folgen. Die hatten sich kürzlich zusammengetan und einen ähnlichen Brief verfasst.

Kita-Öffnung in Offenbach: Hygieneregeln kaum umsetzbar?

Nachdem die Landesregierung in den vergangenen Wochen an Eltern appellierte, ihre Kinder nur im Notfall in Betreuungseinrichtungen abzugeben, sollen seit diesem Montag wieder alle diese Möglichkeit haben. Um dennoch größtmöglichen Schutz zu gewährleisten, müssen in den Kitas weiterhin strenge Corona-Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden. Bereits mit weniger Kindern seien die allerdings nur schwer umzusetzen gewesen, schreiben die Erzieherinnen an die Wiesbadener Politiker. „Mit Ihrer Entscheidung, den Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen ab dem 22. Februar 2021 zu starten, stellen Sie uns vor eine Aufgabe, die uns nicht umsetzbar zu sein scheint“, heißt es weiter.

Kerstin Sommer nennt einige der Corona-Maßnahmen, die es derzeit zu meistern gilt: „Nach jedem Kind, das auf Toilette war, müssen wir die Toilette reinigen, ebenso benutzte Spielsachen. Beim Frühstück und beim Mittagessen dürfen sich die Kinder nicht mehr selbst nehmen, wir müssen ihnen alles auf den Teller geben.“ Hinzu kommt die Vorgabe, dass sich die Gruppen – sowohl Kinder als auch Erzieher – nicht untereinander mischen sollen.

„Die pädagogische Arbeit leidet“, sagt eine Erzieherin aus Offenbach

All das sei ein erheblicher Corona-Mehraufwand an Arbeit und schlicht nicht machbar, wenn tatsächlich alle 120 Kinder, die die Kita St. Josef besuchen, da seien, sagt auch Kerstin Sommers Kollegin Gabriela Zivkovec. Spätestens für kommende Woche haben nahezu alle Eltern angekündigt, ihren Nachwuchs wieder zu bringen, berichten die beiden Frauen.

Aber auch für die Kinder sei die Situation unbefriedigend, das betonen die Erzieherinnen in ihrem Schreiben. „Einen Großteil der Spielsachen und Materialien mussten wir aus Hygienegründen wegräumen, sollen außerdem möglichst viel Zeit draußen verbringen“, erzählt Gabriela Zivkovec. „Die pädagogische Arbeit leidet.“ Immer wieder werde betont, wie schlimm es für die Kinder sei, nur zu Hause zu sein, ohne Spielkameraden, die Rufe nach Kita-Öffnungen seien laut, sagt Kerstin Sommer. „Aber um welchen Preis?“

Ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen in Offenbach fehlt bei den Entscheidungen, die von der Politik getroffen und kommuniziert werden, der Bezug zum Alltag vor Ort. „Wenn es um unsere Praxis geht, wollen wir einfach auch mal gehört werden“, betont Kerstin Sommer. Die Erzieherinnen würden durch das Vorgehen der Entscheidungsträger oft in eine schwierige Situation gebracht. „Die Eltern gehen davon aus, dass das, was die Politiker mitteilen, auch genauso umgesetzt wird“, sagt Kerstin Sommer. Das aber sei oft nicht möglich.

Kita-Öffnung in Offenbach: Team wartet nun auf Antwort von der Landesregierung

Nicht zuletzt sorgt sich das Team der Kita St. Josef in Offenbach auch um die eigene Gesundheit, fordert im Brief an die Landesregierung möglichst bald Zugang zur Corona-Impfung. Zumindest in diesem Punkt wurden sie mittlerweile erhört, seit gestern laufen die Impfungen von Lehrern und Erziehern. „Unsere Gesundheit ist akut gefährdet, wenn wir uns bis zu acht Stunden am Tag, mit 25 Kindern, die noch keine Maske tragen können, gemeinsam in einem Raum aufhalten müssen“, begründet das Team seine Sorgen. Kerstin Sommer ergänzt: „Die Kinder husten, niesen, wischen auch mal eine Rotznase an uns ab.“ Sie und viele andere hätten darum Angst, sich mit dem Virus zu infizieren, es mit nach Hause zur Familie zu nehmen.

Auf Anfrage bei der Stadt teilt Pressesprecher Fabian El-Cheikh mit, dass seit Ende Oktober, als die Inzidenzwerte in Offenbach auf über 200 anstiegen, 31 Erzieherinnen und Erzieher positiv auf Corona getestet wurden. Diese Zahl sei nicht ungewöhnlich hoch, dafür aber mit starken Auswirkungen verbunden – für die Betroffenen und das Gesundheitsamt. „Diese 31 Fälle in den Kitas hatten zur Folge, dass insgesamt 321 Kinder und 55 andere Erzieher und Erzieherinnen zeitweise in Quarantäne mussten.“ Die Sorge beim Personal in den Einrichtungen ist dennoch groß, gerade jetzt, wo von noch ansteckenderen Virusmutationen die Rede ist. Sowohl Kerstin Sommer als auch Gabriela Zivkovec sind darum der Meinung, dass eine Notbetreuung weiterhin der bessere Weg gewesen wäre. „Ich hätte mir gewünscht, dass der Regelbetrieb erst dann kommt, wenn man weiß, wie man uns und die Kinder schützen kann“, sagt Gabriela Zivkovec.

„Mit freundlichen Grüßen aus dem Kita-Alltag“ schließt das Team der Kita St. Josef seinen Brief an Ministerpräsident und Minister ab und wartet nun auf Antwort aus Wiesbaden. (Lena Jochum)

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