150-jähriges Bestehen

SPD feiert sich in flammendem Rot

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Bevor sie in das gemütlichere Innere der Ed ith-Stein-Schule wechselten, enthüllten die Genossen den Wilhelm-Liebknecht-Gedenkstein zwischen Rosenhöhe, Lauterborn und Tempelsee.

Offenbach - Die dominierende Farbe an diesem Abend ist wenig überraschend Rot, als die Sozialdemokraten am Donnerstag auch in Offenbach der Gründung ihrer politischen Bewegung vor 150 Jahren gedenken. Von Harald H. Richter

Die Tischdekoration ist ebenso wie die mit Luftballons und Traditionsfahnen geschmückte Aula der Edith-Stein-Schule in flammendem Ton gehalten. Naheliegend, dass auch der Gedenkstein zu Ehren Wilhelm Liebknechts, der später feierlich enthüllt wird, aus rotem Sandstein besteht.

Der Vorsitzende des Ortsvereins Tempelsee-Lauterborn, Olav Müller, sieht sich in der Rolle des Gastgebers und begrüßt inmitten einer Schar von Parteifreunden den Unterbezirksvorsitzenden Felix Schwenke, den Bundestagskandidaten im Wahlkreis 185, Dirk Gene Hagelstein (Neu-Isenburg), sowie die ehemaligen Offenbacher Oberbürgermeister Walter Buckpesch und Wolfgang Reuter.

Großes SPD-Fest im Juli mit bundespolitischer Prominenz

Mit dem Bundestagskandidaten Dirk Gene Hagelstein sowie den früheren Oberbürgermeistern Walter Buckpesch und Wolfgang Reuter beging die SPD ihren großen Tag.

Den zwei Tonnen schweren, steinernen Block an der Weggabelung neben der Schule ziert zunächst eine nur provisorisch befestigte Tafel mit Wilhelm Liebknechts Namen. Die endgültige Inschrift „Wissen ist Macht“ mit dem Bild des verdienten Gründervaters, dem dieser Ausspruch zugeschrieben wird, soll erst im Lauf des Sommers angebracht werden. „Geplant ist ein großes Fest am 28. Juli, das wir auch mit bundespolitischer Prominenz feiern wollen“, kündigt Müller an und hofft auf die Teilnahme von Parteichef Sigmar Gabriel.

In dessen Beisein oder sogar mit tätiger Hilfe ließe sich der Gedenkstein in großem Rahmen enthüllen, gibt er sich optimistisch. Dazu soll die Wanderausstellung zum 150-jährigen Bestehen der Sozialdemokratie in Deutschland in Gänze präsentiert werden. Von ihr ist zurzeit nur ein kleiner Teil in der Halle der Edith-Stein-Schule zu sehen, überwiegend Plakate mit Botschaften für Solidarität und soziale Gerechtigkeit.

Gedenkstein zu Ehren Wilhelm Liebknechts

Den Standort des Gedenksteins zu Ehren Wilhelm Liebknechts haben die Genossen geschickt gewählt; befindet er sich doch genau an der Schnittstelle der Stadtgebiete Rosenhöhe, Lauterborn und Tempelsee. Für Olav Müller Ausdruck des Zusammengehörigkeitsgefühls in einer Stadt, die auf ihre sozialdemokratischen Wurzeln stolz sein dürfe. Um angesichts einstelliger Temperaturen den abendlichen Stehempfang am Denkmal nicht allzu sehr in die Länge zu ziehen, folgen die Parteifreunde bald seiner Einladung ins Innere der Schule, um gemütlich zu feiern.

Zunächst freilich sollen die Gewinner des Geschichtswettbewerbs ausgezeichnet werden, zu dem die örtliche SPD aufgerufen hat. Zahlreiche Jugendliche, vor allem der Edith-Stein-Schule, aber auch anderer Offenbacher Bildungsstätten, beteiligten sich daran. Die besten fünf Einsender werden von Müller und Schwenke beglückwünscht und bekommen Sachpreise.

17-Jährige gewinnt Reise nach Berlin

Über eine besondere Auszeichnung darf sich die Hauptgewinnerin Samira Amali freuen. Die 17-Jährige, die die Klasse 10b der Edith-Stein-Schule besucht, kann im Sommer für drei Tage nach Berlin reisen, Hauptstadtluftluft schnuppern und den Bundestag mit der imposanten Glaskuppel besuchen. Wen sie mitnimmt, hat sie schon ausgemacht: Ihr Bruder darf sie begleiten. Die Schülerin hat – so Müller in einer kurzen Laudatio – besonders überzeugend ihre Vorstellungen zu Politik und Demokratieverständnis niedergeschrieben. „Dass sie ihre Ausarbeitung obendrein in einer roten Mappe eingereicht hat, ist der Jury nicht entgangen.“

Dann darf sich der ehemalige Oberbürgermeister Wolfgang Reuter der vollen Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft gewiss sein, als er in freier Rede Stationen aus dem Leben Wilhelm Liebknechts nachzeichnet, der als einer der Begründer der parteipolitisch organisierten Sozialdemokratie gilt.

Liebknecht wohnte im Frühjahr 1900 der Weihe der Traditionsfahne des Bürgeler Ortsvereins bei

Am Vormittag noch den Feierlichkeiten im Leipziger Gewandhaus beiwohnend, hat Reuter es gerade so in die Heimatstadt geschafft, um seinen Vortrag zu halten. Er erinnert daran, dass der gebürtige Gießener als radikaldemokratischer Revolutionär von sich reden machte, außerdem als unbequemer Lehrer und Redakteur leidenschaftlich für seine in der damaligen Zeit kühnen Vorstellungen eintrat. Dennoch gelang es Liebknecht, in den Reichstag einzuziehen und dort für die Verwirklichung seiner Ideale zu kämpfen. Mit August Bebel entwickelte sich in der Folgezeit sowohl eine enge politische Zusammenarbeit als auch eine lebenslange persönliche Freundschaft.

„Liebknecht machte Bekanntschaft mit Karl Marx und Friedrich Engels“, nennt Reuter einige Weggefährten, „und hielt in Offenbach erstmals 1875 eine Rede.“ Im selben Jahr, da er starb, war er nochmals in Offenbach und wohnte im Frühjahr 1900 der Weihe der Traditionsfahne des Bürgeler Ortsvereins bei. Reuter deutet zu seiner Linken auf das seitdem mehrmals restaurierte Tuch, das die Feierstätte ziert. Inmitten weiterer Zeichen ihrer Geschichte lassen die Genossen den Gründungstag – nicht ganz so opulent wie die Parteispitze in Leipzig – bei solider Hausmannskost ausklingen.

150 Jahre Sozialdemokratie: Geschichte der SPD

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