„Nicht mit Menschen experimentieren“

Etwa 200 Lehrer, Eltern und Schüler protestieren gegen geplante Grundschulöffnung

„Lehrer sind keine Versuchskaninchen“ war etwa auf den Plakaten der Demonstranten zu lesen. Foto: Sommer
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„Lehrer sind keine Versuchskaninchen“ war etwa auf den Plakaten der Demonstranten zu lesen. 

Alexander Lorz erntet großen Gegenwind bei seinen Plänen für die hessischen Grundschulen. Etwa 200 Lehrer, Eltern und Schüler demonstrieren in Offenbach gegen die plötzliche Lockerung.

Offenbach – Mit seiner Ankündigung, ab Montag an Grundschulen den Regelunterricht wieder aufzunehmen und dabei auf sämtliche Abstands- und Hygieneregeln in den Klassenräumen zu verzichten, hat Hessens Kultusminister Alexander Lorz einen Sturm der Entrüstung bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Lehrern und Teilen der Elternschaft heraufbeschworen. Nachdem die Leiter der Offenbacher Grundschulen in einem Offenen Brief diese Pläne scharf kritisierten (wir berichteten), haben gestern nun rund 200 Lehrer, Eltern und Schüler aus Stadt und Kreis vor dem Offenbacher Rathaus demonstriert. „Unser Protest richtet sich gegen den Kultusminister und seine Pläne, nicht aber gegen die Schulämter“, betont Kirsten Schultheis-Schauer von der GEW. Der Unmut unter den Demonstranten ist indes groß. „Wir haben in den vergangenen Wochen den Kindern in mühevoller Kleinarbeit die Hygiene- und Abstandsregeln eingeschärft und nun wirft der Minister all das über den Haufen“, sagt Lehrerin Martina Billy von der GEW. „An der Infektionsgefahr hat sich aber seit März nichts geändert“, sagt eine andere Lehrerin, „da wird mit Menschenleben experimentiert!“

Einige der Demonstranten tragen bunte Hasenohren, auf Schildern ist zu lesen, dass sich Grundschüler und Lehrkräfte nicht als Versuchskaninchen missbrauchen lassen wollen. „In Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt wurden die Schulen bereits nach drei Tagen wegen Infektionsfällen wieder geschlossen und hier soll ab Montag so getan werden, als gäbe es keine Gefahr“, sagt Lehrerin Edeltraud Trinowitz und fordert Lorz auf, seine Anordnung zu revidieren. „Lassen Sie uns die nächsten zwei Wochen weiter unterrichten wie bisher und legen Sie lieber ein gutes Konzept für die Zeit nach den Sommerferien auf den Tisch“, formuliert sie.

Hin und wieder kommt es zu kleinen Wortgefechten der Lehrer mit drei Frauen, die für „mehr Bildung für die Kinder “ demonstrieren. Der bisherige tageweise Unterricht sei nicht ausreichend, sagen sie, die Aussetzung der Abstandsregeln sehen sie allerdings auch kritisch.

Vehement widersprechen die Redner dem Vorurteil, die Lehrer wollten „bezahlte Freizeit“ haben, wie in einigen sozialen Netzwerken zu lesen ist. „Wir haben die vergangenen Monate wesentlich mehr gearbeitet als sonst, wir mussten teils von Freitag auf Montag alles umplanen“, ruft eine Lehrerin. „Ich fahre die Unterrichtsunterlagen selbst zu meinen Schülern aus“, berichtet eine andere.

Da die Schulleiter erfahren haben, dass zahlreiche Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken werden aus Sorge vor einer Infektion, würden nach den Minister-Plänen am Montag weniger Schüler unterrichtet als bisher. „Ich gebe jeden Tag eine Stunde Einzelunterricht per Video für Schüler, die zuhause jemanden aus der Risikogruppe haben – das fällt ab Montag weg. Diese Kinder haben dann keinen Unterricht mehr“, sagt eine Lehrerin. „Für die letzten neun Unterrichtstage sollte es besser so bleiben wie bislang.“

VON FRANK SOMMER

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