Corona-Krise

Unzumutbare Dauer-Quarantäne: Wie die Corona-Pandemie Offenbachs Ketteler-Krankenhaus herausfordert

Prof. Dr. Stephan Sahm Ketteler-Chefarzt
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Prof. Dr. Stephan Sahm Ketteler-Chefarzt

Professor Stephan Sahm erlebt eine „für alle Beteiligten interessante und bewegende Zeit“. Der Onkologe und Medizinethiker ist Chefarzt am Offenbacher Ketteler, mit 324 Betten das kleinere der Offenbacher Krankenhäuser. 

Sahm wirkt in diesen Corona-Tagen an einer völlig umstrukturierten Klinik. Wie andere Häuser auch verschiebt die Einrichtung mit katholischer Tradition alles, was an Operationen, Kontrollen oder Behandlungen verschiebbar ist. Ganze Stationen sind leer geräumt, um bei Bedarf Isolationsplätze vorrätig zu haben. Personal, das mit Covid-19-Kranken zu tun hat, ist strikt von anderen Mitarbeitern getrennt. Für Besucher bleiben auch am Lichtenplattenweg die Türen zu – unerlässlich, aber angesichts eines Hauptschwerpunkts Geriatrie ein tiefer Einschnitt, der Patienten und Angehörigen zuzumuten ist.

Das starke Gewicht auf die Altersheilkunde bringt während der Pandemie-Beschränkungen besondere Probleme mit sich, wie Stephan Sahm im Gespräch mit unserer Zeitung schildert. Mit dem Offenbacher Gesundheitsamt ist etwa die Frage zu erörtern, was mit allein stehenden alten Menschen passiert, die nach regelmäßigen Behandlungsintervallen im Krankenhaus in ihre Heime zurückkehren sollen: Dort müssten sie für vierzehn Tage isoliert werden. „Wenn Tumorpatienten alle zwei, drei Wochen zur Chemotherapie kommen, müssten sie praktisch nur noch in Quarantäne leben – eigentlich nicht zumutbar“, sagt Sahm. Auch der Chefarzt sucht bei Grenzfällen das Gespräch mit den Betreibern, die ein verständliches Interesse daran haben, kein Covid-19 in ihr Heim zu lassen. Es gelte, einen menschlich richtigen Weg zu finden, der medizinisch vertretbar sei. Sahm nennt das „behutsame Abwägungsentscheidungen“.

Anderes, indirekt von Corona verursachtes Problem, mit dem sich das einst von Ordensschwestern gegründete Spital nach den ersten Wochen der Beschränkung konfrontiert sieht: Aus eigenem Antrieb, oder weil auch Arztpraxen eingeschränkt arbeiten, kommen Patienten erst mit Verzug in die Klinik. Krankheiten würden erst in fortgeschrittenerem Stadium entdeckt, registriert Onkologe Sahm: „Wenn’s mal Lockerungen gibt, haben wir viel nachzuarbeiten.“ Dann werden auch die Gallenblasen-Operation, die Eingriffe an der Wirbelsäule und der Austausch des Hüftgelenks nachgeholt, folgen die jetzt vertagten Abklärungen und Kontrollen bei chronischen Krankheiten.

Sahms Ketteler hatte sich bisher um 19 Patienten mit Corona-Infektion und Covid-19-Symptomen zu kümmern. 15 davon sind bereits wieder entlassen, drei liegen noch auf der Intensivstation, einer ist auf das Beatmungsgerät angewiesen. (Daneben werden mehrere Patienten mit anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen beatmet, die freien Apparate des Ketteler werden bundesweit als zur Verfügung stehend gemeldet). Für alle Ärzte und Pfleger bedeute die Pandemie eine enorme Mehrbelastung, betont der Chefarzt der Medizinischen Klinik I.

Anfangs habe viel Nervosität geherrscht, gegen Furcht und Angst sorgten unter anderem Schulungen und dass jeder neue Patient umgehend mit Mundschutz ausgestattet werde. „Wir kämpfen darum, dass die Menschen sicher sind“, sagt Sahm. Von Infektionen bei der Belegschaft ist sein Haus bislang verschont geblieben, keine interne Übertragung musste dokumentiert werden. Nur eine Mitarbeiterin fiel aus, weil sich ihr Partner im Skiurlaub angesteckt hatte.

Generell habe Offenbach Glück, meint der Offenbacher Sahm, die Zahl der Infektionen liege ja unter den bundesweiten Werten – vielleicht auch wegen einer einsichtsvollen Bevölkerung. Das habe den Kliniken Zeit gegeben, sich auf die neue Situation einzustellen und ihren Betrieb umzubauen. Was auch bestens funktioniere, sei die Zusammenarbeit auf lokaler Ebene, mit dem großen Sana-Klinikum ebenso wie mit dem stets erreichbaren Gesundheitsamt.

Der Professor hofft nun, dass es nicht zu einer erneuten Welle kommt, die die Krankenhäuser vor schwere Herausforderungen stellt. Für das Mitglied einer zentralen Ethikkommission für mehrere Krankenhausketten ist es keine Frage, dass alle Kranken gleich behandelt werden müssen, auch wenn es eng wird: Bei der Aufnahme in ein Krankenhaus zähle die Dringlichkeit, es dürfe deshalb kein Unterschied gemacht werden zwischen Covid-19-Patienten und anderen, so der Professor.

Von Thomas Kirstein 

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