Wirtschaft

Offenbacher Einzelhändler sehen Mehrwertsteuersenkung kritisch: Viel Aufwand für fünf Cent 

Jutta Jäger zweifelt am Nutzen der Senkung. 
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Jutta Jäger zweifelt am Nutzen der Senkung. 

Ab Juli fällt die Mehrwertsteuer niedriger aus. Was sagen die Offenbacher Einzelhändler dazu? Hilft es ihnen tatsächlich?

Offenbach – Als Teil des Konjunkturpakets der Bundesregierung soll die Mehrwertsteuer ab 1. Juli bis zum Ende des Jahres um drei Prozent gesenkt werden.  Waren und Dienstleistungen würden statt mit 19 mit 16 Prozent versteuert werden, der ermäßigte Satz läge bei fünf statt sieben Prozent. Die Maßnahme der CDU/SPD-Koalition in Berlin soll den Konsum steigern und Wirtschaft stärken.

Die Industrie- und Handelskammer Offenbach erhofft sich von der Steuersenkung einen wichtigen Impuls zur Steigerung der Nachfrage durch die Verbraucher. Marianna Kartziou aus der Abteilung Recht und Steuern sagt: „Dies setzt allerdings voraus, dass die Steuersenkung an die Verbraucher weitergegeben wird. Positiv ist, dass die Senkung branchenübergreifend wirkt.“ Weitergegeben wird sie seit Montag von der Supermarktkette Tegut, die im Komm-Center und in Bieber vertreten sind. Die Regalpreise werden beibehalten, aber es wird mit den neuen Mehrwertsteuersätzen an der Kasse abgerechnet.

Wir haben Offenbacher Einzelhändler gefragt, was sie von der Steuersenkung halten, ob sie finanzielle Vorteile erwarten und welche Alternativen sie sich hätten vorstellen können. Ein zusammenfassendes Fazit: Es werden nicht nur mal eben drei Prozent an der Kasse abgezogen, sondern es steht ein großer Aufwand hinter der Mehrwertsteuersenkung.

Jutta Jäger verkauft in ihrem Laden „4 Zimmer und Garten“ Dekoration für drinnen und draußen. Aber auch Postkarten sind in ihrem Sortiment. Wer ab dem 1. Juli eine Postkarte bei ihr kauft, wird statt 1,10 Euro dann 1,05 Euro zahlen. Bei kleinen Beträgen sind die Ersparnisse für den Kunden kaum wahrnehmbar. Die Inhaberin sagt: „Die Kunden wären auch zufrieden, wenn alles so bleiben würde, wie es war. Aber ich gebe alles weiter, obwohl es bei den Beträgen, die ich hier so habe, Pfennigfuchserei ist.“ Eine Finanzhilfe für ihr Geschäft erwartet sie nicht.

Es koste sie einen ganzen Tag, alle Preise auf den Waren zu ändern. Außerdem muss das Kassensystem neu programmiert werden – und in einem halben Jahr wieder zurückgestellt werden. Das koste Geld, anstatt Geld einzubringen.

Die IHK weist darauf hin, dass die neuen Steuersätze den Unternehmen in der gegenwärtigen Situation keine zusätzliche Liquidität brächten, da der Effekt erst zeitverzögert in bis zu drei Monaten wirksam sein werde.

Jutta Jäger bleibt wenig überzeugt: „Der Wille zu helfen ist da, aber der Weg ist sehr unüberlegt.“ Stattdessen hätte sie sich gut vorstellen können, dass regionale Gutscheine verteilt werden, wenn der Kunde für eine gewisse Summe einkauft. Dieser Gutschein solle für alle Branchen gültig sein, sodass der Kunde zu einem erneuten Besuch von lokalen Geschäften eingeladen würde. Der Gutschein könnte von der Stadt oder vom Bund mitfinanziert werden.

In der Buchhandlung am Markt werden sich vermutlich die meisten Preise nicht ändern – die Buchpreisbindung bleibt weiter bestehen. Es ist die Entscheidung der Verlage, ob sie die Preise anpassen. Inhaberin Andrea Tuscher rechnet aber nicht damit, dass es zu vielen Senkungen kommen wird.

Trotzdem muss auch sie ihre Kasse und ihr Rechnungsprogramm umstellen lassen. Sie empfindet die Maßnahme für den Buchhandel als unnötig: „Für den Endverbraucher wird ein Buch kaum günstiger werden. Ob sieben oder fünf Prozent macht bei einem Taschenbuch beinahe keinen Unterschied. Wer sich ein Buch kaufen will, der kauft es und wer nicht, wird sich wegen ein paar Cent nicht umentscheiden.“

Auch Michael Preiss von Hifi im Hinterhof sieht zunächst den großen Aufwand, den die Mehrwertsteuersenkung für sein Geschäft mit sich bringt. Und das für eine Zeitspanne von einem halben Jahr, die er als kurz bezeichnet bei all dem Aufwand rund um die Buchhaltung und die Umstellung der Systeme. Preiss, der Hifi, TV und Heimkino verkauft, betrachtet die Maßnahme als Versuch und erhofft sich selbstverständlich viele zusätzliche Kunden: „Jeder hat einen kleinen Vorteil durch die Senkung. Je höher die Beträge sind, desto interessanter ist die Maßnahme. Kleinere Händler profitieren davon wenig, und ich kann mir nicht vorstellen, dass der Einzelhandel die Senkung nicht weitergibt. Wir werden es auf jeden Fall tun.“

Für Stefan Becker, Geschäftsführer des Modehauses M. Schneider, besteht die Problematik der Steuersenkung in den kurzen Zeitraum von einem halben Jahr. Grundsätzlich erkennt er aber Vorteile. Nur das Verwalten von Gutscheinen werde einigen Aufwand bedeuten hat die Buchhaltung den Chef wissen lassen: Es geht um die Frage, wie ein Gutschein, der mit 16 Prozent ausgestellt wurde, nach Ablauf der Umstellung eingelöst werden kann.

Doch zunächst lasse sich die Senkung gut ins Geschäft integrieren, gibt sich Becker zuversichtlich: Da der Sommerschlussverkauf begonnen hat, gibt es Preisaktionen aufs gesamte Sortiment. In den Aktionspreis lässt sich die Mehrwertsteuersenkung kurzfristig einbauen, ohne dass jedes Kleidungsstück neu ausgepreist werden muss. Und wenn das Modehaus im Herbst 115. Jubiläum feiert, wird die Senkung in die Aktionen integriert. „Die Maßnahme ist eine Hilfe für uns, aber ich fände einen längeren Zeitraum, ich sage mal bis Ende 2021, wünschenswert, um deutlichere Effekte erkennen zu können“, sagt Stefan Becker.

So sieht es auch Marianna Kartziou von der IHK: „Eine spürbare Entlastung wäre erst feststellbar, wenn die Steuersatzsenkung auf einen deutlich längeren Zeitraum ausgedehnt würde.“ (Von Theresa Ricke)

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