Schulbeginn

Offenbach: Lehrer müssen Reiserückkehrer über Corona-Regelungen aufklären

Offenbacher Tagesmütter zeigen gespendete Schultüten und Masken für Erstklässler
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Abstand und Mund-Nasen-Masken gehören zum neuen Schulalltag ab Montag. Die Offenbacher Tagesmütter haben für Erstklässler aus bedürftigen Familien in diesem Jahr nicht nur Schultüten, sondern auch Masken zum Schulstart gespendet. Verteilt werden die Spenden über die Tafel.

Die Stadt Offenbach hat die Aufklärungsarbeit über Reiserückkehrer an die Schulen übertragen. Lehrer müssen sich telefonisch vergewissern, dass alle Schüler getestet worden sind.

Offenbach - Am Montag (17.08.2020) beginnt das neue Schuljahr – ein Schuljahr unter Pandemiebedingungen. Da in Offenbach die Zahl der Neuinfektionen immer noch hoch ist und durch Reiserückkehrer vermutlich weiter steigen wird, hat sich die Stadt zum Schulstart für einen ungewöhnlichen Weg entschieden: Wie am Freitag bekannt wurde, hat der städtische Krisenstab bereits am Mittwoch in Absprache mit dem staatlichen Schulamt beschlossen, dass die Lehrer der Offenbacher Schulen die Eltern schulpflichtiger Kinder über die Corona-Bestimmungen unterrichten sollen.

Am Donnerstag informierte das staatliche Schulamt die jeweiligen Schulen und schickte einen „Leitfaden für das Lehrer-Eltern-Gespräch zum Schulbeginn“ an sämtliche Pädagogen. Diese sind seitdem damit beschäftigt, über ihre Privattelefone bei den Eltern ihrer Schüler anzurufen und diese auf diesem Weg über die bestehenden Regelungen für Reiserückkehrer zu informieren.

Dabei solle, so schreibt das Schulamt, sensibel vorgegangen werden: Die Lehrer hätten den Grund des Anrufs zu nennen und anschließend zu fragen, ob die Familie ihren Urlaub im Ausland verbracht habe. Aus datenschutzrechtlichen Gründen dürften aber keinesfalls Fragen zu „Reisenden, Reisezeitraum oder Zielort“ gestellt werden.

Lehrer müssen Eltern über Urlaubsreise befragen

Sollten die Eltern die Frage nach einem Auslandsaufenthalt bejahen, müssen die Lehrer sie über die Reiserückkehrerregelung belehren und sie auf mögliche Strafen bei Nichtbeachtung hinweisen. Ohne einen negativen Corona-Test dürfte das Kind ab Montag nicht am Unterricht teilnehmen. „Bei begründetem Verdacht auf Nicht-Einhaltung der Reiseregelungen können Sie als Lehrkraft die Schulleitung informieren, die das Stadtgesundheitsamt (...) kontaktiert“, heißt es in dem Schreiben weiter.

Außerdem sollen am Montag vor Schulbeginn die Lehrer die Schüler auf dem Schulhof noch einmal direkt ansprechen und über die Zugangsbeschränkung informieren: So soll sichergestellt werden, dass keine ungetesteten Reiserückkehrer-Kinder am Unterricht teilnehmen. Zudem werde ein mehrsprachiges Merkblatt für Eltern verteilt.

Maskenpflicht für den ersten Schultag in Offenbacher Klassenzimmern

Wegen der hohen Infektionszahlen verschärft die Stadt außerdem eine Vorgabe des Landes, wenn auch nur für einen Tag. Das Land hatte angeordnet, dass alle Schüler auf dem Schulgelände und in den Gebäuden Masken zu tragen haben, jedoch nicht im Unterricht. Schuldezernent Paul-Gerhard Weiß weist darauf hin, dass in Offenbach am ersten Schultag auch im Klassenzimmer eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden muss.

„Mit dieser zweiten Stufe unserer Maßnahmen wollen wir erreichen, dass spätestens nach dem ersten Schultag kein Kind mehr am Unterricht teilnimmt, das aus einem Risikogebiet kommt“, sagt Weiß. Während die Stadt die Telefonaktion als konsequente Fortführung ihrer Informationsarbeit anpreist, sind Gewerkschaft und Stadtelternbeirat davon weniger angetan. Auch wenn man den Schulbeginn und die Hygiene-Regeln begrüße, so sei es „ein Unding“, dass die Lehrer nun die Eltern anzurufen hätten, sagt Stadtelternbeirat Rolf Joachim Rebell.

Keine Zahlen zu Corona-Tests bei Lehrern

Kurz vor Ende der Schulferien verkündete das Hessische Kultusministerium, dass sich Lehrer ab Mitte August freiwillig und kostenlos auf Covid-19 testen lassen könnten. Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sei dieses Angebot auch oft in Anspruch genommen worden – wie oft aber genau, dazu liegen keine Zahlen vor.

Weder das Gesundheitsamt noch das staatliche Schulamt mussten über die Teilnahme an einem Test informiert werden, so dass die Stadt Offenbach offiziell nur von einem Lehrer einer Offenbacher Schule weiß, der sich testen ließ.

Die Untersuchungen wurden nicht in den Corona-Testcentern vorgenommen, sondern bei ausgewählten Hausärzten, die mit der kassenärztlichen Vereinigung eine entsprechende Vereinbarung getroffen haben. Lediglich im Falle eines positiven Covid-19-Ergebnisses hätten sich die Lehrer bei den Gesundheitsämtern melden müssen.

Das Land hat laut GEW am Freitag, drei Tage vor Schuljahresbeginn, sein Angebot auch auf andere Beschäftigte an Schulen, wie Sekretärinnen oder Hausmeister ausgeweitet. Begleitpersonen von Kindern mit Behinderung, die in Inklusionsklassen an der Seite der Kinder sitzen, sind jedoch nach wie vor vom kostenlosen Testangebot des Landes ausgenommen, wie die Gewerkschaft bemängelt. „Dabei kommen die Begleitpersonen den Kindern viel näher als die Lehrer“, heißt es dort. (som)

„Die Lehrer bekamen zu Ferienbeginn ein Infoschreiben, das über die Konsequenzen von einem Urlaub in Risikogebieten informierte – weshalb nicht auch die Eltern?“, fragt Thilo Hartmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Offenbar habe man sich bei Land und Stadt zu wenig Gedanken gemacht und nun auf den „letzten Drücker“ eilig etwas verabschiedet. Dass die Lehrer von Privattelefonen aus die Eltern befragen sollen, sei problematisch, die Abfrage persönlicher Informationen auch rechtlich bedenklich.

„Wir erleben, dass die Entrüstung über diese Anordnung unter den Lehrern groß ist“, sagt Hartmann. Da schon im Juni bekannt war, dass Reisen in Risikogebiete ein nicht unerhebliches Infektionsrisiko beinhalten, wäre eine entsprechende Elterninformation zu Ferienbeginn sinnvoller gewesen als drei Tage vor dem Schulbeginn. Von Frank Sommer

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