Werkstätten Hainbachtal der Arbeiterwohlfahrt

Eine Erfolgsgeschichte: Die Werkstätten Hainbachtal werden 50 Jahre alt

Das Gelände der Werkstätten im Hainbachtal ist fast komplett bebaut, 2019 wurde die Wildbachschule eröffnet.
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Das Gelände der Werkstätten im Hainbachtal ist fast komplett bebaut, 2019 wurde die Wildbachschule eröffnet.

Jubiläum der Werkstätten Hainbachtal in Offenbach. Das neue Jahr hält neben dem Jubiläum auch eine Änderung bereit.

Offenbach – „Die vornehmste Aufgabe sieht die Awo darin, mit Behinderten zu arbeiten und den Schwächsten in der Gesellschaft zu helfen“, schrieb die Offenbach-Post 1993 in einem Artikel über die „Behinderten-Werkstätten Hainbachtal“, wie die Einrichtung damals genannt wurde.

Von den „Schwächsten der Gesellschaft“ würde heute niemand mehr schreiben, denn längst hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch Menschen mit Handicap oder Behinderung aktiv an der Gesellschaft und am Arbeitsleben teilhaben können und über Kompetenzen verfügen, die eine Bereicherung für Unternehmen darstellen.

Dass dies inzwischen – zumindest in Westeuropa – so gesehen wird, ist auch dem Konzept der Werkstätten zu verdanken, die in den 60er und 70er Jahren Verbreitung fanden. In Offenbach fiel dafür vor 50 Jahren, im Januar 1970, bei der Arbeiterwohlfahrt im Hainbachtal der Startschuss: Für 15 Menschen mit Behinderung konnten Arbeitsgruppen angeboten werden.

„Das Thema Behinderung war ja durch die NS-Zeit zunächst in der Gesellschaft nicht präsent – erst als es in den 60er Jahren eine neue Generation an behinderten Menschen gab, geriet es wieder in das öffentliche Bewusstsein“, sagt Frank Hofmann, einer der beiden Geschäftsführer der Werkstätten Hainbachtal.

Die Resonanz war enorm, schon bald meldeten sich mehr Interessenten, als die Werkstätten über Plätze verfügten. Die Stadt vergab in Erbpacht das Gelände im Wald an die Awo, damit dort neben der Ferienerholung für Kinder auch die Werkstätten ausgebaut werden konnten. „Ohne die Stadt gäbe es uns heute also nicht“, sagt Geschäftsführer Thomas Ruff.

Mehrere hundert Arbeitsplätze gibt es allein auf dem Gelände im Hainbachtal, etwa in der Wäscherei (links) oder in der Holzwerkstatt (rechts). 

Fünf Jahre nach Gründung war schließlich das Gebäude für die Werkstätten fertiggestellt – und rasch schon zu klein: Nur 13 Jahre später musste bereits ein deutlich größerer Neubau begonnen werden. 8,1 Millionen Mark kostete der Bau damals, die Awo musste eine Million davon selbst aufbringen. Eine Investition, die sich ausgezahlte: 1985 fanden rund 350 Menschen mit Behinderung Arbeit auf dem Gelände. Auch Schulen und Kindergärten aus Stadt und Kreis besuchten die Werkstätten regelmäßig, um so Vorurteile gegenüber Behinderten abzubauen.

Auf Handmontage, etwa von Spielzeug, waren die Werkstätten in den Anfangsjahren spezialisiert – heute wird dagegen ein breites Dienstleistungsspektrum angeboten, etwa in der Wäscherei, Kantinen und Café oder in Supermärkten. „Aber die Schreinerei gibt es natürlich immer noch“, sagt Ruff. Im Hainbachtal werde heute etwa Bürostühle, Wäschereiprodukte oder Leuchten produziert.

Zehn Prozent der Angestellten arbeiten extern in Firmen der Region. Etwa in Obertshausen beim Textilmaschinenhersteller Karl Mayer. „Die Firma Mayer war das erste Unternehmen, das 1991 eine komplette Arbeitsgruppe bei sich aufnahm“, sagt Hofmann. Heute arbeiten Beschäftigte der Werkstätten in verschiedensten Firmen im Kreis, dazu an den sieben Standorten der Werkstätten in Stadt und Kreis Offenbach sowie in Mörfelden-Walldorf.

Richtfest für die Werkstätten wurde 1974 gefeiert (links), 1984 gab es einen großzügigen Neubau (Mitte). In den 90er Jahren fertigte die Schreinerei Spielzeug an. 

Die Kernidee der Werkstätten ist geblieben: Mit einem Mix aus einfachen und komplexen Arbeiten Menschen mit Behinderung zu fördern und sie in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Ein Mix, der funktioniere, wie die Geschäftsführer betonen. „Der Lohn der Werkstattsbeschäftigten wird komplett über unsere Auftragserlöse finanziert“, sagt Ruff.

In ihrer Arbeit sehen Hofmann und Ruff einen Vorbildcharakter für andere Unternehmen. „Inklusion wird immer wichtiger“, sagt Hofmann, „bei uns kann jeder vor Ort erleben, wie sie funktioniert.“ Regelmäßig laden die Werkstätten Unternehmen ein, das Angebot kennenzulernen.

Das neue Jahr hält neben dem Jubiläum aber auch eine Änderung bereit: Durch die nächste Stufe des Bundesteilhabegesetztes müssen bestimmte Leistungen wie das Mittagessen der Beschäftigten, getrennt abgerechnet werden. „Das bedeutet mehr Bürokratie. Schauen wir einmal, wie das funktioniert“, sagt Ruff.

Ansonsten steht natürlich das 50-jährige Bestehen im Mittelpunkt der Aktivitäten. „Am 20. Juni werden wir ein großes Sommerfest veranstalten“, sagt Ruff, „und da wir 1970 gegründet wurden, ist natürlich Flower-Power das Thema.“

VON FRANK SOMMER

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