Ohne Abschied

Keine Schutzkleidung: Angehörige können Covid-19-Patienten vor deren Tod nicht besuchen

Sana-Klinikum Offenbach
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Beschäftigte des Sana-Klinikums bemängeln den klinik-internen Umgang mit Corona

Wegen der Corona-Lage in Hessen herrscht in Kliniken in Offenbach Besuchsverbot. Besonders streng ist das auf der Corona-Station, wo viele Menschen sterben.

  • Wegen der Corona-Pandemie gelten strenge Besuchsverbote in den Krankenhäusern in Offenbach.
  • Auf den Normalstationen in den Offenbacher Krankenhäusern gibt es gewisse Ausnahmen vom Besuchsverbot.
  • Die Ausnahmen gelten allerdings nicht auf den Corona-Stationen.

Offenbach – Sie gehört zu den Urängsten der Menschen: Die Furcht davor, einsam zu sterben. Keinen Abschied nehmen zu können von Verwandten oder Freunden, nicht mehr ein letztes Mal die Hand eines geliebten Menschen drücken, ihm in die Augen schauen zu können. In der Corona-Pandemie aber ist diese Angst weltweit bittere Realität geworden: Durch strikte Besuchsverbote sterben Menschen in Kliniken oder Pflegeheimen, ohne noch einmal ihre Angehörigen gesehen haben zu können.

Besuchsverbote in Kliniken in Offenbach: Keine Ausnahmeregelung auf Corona-Stationen

So musste es auch Christof K. erleben: Seine Mutter wurde Anfang Dezember mit einer Corona-Infektion in das Sana-Klinikum eingeliefert und verstarb dort – doch er durfte sie vor ihrem Tod nicht besuchen, konnte nicht Abschied von ihr nehmen. „Warum darf ich die eigene Mutter vor ihrem Tod nicht besuchen?“, sagt K., der sich an unsere Zeitung gewandt hat. Seine Versuche, sie noch einmal zu sehen, wurden stets abschlägig beantwortet: Es gebe keine Schutzkleidung für Besucher, für die Corona-Station, wurde ihm am Telefon und vom Pförtner mitgeteilt. „Die Schutzkleidung sollte für Besucher zur Verfügung stehen, das ist aber nicht der Fall“, sagt K.. Dass ihm der Besuch bei der sterbenden Mutter verwehrt wurde, sei unmenschlich. Er habe sich damit an unsere Zeitung gewandt, da es in der aktuellen Corona-Lage jeden treffen könne.

Tatsächlich gilt am Sana-Klinikum seit dem 19. Oktober wieder ein generelles Besuchsverbot, wie es schon während der ersten Corona-Welle verhängt wurde: Besucher sind auf sämtlichen Stationen nicht gestattet. Laut Internetauftritt des Klinikums gibt es jedoch einige - wenn auch streng limitierte - Ausnahmen, etwa für den Kreißsaal, in der Kinderklinik oder für „im Sterbeprozess befindliche Patienten“. Allerdings beziehen sich die Ausnahmen nicht auf die Intensiv- und Corona-Stationen, wie das Klinikum auf Nachfrage mitteilt. Dort sind weiterhin Besuche nicht gestattet – davon betroffen sind auch sterbende Patienten.

Besuchsverbot in Offenbach: Zwischen Infektionsschutz und den Rechten der Angehörigen

„Wir können die Enttäuschung des Angehörigen sehr gut verstehen und bedauern es außerordentlich, dass er seine Mutter vor ihrem Tod nicht noch einmal besuchen konnte“, sagt Nils Dehe, Pflegedirektor des Sana-Klinikums. Für das Klinikum seien es ein schwieriger Abwägungsprozess zwischen dem Schutz des Personals und der Patienten und den Bedürfnissen von Besuchern. „Unsere Rolle in der regionalen Krankenversorgung und das uns entgegengebrachte Vertrauen verpflichten uns, ebenso wie die gesetzlichen Regelungen, zu schmerzlichen Entscheidungen, um unsere Patienten und Beschäftigten vor Infektionen zu schützen. Dies stellt uns immer wieder vor schwere Dilemmata.“

Im Fall von Christof K. ließe sich nicht mehr nachvollziehen, wie genau die Kommunikation abgelaufen sei - bei der Aussage, dass er wegen fehlender Schutzkleidung abgewiesen wurde, müsse es sich „um eine missverständliche Formulierung gehandelt haben, deren Wortlaut und Zusammenhang wir allerdings nicht mehr konkret rekonstruieren können, für die wir aber ausdrücklich um Entschuldigung bitten“, betont der Pflegedirektor.

Besuchsverbot in Offenbach: Seelsorger in Kliniken sollen für menschliche Nähe sorgen

Auf Normalstationen könnten die Ärzte für sterbende Patienten Ausnahmen machen und Besuche zulassen, doch dies ginge aus Infektionsschutzgründen nicht auf der Intensiv- sowie der Corona-Station. „Insofern geschah die Ablehnung eines Besuches im vorliegenden Fall aus infektionsepidemiologischen Gründen und in Wahrnehmung unseres Hausrechts, weil wir als Level-I-Klinik im Versorgungsgebiet Hessen mit besonders hohen Intensiv- und Beatmungskapazitäten in der regionalen Krankenversorgung eine zentrale Rolle spielen und deshalb Infektionsmöglichkeiten innerhalb unseres Krankenhauses unter allen Umständen vermeiden müssen“, heißt es beim Klinikum.

Wie sensibel dieses Thema ist, dessen ist man sich am Klinikum bewusst. „Natürlich ist der Besuch eines vertrauten Angehörigen nur schwer zu ersetzen“, sagt Dehe, „wir versuchen aber immer Wege zu finden, die für menschliche Nähe sorgen und nutzen dabei auch alternative Möglichkeiten, wie zum Beispiel virtuelle Kontakte.“ Zudem stünden die Krankenhausseelsorger Beistand bereit, um mit den Patienten nach einer würdigen Begleitung für die letzte Lebensphase zu sorgen. (Frank Sommer)

Angemerkt: Würdevoller Abschied muss möglich sein

Ein letztes Mal die Hand drücken zu können, die Augen des geliebten Menschen zu schließen, wenn er uns verlassen hat – das gehört zu den ältesten menschlichen Handlungen. Das nicht tun zu dürfen, es untersagt zu bekommen, hinterlässt tiefe Wunden bei Angehörigen. Kaum vorstellbar, wie bedrückend diese Aussicht für Sterbende auf den Intensivstationen sein muss. Die Corona-Krise fordert uns in vielerlei Hinsicht - auch im Umgang mit dem Tod. Die Argumente gegen einen letzten Besuch von Angehörigen auf Intensivstationen leuchten ein, der Schutz vor weiteren Ansteckungen von Pflegekräften, Patienten und Außenstehenden ist ein gewichtiges Argument. Und ausdrücklich sei hier betont, dass Mediziner und Pflegekräfte in dieser Krise Großartiges leisten – gerade im Pflegebereich aber leider zu oftmals beschämend geringer Bezahlung.

Und doch: Ein angemessener Abschied muss möglich sein: Der Schutz des Lebens, der würdevolle Umgang mit dem Leben, schließt auch dessen letzte Phase mit ein, den Übergang zum Tod. Ja, den engsten Angehörigen die Möglichkeit einzuräumen, sich von einem Sterbenden auf der Corona-Station zu verabschieden, macht gewaltige Umstände und ist mit Kosten verbunden. Und doch darf dies keine Ausrede dafür sein, es zu unterlassen. Die in der Krise viel beschworene Solidarität darf hier nicht enden: Sie muss es uns wert sein. Die Menschlichkeit gebietet es.

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