"Mit Schüssen wird die Oma verjagt"

Mit Rucksack durch die Russland, Bulgarien, Kirgistan und die Mongolei: Dokumentarfilmerin Julia Finkernagel erlebt Abenteuer in aller Welt

Dreharbeiten mit dem Offenbacher Kameramann Jürgen Volz zum neuen Arte-Film „Georgien – Ein halbes Leben in Tuschetien“. Foto: finkernagel
+
Dreharbeiten mit dem Offenbacher Kameramann Jürgen Volz zum neuen Arte-Film „Georgien – Ein halbes Leben in Tuschetien“.

Mehr als 40 Dokumentarfilme hat die Offenbacherin Julia Finkernagel gedreht. Dabei erzählt sie die Geschichten von ihren vielen Reisen.

Offenbach –  Mit Rucksack und ohne fahrbaren Untersatz ist Julia Finkernagel durch Bulgarien, Russland, Kirgistan und die Mongolei gereist, hat darüber nicht nur eine Filmreihe für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) gedreht, sondern auch noch ein Buch geschrieben. Anfang Februar stellt sie im Filmklubb am Isenburgring ihr neuestes Werk vor, eine Dokumentation über ein georgisches Bergdorf, die unter lebensgefährlichen Bedingungen entstanden ist (siehe Kasten unten). Dabei hatte Finkernagel noch vor einigen Jahren einen deutlich harmloseren Beruf.

„Mein Lebenslauf weist einen schönen Bruch auf“, sagt sie und lächelt. „Ich habe sehr lange am Frankfurter Flughafen als Managerin eine Abteilung geleitet.“ Bis sie eines Tages – netten Kollegen und guter Bezahlung zum Trotz, beteuert sie – eine Sinnkrise bekam. „Ich habe mich gefragt: Willst du das jetzt noch 20, 30 Jahre lang machen, oder gibt es da draußen noch etwas anderes?“ Diese Frage hat sie sich kurzerhand selbst beantwortet, indem sie ein Sabbatjahr genommen und die Welt bereist hat. 

Offenbach: 

Und da es ihr ein Bedürfnis war, Freunde, Bekannte und andere nette Menschen an ihrem Abenteuer teilhaben zu lassen, hat sie diesen regelmäßig E-Mails geschrieben. Kleine Reportagen, Reiseberichte, in denen sie mit viel Humor und Beobachtungsgabe all die kuriosen, spannenden und lehrreichen Begebenheiten schilderte, die der Globus für sie bereit hielt. „Es ist ja oft so, dass die Situation nicht besonders lustig ist, während sie gerade stattfindet – zum Beispiel, wenn man eine riesige Spinne auf der Klobrille findet – aber später sind das die Geschichten, die man am liebsten erzählt.“

Filmemacherin und Autorin: Julia Finkernagel. Foto: Meidel

In ihrem E-Mail-Verteiler ist auch die Kulturchefin des MDR. Diese findet an Finkernagels gewitzten Reiseberichten Gefallen – und bietet ihr erst einmal ein Praktikum an. Unerschrocken wie sie ist, nimmt die Offenbacherin das Angebot an. „Es lag noch innerhalb meines Sabbatjahrs“, erklärt sie. Und so kommt es, dass die eigentliche Führungskraft plötzlich bei einem Fernsehsender als Praktikantin Kaffee kocht. Aber halb so schlimm, denn Julia Finkernagel schlägt sich dabei so tapfer, dass sie am Ende nicht nur die Möglichkeit erhält, eine Dokumentarfilmreihe für den MDR zu drehen, sondern auch gleich ihr ganzes Leben umzukrempeln und Reise-Journalistin auf Vollzeit zu werden.

Offenbach: Julia Finkernagel erzählt die Geschichten von ihren Reisen

„Zu meiner ersten Dokumentarfilmreihe ‘Ostwärts’ bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kinde“, sagt sie. „Ich konnte eigentlich keine Filme machen, habe es erst währenddessen gelernt.“ Obwohl Julia Finkernagel kaum Erfahrung auf dem Gebiet hatte, ließ der MDR sie nach ihrem Praktikum einen kleinen Probefilm drehen. Dieser gefiel, und Finkernagel hatte plötzlich einen Auftrag: Rucksack-Reisen durch Osteuropa, Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan und die Mongolei, begleitet von einem Kameramann und einem Assistenten.

Bei all ihren Begegnungen und Erlebnissen hat die Offenbacherin vor allem eines gelernt: „Man ist immer ein Botschafter des eigenen Landes. Ich bin nämlich denen fremd, nicht umgekehrt.“

Dank ihrer offenen und vorurteilsfreien Haltung hat sie unterwegs viele interessante Menschen kennengelernt. „In Russland waren wir in einem ethnologischen Museum, um uns über die Volksgruppe der Schapsugen zu informieren. In diesem Dorf war alles wie ausgestorben – und plötzlich haben wir Schüsse gehört.“ Als Geräuschquelle machte Finkernagel eine Menschenmenge auf einem Platz in der Nähe ausfindig. „Es stellte sich heraus, dass es eine schapsugische Hochzeit war, und bei Hochzeiten wird dort traditionell die Oma des Bräutigams mit Pistolenschüssen aus dem Haus gejagt.“ Die Schapsugen zeigten sich gastfreundlich und luden das deutsche Filmteam ein, mit ihnen zu feieren.

Diese und weitere Anekdoten hat Finkernagel auch in ihrem Buch „Ostwärts – Oder wie man mit den Händen Suppe isst, ohne sich nachher umziehen zu müssen“ festgehalten. Es ist im Knesebeck-Verlag erschienen und auch in Offenbacher Buchhandlungen erhältlich. Aktuell schreibt Julia Finkernagel an einer Fortsetzung des Buches, die im Herbst erscheinen soll. Einen Titel hat die Sammlung von Reiseberichten noch nicht. Aber eines steht fest: Es wird wieder abenteuerlich.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare