Moralische Empörung

50 Jahre Sexmesse in Offenbach: Trotz Stinkbomben ein Publikumsrenner

Repro einer Anzeigenseite der Offenbach-Post vom August 1970 mit Kino-Reklame
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Auch die örtlichen Lichtspieltheater schienen sich auf die Sexmessen-Premiere eingestellt zu haben, wie die Kino-Anzeigen in unserer Zeitung nah legen. „Unter den Dächern von St.Pauli“ mit dem legendären Joseph Offenbach war zwar kein billiges Sexfilmchen, aber laut „Lexikon des internationalen Films“ ein „ein schmuddeliger Routinefilm, spekulativ auf einschlägige Effekte getrimmt“. Repro: Kirstein

Die erste Sexmesse Deutschlands fand vor 50 Jahren in Offenbach statt. Begleitet von Protesten im Vorfeld gegen „Porno“ und „Moralverfall“ wurde die schlüpfrige Auslage in der Stadthalle ein Erfolg bei einem (meist) männlichen Publikum.

Offenbach - Nur die Kamera der Tagesschau und das Blitzlichtgewitter störten frühmorgens die lange Reihe der Wartenden. Es waren meist Männer mittleren Alters, die vor 50 Jahren, am 20. August 1970, vom Parkplatz Nasses Dreieck zum Brunnenweg Schlange standen. In der Stadthalle öffnete um 10 Uhr erstmals in Deutschland eine Sexmesse ihre Glastüren. Erster Besucher der „Intima 70“ war Polizeipräsident Horst Schwarz. Unterstützt von einer handverlesenen Schar sattelfester Beamten nahm er persönlich alle 43 Stände in Augenschein, quasi eine Phall-für-Phall-Prüfung auf Verstöße gegen Moral und Sittlichkeit. Trotz Stinkbomben, die moralisch Empörte geworfen hatten: Zwei Stunden nach Einlass waren bereits 2500 Karten zu fünf Mark (2,50 Euro) verkauft. Ohne verkehrsregelnde Maßnahmen drohte in der Halle, in der sonst nur Bürgeler Handballer und busselnde Fastnachter intensive Körperkontakte pflegten, ein Interruptus.

Der Volksmund empört sich

Dabei deuteten Straßenbefragungen und zahlreiche Leserbriefe im Vorfeld des erotischen Panoptikums eher auf leere Gänge und einsame Ränge. Eine erfüllte Ehe brauche das nicht, eine Blamage für unsere fleißige und ehrbare Stadt, nur Anschauen habe man nicht nötig, empörte sich der Volksmund.

Gegen schamlose Geschäftemacherei, ein Absinken in die Primitivität und zur Abwendung des Jüngsten Gerichts forderten andere „Messen in der Kirche“. Rare – auch weibliche – Gegenstimmen, beschworen Informationsfreiheit und antike Hochkultur mit meisterlichen Abbildungen nackter Heroen.

Günther Röhr (damals 29), ein hemdsärmeliger Mundwerker, so das Magazin Der Spiegel, und sein Kompagnon Horst Peisker (30), ein gesittet wirkender Student, organisierten die Uraufführung auf der Bühne der Wollust. Ein Duo mit viel Tagesfreizeit. Ihr Pornoblatt „Frankfurter Nachtexpress“ stand seit Wochen auf dem Index. Das Offenbacher Rathaus, so ihr Lob in üblicher Investorenmanier, sei ein flexibler und unbürokratischer Ansprechpartner.

„Kripo wird Schweinereien verhindern“

Der Magistrat hatte kaum Vorbehalte. Hallenchef Fred Weber erklärte der internationalen Presse direkt und authentisch in lokalem Verwaltungs-Idiom: „Die Kripo wird schon darauf achten, dass keine Schweinerei vorkommt.“ Passend, dass ein Beamter namens „Nett“ die Verwandlung der Halle in einen Uhse-Dom genehmigte.

