Französisch-Reformierte Gemeinde: Finanzielle Probleme

Hugenotten-Erbe in Gefahr

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Pfarrer Ludwig Schneider-Trotier sorgt sich um die Zukunft der Französisch-Reformierten Gemeinde. Die 200 Jahre alte Eiche im Garten des Pfarrhauses zeigt, wie verwurzelt die Gemeinde in Offenbach ist. Das Pfarrhaus ist seit 1775 im Besitz der Gemeinde.

Offenbach - Klamme Kassen beim evangelischen Dekanat sind mittlerweile so selbstverständlich wie das Amen in der Kirche. Um Personalkosten zu sparen und Zusammenschlüsse zu fördern, macht die Landeskirche die Finanzierung der Gemeinden von deren Mitgliederzahlen anhängig. Von Steffen Müller 

Darunter leidet besonders die Französisch-Reformierte Gemeinde. Kaum ein Ort in Offenbach zeugt mehr von der hugenottischen Tradition der Stadt als das Pfarrhaus der Französisch-Reformierten Gemeinde an der Herrnstraße. Seit 1775 ist das historische Gebäude im Besitz der Kirche, im Inneren erinnern Gemälde des französischen Pfarrers Peter Romagnac und dessen Frau Anna Maria an die Schenkung der hugenottischen Glaubensflüchtlinge. Ein Wandteppich mit französischer Aufschrift verdeutlicht die Herkunft der Gemeinde. Doch die Zukunft der französisch-reformierten Christen steht auf wackligen Beinen. Durch den Beschluss der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die Höhe der Finanzierung von Gemeinden von deren Mitgliederzahlen abhängig zu machen, sehen die Französisch-Reformierten in Offenbach ihre Existenz in Gefahr.

Während andere evangelische Kirchen fusionieren und so die Zahl ihrer Glaubensanhänger wächst, ist das für die Französisch-Reformierte Gemeinde nicht so einfach möglich. „Wir können uns nicht mit anderen Kirchen zusammenschließen“, sagt Pfarrer Ludwig Schneider-Trotier, der selbst hugenottische Vorfahren hat. Denn obwohl die Französisch-Reformierte Gemeinde evangelisch ist und zum hiesigen Dekanat gehört, unterscheidet sie sich doch von anderen protestantischen Glaubenseinrichtungen. Ihr Reformator ist nicht Martin Luther, sondern Johannes Calvin. So werden in den Gottesdiensten nicht nur Lieder aus dem üblichen roten evangelischen Gesangbuch gesungen, sondern auch Texte aus dem Genfer Psalter vorgetragen. „Aber gemeinsames Singen ist uns sehr wichtig“, betont Schneider-Trotier.

Auch bei der Struktur hat die Gemeinde einen anderen Grundgedanken. Neben der Pfarrstelle sind das Presbyterium und die Diakonie ehrenamtlich für die Organisation zuständig. Eine Struktur, die es bei anderen kirchlichen Einrichtungen so nicht gibt. Da die Kirche mit ihren 232, nicht nur aus der Stadt kommenden Mitgliedern zu den kleinsten Gemeinden in Offenbach zählt, wird es in Zukunft weniger Geld von der Landeskirche geben. Der bisherige Sockelbetrag von 12.000 Euro wird pro Jahr schrittweise um ein Drittel reduziert. Dies führt dazu, dass die Gemeinde ihre Mitglieder um eine freiwillige Spende von zwei Euro im Monat bittet. Das Geld wird dringend benötigt, da die Kirche aufgrund von aufwendigen Instandhaltungsarbeiten in den letzten Jahren ihre gesamten Rücklagen aufgebraucht hat.

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So wurden unter anderem das denkmalgeschützte Pfarrhaus saniert und die aus dem Jahr 1838 stammende Walcker-Orgel restauriert. Nun klafft im Haushaltsplan für 2017 eine Lücke von 15.000 Euro. „In den nächsten Jahren ist keine Besserung zu erwarten“, befürchtet Schneider-Trotier. Deshalb sind erhebliche finanzielle Einschnitte nötig. Der kommende Haushalt soll um ein Sechstel, etwa 9000 Euro, gekürzt werden. Und die nächsten Sanierungsarbeiten stehen schon an. Die Schieferplatten an der Kirche müssen ausgebessert werden.

Auch Dekanin Eva Reiß weiß um die Probleme der evangelischen Kirche im Allgemeinen und der Französisch-Reformierten Gemeinde im Speziellen. „Sie hat es besonders schwer, da sie eine kleine Gemeinde ist.“ Hinzu kommt, dass die lange Tradition auch Nachteile mit sich bringt. Da das Pfarrhaus unter Denkmalschutz steht, muss bei jeder Sanierung darauf geachtet werden, diesen Status zu wahren. Das führt dazu, dass die Arbeiten besonders intensiv und teuer werden. Trotz der Schwierigkeiten hat Schneider-Trotier die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Er will mit der Landeskirche verhandeln und wirbt: „Entgegen dem Trend steigen bei uns die Mitgliederzahlen. Das zeigt, dass wir immer noch Strahlkraft haben.“

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