Nicht jeder macht auf

Restaurants öffnen unter strengen Auflagen - Wirte haben Bauchschmerzen

Gema Sánchez vom Lokal „informal“ hält die Coronaschutz-Gebote für „branchenfremd“ und lässt ihr Lokal vorerst geschlossen. Foto: Jan Schuba
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Gema Sánchez vom Lokal „informal“ hält die Coronaschutz-Gebote für „branchenfremd“ und lässt ihr Lokal vorerst geschlossen.

In Offenbach öffnen erstmals in der Corona-Krise wieder zahlreiche Restaurants. Viele Wirte haben dabei Bauchschmerzen.

  • Corona in Offenbach: Restaurants öffnen wieder
  • Auflagen sind sehr streng
  • Viele Gastronomen öffnen mit Bauchschmerzen

Offenbach – Ab Freitag dürfen die Wirte wieder ihre Lokale öffnen – allerdings unter strengen Auflagen. Etlichen Gastronomen bereitet das Bauchschmerzen.

„Diese Lockerungsmaßnahmen sind einfach branchenfremd“, sagt Gema Sánchez, Inhaberin des Lokals „informal“ im Salzgässchen. „Als kleinstes Restaurant der Stadt fallen wir komplett durchs Raster.“ Da nur eine Person je Grundfläche von fünf Quadratmetern ins Lokal dürfte, könnte Sanchez nur zwei Personen gleichzeitig bedienen. „Jede Fläche ist Umsatz.“ Ihr Restaurant bleibt daher weiterhin geschlossen. „Ich wäre dafür, die Läden alle zuzulassen. Entweder wir haben eine Pandemie oder nicht.“ Sie fände es sinnvoller, auch mit Vermietern und Energie-Anbietern über Unterstützungen zu diskutieren.

Corona in Offenbach: „ess:zimmer“ am Offenbacher Tennisclub macht auf - und rechnet mit Verlust

Im „ess:zimmer“ am Offenbacher Tennisclub kennt man die Probleme ebenfalls. Der Entschluss, das Lokal wieder für den Regelbetrieb zu öffnen, ist den Inhaberinnen Dany Klose und Nicole Bauch nicht leicht gefallen. „Wir haben lange mit uns gehadert“, sagt Klose.

Beide Frauen rechnen jeden Tag mit einem Verlust von etwa 250 Euro, denn dem erhöhten Personalaufwand – beispielsweise mussten jemand zur Überwachung der Hygiene- und Abstandsregeln einstellen – steht der zwangsläufige Verzicht auf Kundschaft gegenüber. Bot das Lokal vor Corona 208 Personen Platz, sind es nun nur 48, die bewirtet werden dürfen.

Corona in Offenbach: Gäste von Restaurants bekommen am Telefon die Regeln erklärt - das dauert

Allein ein Reservierungsgespräch dauert 15 Minuten. Dany Klose erklärt den Gästen am Telefon nicht nur die Hygiene- und Abstandsregeln; auch in welchem Verhältnis die Reservierenden zueinanderstehen, erfragt sie. „Ich muss wissen, ob sie aus einem oder aus zwei Haushalten kommen. Ich dringe in die Privatsphäre meiner Kunden ein.“

Auch räumlich sei es eine gewöhnungsbedürftige Situation. „Kein Gast darf im Eingangsbereich stehen bleiben, sondern wird direkt an seinen Tisch gebracht. Dort dürfen aber weder Kerzen noch Besteck sein.“ Das Personal trägt zudem Mund-Nasen-Masken. Damit fällt für Klose, genau wie für Gema Sánchez vom „informal“, ein wichtiger Teil des Wohlfühlfaktors weg: Die Kommunikation. „Meine Kunden sehen nicht mal, ob ich lächle.“ Wirklich verärgert ist sie aber darüber, dass auch ihr Küchenpersonal einen Schutz tragen muss. Das Abschmecken der Speisen sei damit unmöglich.

Corona in Offenbach: Apfelwein Klein eröffnet wieder - Sprung ins kalte Wasser

Für Sabine Klein ist die Wiedereröffnung ihrer Gaststätte Apfelwein Klein ein Sprung ins kalte Wasser. Sie habe die Hygieneregeln bestmöglich umgesetzt, sagt sie, aber ob sich das Öffnen wirtschaftlich lohnen werde, könne sie nicht einschätzen: „Ich habe überhaupt kein Bauchgefühl. Wir werden sehen, wie es laufen wird, und Ende nächster Woche ziehen wir ein Fazit.“

Klein macht sich Gedanken, wie ihr Hygienekonzept bei eventuellen Kontrollen beurteilt würde. Sie empfindet die Auflagen als „schwierig umzusetzen und sehr zeitintensiv“. Einen Mundschutz zu tragen sei – gerade für Brillenträger wie sie – lästig. Das Ambiente störe, dass die Tische nicht eingedeckt sein dürften. „Besteck bekommt der Gast erst, wenn er am Tisch sitzt. Aber bis er sitzen kann, muss er sich anmelden, ein Formular ausfüllen, die Hände desinfizieren. Dann irgendwann bekommt er die Speisekarte, und da hat er noch nicht einmal etwas zu trinken serviert bekommen“, schildert Sabine Klein. Aber sie wolle nicht negativ denken: „Wir haben ein Bonbon bekommen: Wir dürfen wieder öffnen. Jetzt machen wir das Beste daraus.“

Offenbach: Restaurant machen wieder auf - Vorbereitungen laufen

Diese Auffassung teilt auch Carmelo Giuseppe Licata, Inhaber vom „Tarantino’s“ am Wilhelmsplatz. „Es wird anstrengend“, glaubt er. „Aber die Auflagen müssten für uns eigentlich einhaltbar sein.“ Man müsse die Gäste eben darauf hinweisen, dass Rücksicht geboten sei. „Und dann werden wir schon sehen, inwieweit wir Schwierigkeiten haben oder zurechtkommen.“ Genau wie Sabine Klein will auch Carmelo Licata die neuartige Situation ab heute einfach auf sich zukommen lassen.

Auch im „Trattodino“ in der Taunusstraße laufen die Vorbereitungen. Restaurantbesitzer Stefan Gey und seine Frau Doris haben ein Konzept für das Restaurant ausgearbeitet: 15 bis 16 Gäste können sie zeitgleich bewirten.

Corona in Offenbach: Restaurants öffnen wieder - Doris Gey findet Situation chaotisch

Doris Gey empfindet die Situation als chaotisch: „Ich bin nicht so begeistert. Wahrscheinlich ist es wirtschaftlich sinnvoller, weiter Speisen nur zum Abholen anzubieten, als zu öffnen.“ Der Abholdienst sei zwar auch nicht optimal, aber die Auflagen minderten die Freude an der Wiedereröffnung.

Die Lokalbesitzerin glaubt nicht, dass eine Öffnung eine große Verbesserung ihrer Situation bringen wird. „Einige Stammgäste wollen unbedingt kommen am Freitag oder Samstag, für die werden wir öffnen. Aber das Gefühl, das es ausmacht, essen zu gehen, wird es nicht geben.“

VON MARIAN MEIDEL, JOSHUA BÄR UND THERESA RICKE

Alle Informationen zum Coronavirus in Offenbach gibt es in unserem Ticker.

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