Dosen-Stau

Ungenutzte Corona-Impfstoffe? – Petition für Freigabe gestartet

Am Zaun des Impfzentrums Stadthalle werben Offenbacher Gesichter in einer städtischen Kampagne für die Bereitschaft, sich impfen zu lassen.
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Am Zaun des Impfzentrums Stadthalle werben Offenbacher Gesichter in einer städtischen Kampagne für die Bereitschaft, sich impfen zu lassen.

Die Bundesregierung lasse Millionen Impfdosen ungenutzt rumliegen, sagen Kritiker. Diese Vorstellung ist auch nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Offenbach – Verwirrung wirkt als Nährstoff: Erst ist nicht ausreichend Impfstoff der einen Sorte bestellt worden, jetzt werden sie den anderen nicht los. Eine spitzfindige Leserfrage in der Offenbach-Post ist nachvollziehbar: „Kann ich jetzt in der Stadthalle anrufen und anbieten, dass ich sehr gern nehme, was andere nicht wollen?“

Auch aus örtlichen Medizinerkreisen kommen Hinweise. Am Nassen Dreieck hätten sie mehr Anti-Corona-Stoff, als sie spritzen könnten; Termine würden kurzfristig abgesagt mit der Begründung, „Astrazeneca kommt bei mir nicht rein“; der Landkreis mache in Heusenstamm die gleichen Erfahrungen.

Kreise dementieren Vorwürfe – Alle Impfstoffe sollen im Einsatz sein

Gleich vorab: So bestätigen will das niemand. Die Pressestelle des Kreises Offenbach beantwortet die Anfrage lapidar: „Diese Information ist nicht richtig. Wir verimpfen allen Impfstoff, der uns zugeteilt wird.“ Bei der Stadt Offenbach heißt es, insgesamt sei die Anzahl der nicht abgerufenen Termine und der deshalb über Plan verfügbaren Impfstoffe vergleichsweise gering, die Stadthalle dahingehend eher unauffällig.

Bestätigen kann Stadtsprecher Fabian El-Cheikh nur, „dass es durchschnittlich im zweistelligen Bereich Fälle gibt (bei allen Impfstoffen), in denen die vereinbarten Termine nicht wahrgenommen wurden“. Woran das jeweils liegt, kann man nicht nachvollziehen, ob Termine ausdrücklich aufgrund des Impfstoffs Astrazeneca abgesagt wurden, ist nicht bekannt. Vermutlich geben kaum viele Menschen freimütig zu, dass sie bezüglich des angebotenen Serums nun einmal sehr wählerisch seien.

Wie El-Cheikh erinnert, hat die Stadt von Anfang an – etwa bei den Arztpraxen, die sich impfen lassen können – offen und transparent darauf hingewiesen, dass dieser Stoff für alle unter 65 Jahre zur Anwendung komme.

Hessen ist über den Impfstoff-Bestand im Bilde

Für die wieder frei gewordenen Impfdosen will das Land nach Informationen der Stadt nun zusätzliche Termine für die „Priogruppen 1+2“ (2 sind die ab 70-Jährigen und chronisch Kranken) anbieten.

Hessen frage auch regelmäßig den örtlichen Bestand ab, auch um zu erkennen, wie der Fortschritt in den einzelnen Impfzentren erfolge, ergänzt El-Cheikh: „Daher hat das Land auch einen Überblick, wo Impfdosen nicht wie geplant den Weg in den Oberarm gefunden haben.“

Petition aus Offenbach fordert Bereitstellung von AstraZeneca-Präparat für Freiwillige

Inzwischen läuft eine bundesweite Petition, die ihren Ursprung in Offenbach hat. Die Krankenhausärztin Dr. Marlene Kneifel-Flügel und ihr Mann Wolfgang haben sie als Privatpersonen gestartet.

Die Forderung, die jeder online auf change.org unterstützen kann: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) möge sofort einen gewissen Prozentsatz des AstraZeneca-Impfstoffs für Interessierte zur Verfügung stellen. Mehr als 4.000 Menschen (5.000 sind nötig, um das offizielle Gehör zu finden) haben sich bereits dem Motto „Impfstoff gehört in den Oberarm und nicht in den Kühlschrank“ angeschlossen.

Konkreter Vorschlag der beiden Offenbacher: Interessierte sollten sich online registrieren können und dann über freie Impftermine informiert werden können.

Petitionsgründer aus Offenbach können Impfstrategie in Deutschland „nicht nachvollziehen“

Wie die Flügels erläutern, wollen sie mit ihrem Vorstoß auch einen Gegenpol setzen zu den zahlreichen Petitionen von Impfgegnern. Die Ärztin und ihr Mann betonen dabei, dass sie ganz klar die gegenwärtige Impfstrategie der Priorisierung vulnerabler Gruppen unterstützen.

Enttäuscht zeigen sie sich, dass der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, aktuell die Freigabe mit der Begründung abgelehnt hat, dies sei nicht möglich, solange noch priorisierte Personen nicht geimpft seien.

„Dies können wir einfach nicht nachvollziehen, denn das würde im Extremfall bedeuten, dass eine Million. AstraZeneca-Dosen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag in den Kühlschränken liegen bleiben, bis die priorisierten Bevölkerungsteile mit Biontech und Moderna und zukünftigen Wirkstoffen geimpft sind“, beklagen Dr. Marlene Kneifel-Flügel und Wolfgang Flügel. (Thomas Kirstein)

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