Ahmed L. muss nicht ins Gefängnis

Drogenprozess: Untermiete wurde zur Tortur

Offenbach - Der wegen Drogenhandels verurteilte Ahmed L. muss nicht ins Gefängnis, darf sich acht Monate lang bewähren. Die Milde des Gerichts hat sich der 26-Jährige nicht durch sein oder seiner dreiköpfigen Gefolgschaft Wohlverhalten vor dem Richter verdient. Von Jenny Bieniek 

Im Gegenteil: Die zweieinhalbstündige Verhandlung an der Kaiserstraße ist geprägt von Ungezogenheiten, die Richter Alexander Becker einiges an Geduld abverlangen.

Während Opfer Simon B. dem Gericht das Erlebte schildert, ertönen von den Zuschauerplätzen immer wieder lautes Seufzen und Randbemerkungen. „Wenn das alles so stimmt, ist der Weihnachtsmann ein Moslem“, kommentiert Ahmed L. die Anschuldigungen kurz darauf von der Anklagebank aus. Selbst die in den Zeugenstand berufene 30-jährige Polizisten bleibt von den Respektlosigkeiten L.s und seiner Begleiter nicht verschont: „Die sieht aus wie 50, Alter!“ Während des Plädoyers filmen die Zuschauer mit der Handykamera.

Nicht weniger befremdlich als ihr Auftritt ist die Geschichte, die verhandelt wird. Es ist die Geschichte eines Starken, der einen Schwachen nach Strich und Faden ausnutzte. Vor Gericht drehen sich zumindest für die Urteilsfindung die Verhältnisse um. Dem Belastungszeugen David wird Glauben geschenkt, der Angeklagte Goliath wird vorbestraft.

Stark wirkt Ahmed L., der ohne Anwalt erscheint, dafür aber drei Begleiter mitbringt. Seine Bitte um Aufschiebung der Verhandlung verhallt. Der große, massige Mann im zugeknöpften Karohemd gibt sich zunächst demütig, senkt den Kopf, faltet die Hände. Mitte Mai ist er wegen Handels mit Marihuana geschnappt worden, 52 Portionstütchen mit insgesamt 35 Gramm wurden in seiner Wohnung sichergestellt. Durch die Prüfung als Logistiker ist Ahmed mit mangelhaft gerasselt, derzeit arbeitet er als Kassierer.

Nachbar zieht zu spät die Reißleine

Zeuge Simon B. ist ein ehemaliger Nachbar und Kumpel, der zu spät die Reißleine gezogen hat. Der schmächtige 21-Jährige besucht die Fachoberschule, ein gesetzlicher Betreuer hilft ihm, den Alltag zu bewältigen.

Die Freundschaft zwischen Simon und Ahmed hielt nicht lang, nachdem der Ältere beim Jüngeren eingezogen war. Was als Übergangslösung bis zur Fertigstellung einer neuen Bleibe gedacht war, entwickelt sich für Simon zu einer Tortur über drei Monate. Miete zahlt der Angeklagte in dieser Zeit nicht, stattdessen zwingt er den Kumpel unter Androhung von Gewalt, für ihn Handyverträge auf den eigenen Namen abzuschließen, nimmt ihm sogar den Wohnungsschlüssel ab.

Fortan, so berichtet der Zeuge, besorgt der unbequeme Untermieter regelmäßig „Stoff“, funktioniert die Wohnung zum Umschlags- und Konsumierplatz um und zwingt das Opfer zum Dealen. Den Verdienst muss Simon abgeben. Bei Widerworten prügelt Ahmed ihn mit einem Kricketschläger. Aus Angst spricht der 21-Jährige mit niemandem. Erst als er stressbedingt in der Schule absackt, zieht er die Notbremse, erstattet Anzeige.

Vor dem Richter behauptet der Angeklagte, mit Marihuana nie etwas zu tun gehabt zu haben. Fakt ist aber: Bei der Wohnungsdurchsuchung trafen die Beamten ihn und zwei Fremde in einer Wolke aus „Gras“ an. Neben Verpackungsmaterial für einschlägige Geschäfte fand die Polizei Dokumente, die von einem schweren Raubüberfall auf einen Taxifahrer stammen. Ein Drogenschnelltest schlug bei Ahmed positiv auf Kokain an.

Einen Monat später finden die Beamten in der inzwischen bezogenen neuen Wohnung von Ahmed dann das portionierte Rauschmittel samt Preislisten. „Eine hinterhältige Falle“, erklärt der Angeklagte. Simon habe ihm den Stoff über einen Bekannten zukommen lassen, um so angebliche Schulden zu begleichen.

Richter und Staatsanwaltschaft aber glauben ihm nicht. Weil Ahmed L. zwar mehrere Verurteilungen wegen Diebstahl und Körperverletzung, jedoch keine Vorstrafen in Zusammenhang mit Betäubungsmitteln hat, lautet das Urteil: Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung plus 200 Stunden gemeinnützige Arbeit.

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Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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