Wie Offenbach fast bayrisch geworden wäre

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Diese Fahne hätte fast auch über Offenbachs Dächern wehen können.

Offenbach - Offenbach wäre heute eine bayerische Stadt, wenn vor 200 Jahren alles nach Wunsch verlaufen wäre. Und das Aschaffenburger Pompejanum würde vielleicht vom Lohrberg auf Frankfurt hinabblicken. Von Lothar R. Braun 

Denn in der ersten Hälfte des Jahres 1814 arbeitete die Münchener Diplomatie emsig an einer gewaltigen Gebietserweiterung. Hinter verschlossenen Türen, versteht sich. Das Ergebnis schlug sich dann auch nur in einem Geheimvertrag nieder. Am 3. Juni 1814 unterzeichneten das Kaiserreich Österreich und das Königreich Bayern ein Papier, das den Bayern für die nachnapoleonische Zeit das gesamte Rhein-Main-Gebiet versprach, mit Hanau, Offenbach, Frankfurt und wohl auch Wiesbaden. Es kam nicht zustande, wie man weiß. Als nach September 1814 die Diplomaten der europäischen Mächte auf dem Wiener Kongress tanzten und intrigierten, prallten zu viele Ansprüche und Wünsche aufeinander. Jaulend musste der bayerische Löwe sich mit Aschaffenburg und Unterfranken zufrieden geben.

Die isenburgischen Interessen vertrat in Wien nicht mehr Fürst Carl. In Offenbach amtierte als Regentin seine Ehefrau Charlotte, unterstützt vom Staatskanzler Wolfgang von Goldner. Der Fürst nämlich war nach Napoleons Niederlage bei Leipzig ins schweizerische Exil geflüchtet. Erst von dort erklärte er seinen Austritt aus der französisch protegierten Rheinbund-Konföderation. Damit hatte er länger gezögert als beispielsweise Bayern und Sachsen. Sie hatten Napoleon sozusagen zwei Minuten vor zwölf verlassen, der Isenburger dagegen ging erst zwei Minuten nach zwölf. Damit gehörte er zu den Verlierern, während die anderen abermals bei den Siegern standen.

Fürst von Isenburg war als „Französling“ verschrien

Der Fürst von Isenburg war als „Französling“ verschrien, geächtet als Offizier und bedingungsloser Gefolgsmann des Franzosenkaisers. Als Rheinbund-Mitglied hatte er der französischen Armee auch Landeskinder zugeführt, die zuletzt in Spanien kämpften. Ihre französischen Kameraden haben sie dort entwaffnet und bis April 1814 als Gefangene festgehalten. Erst dann konnten die Männer aus Offenbach, der Dreieich und dem Kinzigtal den langen Marsch in die Heimat antreten. Doch schon im Jahr darauf, nach Napoleons Flucht von der Insel Elba, mussten Isenburger Soldaten abermals in den Krieg ziehen. Im Elsass fochten sie gegen Napoleon.

In Offenbach vollzogen sich unterdes einschneidende Veränderungen. Das Fürstentum Isenburg verwaltete zunächst ein Generalgouverneur des österreichischen Kaisers. Im Juli 1815 ging es auch staatsrechtlich in österreichischen Besitz, freilich nur für die Dauer eines Jahres. Der Kaiser in Wien konnte offenbar nicht viel damit anfangen. Er übergab die Kriegsbeute dem Großherzog von Hessen-Darmstadt und dem Kurfürsten von Hessen-Kassel, die das Territorium daraufhin untereinander aufteilten. Um die Jahresmitte 1816 war das Fürstentum Isenburg von der politischen Landkarte getilgt. Fortan mussten die Offenbacher dem Großherzog in Darmstadt huldigen. Der hatte zwar auch dem Rheinbund angehört und seinen Titel erst von Napoleon erhalten, konnte sich aus dem Zusammenbruch jedoch offensichtlich klüger retten als der Offenbacher Fürst.

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Streng genommen war dem dadurch erloschenen Fürstentum nur eine Lebenszeit von zehn Jahren beschieden. Entstanden war es im September 1806, als die Huld des Franzosenkaisers Napoleon dem Fürsten von Isenburg-Birstein gestattete, sich sämtliche bis dahin reichsunmittelbaren isenburgischen Grafschaften anzueignen: Meerholz, Büdingen und Wächtersbach. Die dortigen Verwandten wehrten sich vergebens. Ihr Vetter Carl genoss die Gunst des mächtigsten Mannes in Europa, und seine Vorfahren waren immerhin schon 1744 vom Grafen- in den Fürstenstand erhoben worden.

Mit dem neuen Territorium gewannen die Darmstädter einen in jahrelangen Heerzügen verarmten Landstrich. An den Krediten für die auferlegten Lasten aus Einquartierungen, Kriegssteuern und anderen Abgaben hatten die Gemeinden noch jahrzehntelang zu tragen. Dabei ist Offenbach die Erholung wohl etwas leichter gefallen. Dort bot eine Gewerbetradition relativ günstige Perspektiven. Aus dem Wagenbau, aus Werkstätten für Tabakwaren, Fayencen, Bijouterie und Lederwaren sollte sich in wenigen Jahrzehnten ein vitaler Industriestandort entwickeln, den man „die Fabrikstadt des Großherzogtums“ nannte.

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