Ein Tisch, der Rätsel aufgibt

Dreieicher Heimatforscher saniert Offenbacher Bodendenkmal

+
Wilhelm Ott will weiter über den Steintisch an der Sprendlinger Landstraße forschen.

Der Dreieicher Heimatforscher Wilhelm Ott forscht zum Steintisch an der Sprendlinger Landstraße in Offenbach. 

Offenbach – Tausende Autos fahren tagtäglich an ihm vorbei, doch kaum einem dürfte er auffallen: der Steintisch an der Sprendlinger Landstraße. Nur wenig von der Straße stadtauswärts entfernt, steht ein runder Sandsteintisch, davor neun kleinere Sockel für eine Sitzbank. „Wer nicht weiß, dass da etwas ist, dem fällt der Tisch gar nicht auf“, sagt Wilhelm Ott.

Auch er selbst sei „sicher hundertmal schon daran vorbeigefahren“, sagt der Dreieicher Heimatforscher. Ott ist im Kreis Offenbach bekannt: Kaum ein Grenzstein, ein Sühnekreuz oder ein Brunnen, den er nicht schon dokumentiert hat. Seit Jahren forscht der pensionierte Chemiker über die Bodendenkmale der Region und lädt zu Führungen ein, 2018 wurde Ott von der Stadt Dreieich für sein Engagement mit dem Kulturpreis geehrt.

Zufällig drauf gestoßen

Auf den Steintisch stieß Ott durch Zufall: Im Kulturlandschafts-Kataster wird er erwähnt, Ott machte sich daraufhin auf die Suche nach dem Denkmal. Was er dann vorfand, war jedoch wenig ansehnlich. „Der Tisch war völlig verdreckt, überall lag Müll herum. Die Wurzeln eines Baumes hatten außerdem den Sockel des Tischs an einer Seite zerstört“, erinnert er sich.

Mit der Unteren Denkmalbehörde sprach Ott daraufhin ab, dass er das Areal um den Tisch säubern werde, ein Anruf bei Hessen-Forst sorgte dafür, dass die Bäume, die das Denkmal bedrohten, im Zuge von Straßensicherungsarbeiten gefällt wurden. „Es ist unglaublich, was die Leute hier an Müll in den Wald werfen“, sagt Ott. Um das beschädigte Fundament des Tischs kümmerte er sich auch, in Absprache mit dem Denkmalschutz beauftragte er einen Maurer, die beschädigte Stelle auszubessern. Auf eigene Kosten. „Andere spielen in meinem Alter Golf, ich kümmere mich eben um Denkmale“, sagt er und lacht.

Denkmalgeschütztes Ensemble gibt Rätsel auf

Der Tisch und die dazugehörigen Fundamente für die Sitzbank sind nun gesichert, das denkmalgeschützte Ensemble selbst gibt Ott jedoch noch immer Rätsel auf. „Ich habe in Archiven dazu recherchiert, aber es findet sich nur sehr wenig dazu“, sagt er.

Der Tisch zählt zu den sogenannten „Ruhen“, ist jedoch wohl nie zum Absetzen von Lasten gedacht gewesen. Das Ensemble sei wohl in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Zusammenhang mit der Naturbegeisterung der Zeit entstanden, sagt Ott.

Der Tisch besteht aus zwei knapp zehn Zentimeter dicken Sandsteinplatten mit einem Durchmesser von knapp 1,90 Metern und ist an seiner höchsten Stelle 66 Zentimeter hoch. Otts Untersuchung hat ergeben, dass das Fundament jünger ist, es wurde zu einem heute nicht mehr bekannten Zeitpunkt wohl verbreitert.

Erste Erwähnung im Jahr 1936

„Wir sind hier nahe der Grenze zwischen der Landgrafschaft Ysenburg und der Reichsstadt Frankfurt, vielleicht wurde der Tisch an einem alten Pfad durch den Wald gebaut“, sagt Ott, „die Sprendlinger Landstraße wurde erst viel später angelegt.“ Die erste Erwähnung des Tisches findet sich in einem Buch aus dem Jahr 1936, ein in den 1980er Jahren entstandenes Foto beweist, dass damals noch die halbrund um den Tisch geführte, steinerne Sitzbank existierte.

Die Bank ist heute vermisst, wahrscheinlich ziert sie irgendwo einen Privatgarten, vermutet Ott. Nur noch vier eiserne Zapfen deuten auf die Verankerung hin, die Sockel der Bank sind teils beschädigt. „Hier sieht man, dass mit einem Trennschleifer der Stein beschädigt wurde“, sagt Ott und deutet auf einen Einschnitt an einem der Steine. Ein anderer wurde derart demoliert, dass Ott ihn mit Erlaubnis der Denkmalbehörde wieder zusammengefügt hat.

Dass Bodendenkmale gestohlen werden, komme durchaus vor, sagt Ott. „Solange die Steine in der Erde eingelassen sind, gibt es aber ein Unrechtsbewusstsein, und sie sind relativ sicher. Kritisch wird es, wenn sie umgefahren wurden und auf der Erde liegen“, weiß er aus Erfahrung zu berichten.

Heimatforscher hofft auf weitere Hinweise

Der Heimatforscher hofft, doch noch Hinweise oder Fotos zu dem Denkmal zu erhalten. „Irgendwer weiß vielleicht doch noch etwas darüber“, sagt er. Etwa, ob der Tisch schon immer an seinem heutigen Platz stand. Das ist nämlich längst nicht sicher: Bevor die Buswendeschleife an der Sprendlinger Landstraße stadteinwärts angelegt wurde, befand sie sich auf der gegenüberliegenden Seite, davon zeugen noch Spuren am Straßenrand, die in den Wald führen. Der Tisch hätte sich dann fast in der Mitte der Schleife befunden. Möglich, dass er dorthin versetzt wurde, damit die Busfahrer während ihrer Pause im Freien ihr Essen im Sitzen einnehmen konnten, sagt Ott. Gewissheit darüber gibt es nicht.

In Offenbach gebe es noch zahlreiche weitere Bodendenkmale, sagt Ott, viele seien jedoch kaum bekannt. Etwa alte Grenzsteine im Wald. Um einen Brunnen im Hainbachtal will Ott sich kommendes Jahr kümmern. „Diese Zeugnisse früherer Zeit müssen erhalten bleiben.“

Infos im Internet

steine-in-der-dreieich.de

von Frank Sommer

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare