Debatte um Antisemitismus

Zusammenleben erschwert

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 Unter der Leitung von Bruno Persichilli (Mitte) diskutierten Integrationsbeauftragter Luigi Masala (links) und Ex-Stadtschulsprecher Max Moses Bonifer mit dem Publikum.

Offenbach - Der Politische Salon hat die Debatte um Antisemitismus in Offenbach aufgegriffen. Es diskutierten Luigi Masala, der Integrationbeauftragte der Stadt, und Ex-Stadtschulsprecher Max Moses Bonifer. Von Harald H. Richter

Er kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als verschlössen nicht wenige Menschen auch in Offenbach Augen und Ohren vor unterschwelligem bis offen artikuliertem Antisemitismus. „Judenhass ist gegenwärtig“, ist Max Moses Bonifer überzeugt. Bei mehreren Gelegenheiten sei ihm Feindseligkeit entgegengeschlagen. „Man hat mich angemacht, wenn ich mit der Kippa in die Schule kam oder abends durch Offenbach gelaufen bin. “ Inzwischen verbirgt er die kreisförmige Kopfbedeckung männlicher Juden unter einem Basecap, wenn er sich in die Öffentlichkeit begibt.

Der 18-jährige Schüler hat das Angebot angenommen, im Politischen Salon von Arbeiterwohlfahrt und Volkshochschule seine Motive zu erläutern, warum er als kommissarischer Stadtschulsprecher die Brocken hingeworfen und seine Beweggründe „nach reiflicher Überlegung“ schließlich öffentlich gemacht hat. So erläutert er am Montagabend im Else-Herrmann-Haus unter Diskussionsleitung von Bruno Persichilli seine Position den rund zwei Dutzend Zuhörer. Arabisch- und türkischstämmige Jugendliche hätten ihn regelmäßig beschimpft, angespuckt und attackiert. „Nachdem sie damit gedroht hatten mich umzubringen, war ein Punkt erreicht, an dem ich mir das nicht länger bieten lassen konnte.“

Bonifer schaltete den Staatsschutz ein und erstattete Anzeige. „Ich bin kein Gegner des Islam, sondern regelmäßig bei der Offenbacher Ahmadiyya-Gemeinde und habe eine muslimische Freundin gehabt“, erklärt der 18-Jährige und betont: „In dieser multikulturellen Stadt bin ich aufgewachsen, aber das Zusammenleben wird immer mehr erschwert durch die Feindseligkeit, die mir und auch anderen Juden entgegenschlägt.“ Die Aggressionen gingen mehrheitlich von muslimischen Mitbürgern aus, sagt Bonifer. Unter ihnen mache sich eine neue Form des Antisemitismus breit.

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Dem 18-Jährigen gegenüber sitzt Luigi Masala (50), Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 16 Jahren Offenbachs Integrationsbeauftragter. Durch ihn sind auf kommunaler Ebene verschiedene Methoden entwickelt und Maßnahmenkonzepte angeschoben worden, die in einer Stadt mit mehr als 150 Nationalitäten und einem Migrationsanteil von fast 58 Prozent den Prozess der Integration als kommunale Querschnittsaufgabe beschreiben. Von den 122.000 Einwohnern sind 16.000 Muslime. Dagegen nimmt sich der jüdische Bevölkerungsanteil von etwa tausend eher bescheiden aus, obwohl die Stadt seit mehr als 300 Jahren auch von Juden bewohnt ist.

„Gewaltpotenzial ist in Teilen der Jugend vorhanden, was uns die brutale Prügelattacke auf die Studentin vor dem Schnellrestaurant am Kaiserlei vor Augen geführt hat“, bedauert Masala. Die fünf in Offenbach tätigen Migrationsberater leisteten viel, besonders was die Jugendarbeit betreffe, fügt er hinzu. Gleichwohl gelinge es auch ihnen kaum, jenes Klientel zu erreichen, das sich bewusst abgrenze und anfällig werde für radikale Propaganda.

Während der lebhaft geführten Diskussion meldet sich unter anderem Erwin Kneißl zu Wort. Er ist auf Kreisebene nicht nur ehrenamtlicher Job-Lotse, sondern im Sportkreis Offenbach für Integrationsarbeit zuständig. „Der Sport nimmt eine ganz wichtige Aufgabe wahr in einem lange andauernden und differenzierten Prozess des Zusammenfügens und Zusammenwachsens, bei der wir Erfolge aufweisen können.“ Er rät, die dabei gemachten positiven Erfahrungen weiterzutragen. Einig ist er sich mit Masala darin, möglichst viele gesellschaftliche Kräfte mit ins Boot zu holen, um durch gemeinsame Anstrengungen durchaus zu beobachtende Abgrenzung junger Migranten entgegenzuwirken.

Max Moses Bonifer freilich hätte sich an diesem Abend die Anwesenheit von Vertretern hiesiger muslimischer Verbände und das Gespräch auch mit ihnen gewünscht. „Nicht nur ich habe mir von ihnen eine klare Positionierung erhofft“, bedauert er deren Fehlen.

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