Diskussion über den Krieg

Syrische Christen in Gefahr

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Nirgends willkommen: Die elfjährige Warda (links) sitzt mit Mutter Sawsan und Schwester Mariam in ihrer Wohnung in Kairo. Die syrische Familie ist vor zwei Jahren aus Homs nach Kairo geflohen. Doch seit dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Mursi sind Flüchtlinge aus Syrien auch am Nil nicht mehr willkommen.

Offenbach - Religiöse Vertreter diskutierten anlässlich des Erntedankfestes der Diakoniekirche über den Krieg in der Geburtsstätte des christlichen Glaubens. Es ist ein Konflikt, der Anhänger aller Religionen bedroht. Von Peter Klein

Langer Bart ist gleich Moslem ist gleich Terrorist: Solche Vorurteile sind eine unschöne Erfahrung für Jacub Bakir. Der junge Mann ist kein Moslem, sondern syrisch-orthodoxer Christ. Er macht zurzeit ein Praktikum in der Kita der Diakoniekirche und hat für dieses schiefe, weil pauschalisierende Bild eine vermeintliche Erklärung: „Das ist wohl so, weil wir alle aus demselben Gebiet kommen und daher ähnlich aussehen“, sagte er bei einer Diskussionsrunde der Gemeinde, die sich anlässlich des Erntedankfestes der Situation in Syrien aus unterschiedlichen religiösen Blickwinkeln annahm. Seinen Bart hat Bakir mittlerweile abrasiert.

Nicht nur für ihn ist der Bürgerkrieg an der östlichen Mittelmeerküste weit weg und doch so nah. Noch im Frühsommer wollten junge Moslems aus Offenbach in den „heiligen Krieg“ nach Syrien ziehen und verprügelten ein Kamerateam des SWR. In Rodgau wiederum gibt es eine große Gemeinde syrisch-orthodoxer Christen. Schon der Gottesdienst am Sonntag gestaltete sich interreligiös. Zu Beginn las Abdullah Sagis eine Sure aus dem Koran vor, die Nurettin Arul von der Mevlana-Moschee übersetzte. Das Vaterunser betete Jacub Bakir auf Aramäisch, der Sprache Jesu, die heute noch in einigen Dörfern Syriens gesprochen wird, wie Pfarrerin Patrizia Pascalis betonte. Außerdem lasen Henryk Friedmann von der jüdischen Gemeinde und Pfarrerin Pascalis gemeinsam einen Vers aus dem Alten Testament.

„Entstehungsort unseres Glaubens“

Auf dem Podium saßen (von links): Henryk Friedman (Jüdische Gemeinde), die Pfarrerinnen Anja Harzke (interreligöse Beauftragte der Evangelischen Kirche) und Patrizia Pascalis, Nurettin Arul (Mevlana-Moschee) sowie Jacub Bakir (syrisch-orthodoxer Christ).

In der anschließenden Diskussion erinnerte Imam Mehmed Ergün, der die Veranstaltung nach seinen Grußworten aus terminlichen Gründen verlassen musste, an die nach zwei Jahren Krieg schon mehr als 120.000 Toten, unter ihnen Christen wie Moslems. Ergün mahnte, keine Unterschiede zwischen ihnen zu machen, „da alle von Adam und Eva abstammen“. Bakir berichtete, dass aus der anfänglichen Opposition viele verschiedene Gruppen hervorgegangen seien. „Und seit eineinhalb Jahren sind Terroristen unterwegs, die gezielt Christen töten, Kirchen zerstören und alles Christliche entweihen.“ Vor dem Bürgerkrieg sei das Zusammenleben der verschiedenen Religionen friedlich gewesen. Viele Christen hegten die Befürchtung, dass alles noch schlimmer komme, wenn der von der Opposition bekämpfte Präsident Bashar al-Assad weg sei.

Auch Pfarrerin Anja Harzke, die in Kairo studiert hat, verfolgt das Geschehen. „Das Gebiet, das wir Naher Osten nennen, ist der Entstehungsort unseres Glaubens. Umso trauriger ist es für uns, dass immer mehr Christen ihr Land verlassen.“

Viele ungünstige Vorzeichen

Wichtig ist ihr, an die offiziell gemeldeten 1,2 Millionen Flüchtlinge zu erinnern, die in Nachbarländern lebten. Während allein in einer Zeltstadt in Jordanien 120.000 Flüchtlinge aufgenommen worden seien, wolle Deutschland gerademal 4000 syrische Flüchtlinge ins Land lassen, „eine lächerliche Zahl“. Harzke forderte unter Zustimmung der Anwesenden, dass sich Deutschland mehr engagieren müsse. Friedman ging auf die Frage ein, warum Israel nichts tue: Es gibt, entgegnete er, an der israelisch-syrischen Grenze auf dem Golan einen Ort, an dem Verletzte abgelegt würden, „die werden dann in Israel behandelt“.

Arul betonte, dass der Krieg alle Religionen betreffe. Er erinnerte an das Massaker von Hama 1982, bei dem die noch immer herrschende Baath-Partei etwa 20.000 Menschen getötet habe. „Trotzdem hat man ihr weiterhin Waffen geliefert“, so Arul. Ihn ärgert, dass Deutschland nur Christen oder Alewiten als Flüchtlinge aufnehmen wolle, da die meisten Opfer doch Moslems seien. Die Frage, warum sich die islamische Welt nicht mehr engagiere, beantwortete er mit dem Hinweis, dass es seit Absetzung des Sultans des Osmanischen Reichs kein religiöses Oberhaupt des Islam mehr gebe, sondern nur Herrscherfamilien und Diktatoren mit unterschiedlichen Interessen.

Viele ungünstige Vorzeichen also, die das Leid der Menschen verlängern. Und so war nach dieser Diskussion klar: Eine einfache Lösung des verworrenen Konflikts gibt es nicht...

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