Für Freunde eine Schippe Kohlen

Offenbach - Nur der Name Bahnhofstraße erinnert noch daran, dass dort bis 1955 die Züge der Lokalbahn nach Sachsenhausen abgingen. Von Lothar R. Braun

Der spätere Zugführer Wilhelm Hofmann hat als blutjunger Schaffner in diesen Zügen Fahrkarten verkauft, immer hin und her pendelnd, es war kurz nach dem Krieg. Im Erzählcafé der Arbeiterwohlfahrt im Hainbachtal berichtete der 83jährige darüber. Moderator Karl-Heinz Stier plauderte dort mit Eisenbahn-Veteranen über die Zeit, in der noch auf allen Gleisen Dampflokomotiven schnauften.

Hofmann weiß noch davon, dass Bahnreisende zwischen drei Wagenklassen wählen konnten. Die vierte Klasse war zwar schon abgeschafft, aber ihre Waggons wurden noch „für Reisende mit Traglasten“ mitgeführt. „In denen brachten Landfrauen ihre Produkte in die Stadt“, erinnert er sich.

Damals gab es noch die Ränge Lokführer, Oberlokführer und Hauptlokführer. Seitdem hat sich die Bahn mehrfach neu erfunden. Als Rudolf Stock 1995 aus dem Beruf schied, in den er als Lok-Heizer eingestiegen war, trug er den Titel „Triebwagenführer“. Kohle und Dampf gehörten nur noch den Museumsbahnen. In Lokführer Stocks Erinnerungen ist auch das bewahrt: Wenn im Übernachtungsheim des Grenzbahnhofs Bebra DDR-Reichsbahner und BRD-Bundesbahner einander begegneten, mieden die Kollegen aus der DDR jeglichen Kontakt: „Da kam nie ein Gespräch zustande.“

Es war ein Nachmittag mit Eisenbahn-Geschichten. Etwa mit der vom Kollegen, der auf dem Heimweg vom Dienst in Weinheim die Notbremse zog. Er hatte eine überzeugende Erklärung: „Ich muss doch nach Hause!“ Geschichten aus fernen Zeiten trug aber auch das Publikum bei. Ingeborg Fischer, etwa. Sie lebte als Kind in den Mangeljahren nach 1945 zwischen Bismarckstraße und Bahndamm. Wie Brot und Butter war damals auch Kohle so wertvoll wie Gold. Glücklicherweise kannte man jedoch einen gutmütigen Lokführer. Der ließ ab und zu wissen, wann und wo er auf seiner nächsten Fahrt eine Schippe Kohle versehentlich neben den Bahndamm kippen werde. Es ist verjährt.

Was eigentlich ist der Job eines Fahrdienstleiters? Stier ließ es den ehemaligen Dienststellenleiter Wolfgang Ried erklären. Er ist im Eisenbahner-Sozialwerk aktiv, wie die Gesprächspartner Hofmann und Stock, der Alois Wieland und Friedrich Stühler. Seit es die Bundesbahn nicht mehr gibt, wird das Sozialwerk als Stiftung betrieben. In Offenbach zählt sie etwa 500 Mitglieder in mehreren Interessengruppen. Im Waldcafé Hainbachtal zeigen beispielsweise derzeit die Hobbymaler des Sozialwerks einige ihrer Arbeiten.

Zu einer Frage des Moderators freilich fand das Podium dieses Nachmittags keine überzeugende Antwort: „Der typische Eisenbahner, was für ein Mensch ist das eigentlich?“ Nur im Publikum rang der aktive Eisenbahner Nikolaus Jöckel um eine Deutung. Er wählte den Umweg über die Eisenbahner-Ehefrau: „Tagsüber hat sie kein Geld, und nachts hat sie keinen Mann“. Es ist wohl ein Kalauer, der seit Generationen unter Eisenbahnern die Runde macht. Hören konnten ihn indes lediglich Jöckels Sitznachbarn.

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