„Ihr seid stärker als der Hass“

Offenbach erinnert sich an Hanau-Opfer

An der Theodor-Heuss-Schule setzten Schüler mit einem zehn Meter langen Banner, Schildern, Reden und einer Schweigeminute ein Zeichen gegen rechte Gewalt.
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An der Theodor-Heuss-Schule setzten Schüler mit einem zehn Meter langen Banner, Schildern, Reden und einer Schweigeminute ein Zeichen gegen rechte Gewalt.

Auch in Offenbach wurde mahnend an die Opfer des Anschlags von Hanau erinnert. An der Theodor-Heuss-Schule und vor dem Polizeipräsidium gab es Gedenkveranstaltungen.

Offenbach – Der Anschlag von Hanau jährte sich gestern zum ersten Mal. Neun junge Menschen mit ausländischen Wurzeln wurden von einem Rassisten kaltblütig erschossen, unter ihnen eine Mutter aus Offenbach.

Schon damals setzten sich die Theodor-Heuss-Schüler bei einer Gedenkfeier mit der schrecklichen Tat auseinander – und es war ihnen ein Anliegen, dies wieder zu tun. Mit einem zehn Meter langen Banner, Schildern mit Statements sowie den Gesichtern und Namen der Ermordeten setzten sie gestern auf dem Schulgelände ein Zeichen gegen Hass und Rassismus, für Toleranz und Vielfalt.

Stefan Falcione, Lehrer des Deutsch-Leistungskurses am Beruflichen Gymnasium, ist stolz auf seine Schüler. Er bestellte von der Initiative „Offen für Vielfalt – Geschlossen gegen Ausgrenzung“ 50 Schilder, den Rest übernahm sein Abschlussjahrgang: „Die Schilder mit den Gesichtern haben sie selbst gestaltet. Und die ganze Gedenkveranstaltung organisiert.“ Dazu gehörte auch, dafür zu sorgen, dass diese coronakonform mit Maske und Abstand über die Bühne ging.

„Wir haben mehrere Leute in unserem Jahrgang, die politisch aktiv sind“, sagt Schülerin Sumea Cama. „Sie besuchen Demos und wollen auch in der Schule zeigen, wie wichtig es ist, sich zu engagieren.“ Viele Schüler sind erschienen, lauschen den Worten von Schulleiter Horst Schad, der jedes der Anschlagsopfer kurz vorstellt, applaudieren für die Menschen, die mitten aus dem Leben gerissen wurden, „weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren – und nicht dem gestörten Bild eines Deutschen entsprachen, das der Täter hatte“, so Schad. „Die Tat war so abscheulich, dass man heute noch Gänsehaut bekommt, wenn man daran denkt.“

Gerade die Theodor-Heuss-Schüler mit ihrer kulturellen und religiösen Vielfalt habe das Drama vor einem Jahr fassungslos gemacht. „Es schockierte uns, weil wir uns seit vielen Jahren für gegenseitiges Verständnis und Vertrauen einsetzen. Dafür steht unsere Schule“, betont Schad.

Schulsprecher Gulsher Gharwal gibt zu, ein wenig zu zittern, findet bewegende Worte. „Rassismus ist nicht angeboren. Er wird vermittelt durch falsche Informationen und falsche Werte.“ Er verstehe nicht, wie jemand denken könne, besser zu sein als jemand anderes, nur aufgrund der eigenen Hautfarbe und Herkunft. Er sei froh, dass in Offenbach so viele Nationalitäten gut zusammenlebten – dennoch könne es passieren, dass angepöbelt werde, wer einem gewissen Bild nicht entspreche. „Egal, wie stark der Hass ist, merkt euch, ihr seid stärker!“ Applaus brandet auf – bevor es ungewohnt still wird. Die Schweigeminute beweist eindrucksvoll, wie viel den Schüler das Thema bedeutet.

Am Polizeipräsidium startete gestern eine Demonstration durch die Stadt.

Vor dem Polizeipräsidium an der Geleitsstraße kommen am Nachmittag Vertreter von Gruppen wie „Bunt statt Braun“, der Offenbacher Friedensinitiative, Black Lives Matter (BLM), das Kinder- und Jugendparlament, Seebrücke Frankfurt und „Kein Schlussstrich Hessen“ zusammen, „um zu erinnern und anzuklagen“. BLM-Sprecherin Hibba Kauser und ihre Mitstreiter finden, dass vieles schief gegangen sei – vor der Tat, etwa weil der Täter trotz auffälliger Gesinnung eine Waffe haben durfte, aber auch bei der anschließenden Ermittlungsarbeit. „Wir wollen den Angehörigen Gehör verschaffen, mit ihnen trauern und politische Konsequenzen fordern“, sagt Kauser. Im Anschluss führt ein Demonstrationszug durch die Stadt zur „Flamme“ am Rathaus, wo Blumen niedergelegt werden. (Von Veronika Schade)

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