Geflügelhof von Marktverkäufer Dieter Sauer

Noch glücklich, bald kross

Nicht nur der spitz zulaufende Filzhut ist Dieter Sauers Markenzeichen. Bei der Haltung seines Federviehs setzt der Bauer ausschließlich auf natürliche Mittel. (c)Foto: Georg

Offenbach - Auf dem Geflügelhof von Marktverkäufer Dieter Sauer leben 500 Gänse in vorbildlicher Haltung. Doch auch ein fröhliches Vogeldasein endet früher oder später auf der Schlachtbank. Von Sarah Neder 

Dieter Sauer steigt von seinem vierrädrigen Geländefahrzeug. Den Motor lässt der Geflügelwirt laufen. „Das Knattern lockt sie her“, ruft er über die Weide. Mit mehrstimmigem Geschnatter kündigt sich das Federvieh an. Durch den Novembernebel watscheln 500 Freilandgänse, bis sie mit sicherem Abstand das Gefährt umkreisen und aufgeregte Laute von sich geben. „Sie glauben, jetzt gibt’s was zu fressen“, sagt der Landwirt, und ein schadenfrohes Grinsen breitet sich unter seinem grauen Schnauzbart aus. Wenn Sauer sonst mit dem Quad auf die acht Hektar große Weide neben seinem Hof in Mömbris anrückt, hat er Futter für die Gänse.

„In den ersten sechs Wochen bekommen sie Weizen dazu. Danach fressen sie nur noch Gras von der Weide, Mais aus dem benachbarten Feld und Fallobst, was sie so finden“, erklärt der 63-Jährige. Aber bevor die weißen Wasservögel ins Maisfeld dürfen, läuft Dieter Sauer es mit dem Hund ab und zäunt einige Reihen ein. „Ich muss erst sicher gehen, dass kein Fuchs im Mais schläft.“ Die Gänse seien sonst leichtes Opfer, weiß der Marktbeschicker, der seit 40 Jahren Gänse hält. Einmal habe er den Fuchs aus Versehen mit eingezäunt. Das Ergebnis war ein gefedertes Schlachtfeld.

Bis auf den Fuchs lebt das Geflügel im Freien aber sicher. „Mit fünf Wochen kommen die Küken auf den Hof“, sagt Sauer. Die Gänse trotzen so von klein auf der herbstlichen Witterung bei Wind, Regen und Kälte „ohne Dach überm Kopf“. Aber auch die glücklichste Gans auf Sauers Weide wird früher oder später geschlachtet. Mit etwa vier Monaten sind die Tiere alt genug. Ob zum Fest für den heiligen Martin oder als saftiger Weihnachtsbraten – Sauers Kunden auf dem Offenbacher Wochenmarkt sollten ihre Gans etwa eine Woche vor Verzehr bestellen. „Am besten Dienstag, denn am Mittwoch ist Schlachttag“, fügt Sauer hinzu.

Mit dem Holzknüppel betäubt

Zwischen dem Bauernhaus und der Weide steht die Hütte, in der jedes Schnattern verstummt. Durch ein Gatter treibt Sauer die Gänse einzeln hinein und betäubt sie mit einem Holzknüppel. „Da braucht’s schon einen festeren Schlag als bei einem Hähnchen“, weiß er. Dann sticht er dem Federvieh mit einem schlanken Messer in den Hals und lässt es in einem Metalltrichter ausbluten. Anschließend kommen die toten Gänse ins Brühbad. Das 62 Grad warme Wasser soll die Federn lockern, damit die Rupfmaschine diese leichter ausreißen kann. Die Daunen werden getrocknet und an eine Bettfederfabrik geschickt.

Da Wasservögel sehr dichte Federn haben, müssen sie zudem in ein Wachsbad. „Da werden sie noch die feinsten Daunen los“, verspricht Sauer. Nach dem Ausnehmen auf einem großen Edelstahltisch wäscht der Landwirt die Gans aus. In Plastik gepackt wandert das bratfertige Fleisch ins Kühlhaus.

Für ihn sei das Schlachten mittlerweile Routine, sagt der Gefügelwirt, der neben auch Hühner, Hähnchen, Laufenten und Puten auf seinem Hof beherbergt. Kurz vor Weihnachten macht er zusammen mit fünf Helfern aus der Familie täglich hunderten Gänsen den Garaus. Etwa vier bis fünf Kilogramm wiegt das ausgenommene Tier. „Im Gegensatz zu jungen Mastgänsen haben unsere mehr Brustmuskeln. Die trainieren sie mit Flügelschlägen“, erklärt Sauer. Weil die Tiere viel Mais fressen, sei ihre Haut gelb, und das Fleisch habe mehr Aroma, ergänzt er.

Hätten Sie es gewusst? So alt werden Tiere

Hätten Sie es gewusst? So alt werden Tiere

Leider mache er auf dem Markt die Erfahrung, dass Kunden sich immer weniger für Qualität, sondern vielmehr für den Preis interessierten. „Dabei bewegen wir uns mit 13 Euro pro Kilo noch im unteren Preissegment, was diese Qualität betrifft“, ärgert sich der Marktbeschicker über das Kaufverhalten vieler Menschen. Früher seien die Gänse vier Wochen vor Weihnachten schon aus gewesen. Heute hat er zehn Tage vor dem Fest noch 150 übrig. Das liege unter anderem daran, dass immer mehr Putenfleisch bevorzugten, da es nicht so fett sei wie Gänsefleisch.

Nach dem Aufkommen von Lebensmittelskandalen kämen mehr Kunden und kauften teures Fleisch fürs gute Gewissen. Auch wenn der Geflügelhof kein Bio-Siegel hat. Sauer hält nicht viel von solchen Auszeichnungen. „Ich bin der Überzeugung, unseren Gänsen geht es noch besser. Das Fleisch ist mindestens so gut wie Bio.“

Mehr zum Thema

Kommentare