Offenbach sei, so die Pioniere des Erotik-Basars, nicht ob seines Lederimages, sondern wegen seiner Standortgunst auserwählt. Urlauber könnten nach entspannten Tagen hier mitten in Deutschland ihre Heimfahrt quasi für einen abschließenden Höhepunkt unterbrechen. Röhr und Peisker verstanden wohl männliche Fantasien allzu gut.

Allerlei Hilfsmittel fürs Liebesleben

Auf Plakaten und Handzetteln versprachen sie in der Lederstadt allerfeinste Gummi- und Lackkreationen, Filme mit Posen und Positionen, Dessous mit Esprit, Slips mit Schloss, Vibratoren, tauglich nebenbei auch zur Rheumalinderung, beleuchtete Massagestäbe, Löwenkostüme sowie Potenzsteigerndes in Flaschen und Tuben, damit „glückliche Begegnungen länger dauern“. Dazu Oben-ohne-Girls und Mannequins in Reizwäsche. Rosi-Rosi, vorgeblich Münchner Kommunardin, die sich Bayerns größten Busens rühmte, durfte jedoch aus urheberrechtlichen Gründen nur unter einem Pseudonym auftreten. Hätte der Richter das Laienspiel ganz gestoppt, hätte er, so Augenzeugen, nicht nur Gerechtigkeitssinn sondern auch gnädige Nachsicht bewiesen.

Über die 40 000 Menschen wühlten an fünf Tagen in einer Atmosphäre von „kleinbürgerlichem Mief-Sex“, so die Wochenzeitung Die Zeit, in Jahrmarkts-Tinnef, brunftigem Tand und billigem Talmi. Am Sonntag musste die Stadthalle gar stundenweise wegen Überfüllung geschlossen und wegen großer Nachfrage eine Kinderbetreuung organisiert werden.

Auch Sportvereine profitieren

1200 Mark Standmiete und der Eintritt bescherten dem Veranstalter („Wir sind Geschäftsleute und keine Volksaufklärer“) rund 250 000 Mark bei Kosten von 50  000 Mark. 12 000 Mark Miete kassierte der Stadtsäckel, 20 000 Mark die Sportvereine als Spende. Die „Intima 70“ sollte in Offenbachs ein singuläres Ereignis bleiben. Da sich die Stadthalle für diese Art von Amüsement als zu klein erwies, zog die Karawane weiter. Der Frage, ob eine solche Schau heute möglich wäre, quittiert das sonst so auskunftsfreudige Presseamt der Stadt mit Schweigen.

Der Alltag zwischen Spannung und Entspannung in Offenbach normalisierte sich alsbald. Die Kinos, die sich zur Messe mit Premieren a´la „Seid nett aufeinander“ überboten, zeigten wieder Heintje und Uschi Glas. Der Modetrend der „echten“ Lederwarenmesse eine Woche später lautete „verwegen salopp mit rustikalen Beschlägen“, die Kickers erkämpften den DFB-Pokal und Pete Townshend von The Who zertrümmerte im September seine Gitarre auf dem Stadthallenparkett... Zeit für die Offenbach-Post, ihre Leserbriefspalten zu Sünde und Laster zu schließen.

Unlustige Lust für Geld

Den Offenbachern blieb eine feine Ralo-Glosse (Lothar Braun, Lokalchef der Offenbach-Post) über die unheilige Allianz von Sex und Geschäft: „Menschen, die in der Stadthalle ein orgiastisches Babylon, einen Taumel in den Abgrund des Verfalls erwartet hätten, mussten feststellen, dass sich auf dem Marktplatz der Intimitäten nur Lüsternheit mit Ernüchterung gepaart hat…Lust für Geld ist halt selten lustig“. Sein Resümee: „Sollte das Abendland tatsächlich vor dem Untergang stehen, (...) der Kram da in der Stadthalle könnte die Ursache nicht sein.“

Von Matthias Müller

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