Diskussion um Zivilcourage

Der Fall Tugce: Ein verhängnisvoller Schlag

1500 Menschen aus ganz Deutschland kamen zwei Wochen nach der Tat nach Offenbach, um von Tugce Abschied zu nehmen. Stunden später wurden die lebenserhaltenden Geräte abgeschaltet – an ihrem 23. Geburtstag. Foto: georg
+
1500 Menschen aus ganz Deutschland kamen zwei Wochen nach der Tat nach Offenbach, um von Tugce Abschied zu nehmen. Stunden später wurden die lebenserhaltenden Geräte abgeschaltet – an ihrem 23. Geburtstag.

Auf einem McDonald's-Parkplatz in Offenbach schlug vor fünf Jahren ein Mann die Studentin Tugce Albayrak so heftig, dass sie an den Folgen starb.

Offenbach – Das Schnellrestaurant am Kaiserlei-Kreisel in Offenbach ist zurzeit umzingelt von Baustellen. Auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude schlug vor fünf Jahren ein junger Mann die Studentin Tugce Albayrak so heftig, dass sie an den Folgen starb.

Ihr Tod knapp zwei Wochen später löste bundesweit große Anteilnahme aus. Von den Blumen und Kerzen, die bis zu den Bauarbeiten vor dem Fast-Food-Restaurant immer wieder abgelegt worden waren, ist nichts mehr zu sehen. Ein Gewirr an rot-weiß-gestreiften Baustellenabsperrungen bestimmt das Bild.

Es war der 23. Geburtstag der Studentin, an dem ihre Eltern im Jahr 2014 die lebenserhaltenden Geräte im Offenbacher Klinikum abstellen ließen. Schon Tage zuvor hatten Mediziner den Hirntod infolge der schweren Kopfverletzung festgestellt, die ihre Tochter auf dem Restaurantparkplatz erlitten hatte. 1500 Menschen versammelten sich vor dem Klinikgebäude, viele hatten Kerzen angezündet, Medien im In- und Ausland berichteten. Verurteilt für die Tat vom 15. November 2014 wurde ein in Offenbach geborener, damals gerade 18-jähriger Serbe.

Die Gewalttat im Morgengrauen löste heftige Debatten über Jugendkriminalität und Zivilcourage aus. Denn die Studentin soll in dieser Nacht im Toilettenbereich des Restaurants zwei 13-jährigen Mädchen beigestanden haben, die unter anderem vom späteren Täter belästigt worden seien, wie es hieß. Darauf kam es zum Streit, der in dem verhängnisvollen Schlag gipfelte. Tugce Albayrak wurde zu einer Symbolfigur für Zivilcourage und sogar für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Ihr Foto prangte auf vielen Titelseiten und T-Shirts, bundesweit wurden Mahnwachen organisiert.

Später kamen Zweifel auf, und im Prozess vor dem Darmstädter Landgericht wurde deutlich: Die junge Frau gehörte zu einer Gruppe, die mit der Gruppe des späteren Täters heftig aneinandergeraten war. Mit Beleidigungen und Provokationen wurde nicht gespart, auch die 22-Jährige machte dabei mit. Ob die 13-Jährigen ihre Hilfe tatsächlich brauchten, blieb offen. Aus diesem Grund entschied sich das Bundespräsidialamt schließlich gegen die posthume Vergabe des Verdienstkreuzes.

„Dieser Verlust ist durch kein Urteil dieser Welt wieder auszugleichen“, sagte der Vorsitzende Richter am Darmstädter Landgericht, als er im Juni 2015 das Strafmaß gegen den Täter Sanel M. verkündete: drei Jahre Jugendhaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Der Täter habe den Tod der 22-Jährigen nicht beabsichtigt. Doch wer so heftig zuschlage, „der nimmt die Körperverletzung in Kauf“, sagte der Richter.

Im April 2017, fast zweieinhalb Jahre nach der Attacke, wurde Sanel M. per Sammelflug nach Serbien abgeschoben. Dort leben nach Auskunft der Anwälte seine Großeltern. Zuvor waren er und seine Anwälte vor mehreren Gerichten mit Einsprüchen gescheitert. Es wurde ein achtjähriges Wiedereinreiseverbot nach Deutschland verhängt.

An die Deutsch- und Ethik-Studentin Tugce erinnert auf dem Parkplatz der Offenbacher Fast-Food-Filiale eine Gedenktafel. Die Erinnerung halten Familie und Freunde auch mit einem gemeinnützigen Verein wach, der „für eine bessere Welt einstehen“ soll, wie es auf der Homepage heißt: „Dieser Verein soll dazu beitragen, dass Gewalt in der Gesellschaft ganz unten steht und Nächstenliebe ganz oben.“ Neben Schulprojekten zum Thema Gewaltprävention organisierte der Verein im August einen Charity-Lauf, die Erlöse waren für Anti-Gewaltprojekte bestimmt.  

VON ISABELL SCHEUPLEIN/dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare