„Offenbach hat was aus mir gemacht“

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IHK-Präsident Alfred Clouth

Ehrenamtliches Engagement ist Alfred Clouth wichtig. Als Präsident der Industrie- und Handelskammer Offenbach (IHK) kämpft der Geschäftsführer der Lackfabrik Clou für die Belange der hiesigen Wirtschaft, als Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHT) in Berlin für den Mittelstand.

Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn verrät Clouth, was Offenbach aus einem jungen Mann, der nicht gerade ein Musterschüler war, machen kann und warum er den Tennis- gegen den Golfschläger eingetauscht hat.

Sie bekleiden zahlreiche Ämter. Warum engagieren Sie sich als Unternehmer so stark ehrenamtlich?

Ich bin der Meinung, dass diejenigen Unternehmer, die sich zu bestimmten Themen äußern, dies auch öffentlich tun sollten. Es reicht nicht aus, Stammtischparolen zu kolportieren. Man muss schon für seine Meinung einstehen. Das war ein Grund dafür, dass ich mich in die Vollversammlung der IHK habe wählen lassen. Zunächst war ich im Industrie- und Umweltausschuss. Da ich oft meine Meinung kundtat, wurde man auf mich aufmerksam. So wurde ich Vizepräsident der IHK. Seit zwei Jahren bin ich Präsident. Oft bin ich jetzt auch bei Abendveranstaltungen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen ist es für Unternehmer existenziell wichtig, sich zu informieren, sich auch mit Firmen aus anderen Branchen auszutauschen. Man muss schauen, wie gehen sie mit der Krise um.

Muss der Staat das Ehrenamt mehr würdigen?

Würdigen sollte er es. Eine finanzielle Würdigung halte ich nicht für erforderlich. Es sollte schon so sein, dass wir unserer Solidargemeinschaft etwas aus freiem Willen etwas zurückgeben. Diejenigen, die leistungsfähig sind und auch etwas bewegen wollen, sollten das auch ohne finanzielle Hilfe tun.

Als Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags sind Sie auch bundespolitisch aktiv. Was hat Sie zu dem Engagement bewegt?

Für so ein Amt kann man sich nicht bewerben. Man wird gefragt. Der DIHT schaut, wer engagiert sich, wer passt in so ein Amt. Es ist schon eine gewisse Anerkennung, wenn man dann gewählt wird.

Was möchten Sie für die Unternehmen als DIHT-Vize in Deutschland durchsetzen?

Ich möchte dem Mittelstand Gehör verschaffen. Der Mittelstand beschäftigt 80 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland. Die Presse ist aber industrielastig. Das liegt daran, dass es eine ganz andere Dimension hat, wenn zum Beispiel Opel Schwierigkeiten hat. Das hat für eine Stadt wie Rüsselsheim, für das Sozialsystem, fürs gesamte Umfeld und für die Zulieferer eine andere Tragweite, wenn tausende Arbeitsplätze auf der Kippe stehen, als wenn ein kleinerer Betrieb mit 200 Mitarbeitern Probleme hat. Aber: Ich bin angetreten, den mittelständischen Unternehmen in Berlin Gehör zu verschaffen. Schließlich sind sie es, die die überwiegende Steuerlast und die Sozialabgaben tragen.

Welche Projekte verfolgen Sie konkret?

Wir treten für eine Reform der Erbschaftssteuer ein. Wir haben zumindest erreicht, dass sie modifiziert wurde. Jedes Jahr werden 300 000 Betriebe vererbt. Dabei geht es um Geld, das schon mehrfach versteuert wurde. Österreich hat die Steuer ganz abgeschafft. Und im Bereich der Ausbildung ist es unser Anliegen, dass duale Ausbildungssystem in Deutschland zu erhalten. In Frankreich und England lernen die Jugendlichen nur ein halbes Jahr und dann sind sie Bankkaufleute.

Welche Gründe gibt es für einen Unternehmer, seine Fabrik in Deutschland zu behalten und nicht ins Ausland zu gehen?

Deutschland ist nach wie vor das sicherste Land. Wir haben den größten sozialen Frieden. Ich schätze an Deutschland auch die qualifizierten Arbeitskräfte sowie das gesicherte Sozial- und Rechtssystem. Aber auch die sichere Währung und der freie Kapitaltransfer sind für die Firmen wichtig.

Macht Bürokratie einem Unternehmen zu schaffen?

Auf jeden Fall. Einsparmöglichkeiten gibt es sicherlich bei den Statistikdaten, die wir monatlich an die Verwaltung melden. Das deutsche Steuersystem muss extrem entrümpelt werden.

Nach Offenbach. Beim CDU-Jahresempfang - und nicht nur da - ist die Wirtschaftsförderung in die Kritik geraten. Teilen Sie die Kritik? Was erwarten Sie von der Wirtschaftsförderung?

Ich denke, wenn sich ausländische Unternehmen in Deutschland ansiedeln, dann möglichst in Rhein-Main, weil die Region mit fünf Millionen Einwohnern und dem Flughafen ein attraktiver Standort ist. Es sind noch genügend Gewerbeflächen vorhanden.

Und wenn sie nach Rhein-Main kommen, dann nach Offenbach. Das sollte das Ziel der Wirtschaftsförderung sein. Wir haben noch freie Flächen. Es ist momentan natürlich schwierig, Firmen anzusiedeln. Die Stadt hat wenig Geld und kann deshalb bei der Gewerbesteuer keine Zugeständnisse machen. Andere Gemeinden um uns herum können das wegen ihrer besseren finanziellen Ausstattung.

Sind Sie mit den Gewerbesteuersätzen in Offenbach zufrieden?

Wenn Sie mich als Unternehmer fragen, sage ich grundsätzlich nein. Aber: Steuern für den Erhalt von Dienstleistungen einer Stadt sind notwendig. Über die Höhe lässt sich allerdings streiten. In Offenbach sind sie eine Spur zu hoch.

Die internationale Wirtschaftskrise hat viele Unternehmen in Offenbach schwer gebeutelt. Wie sehen Sie Entwicklung der industriellen Arbeitsplätze in Stadt und Kreis?

Mit Sorge. Wir haben Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich geschaffen. Mit einer Strategie, die auf Dienstleistungen setzt, können wir bei der Sozialstruktur von Offenbach aber nicht überleben. Ganz Deutschland braucht Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe und für gering Qualifizierte. Anders können wir unser Sozialsystem nicht erhalten.

Bei uns im Betrieb gibt es rund 30 Prozent Produktions-Mitarbeiter, die angelernt sind. Sie arbeiten an Maschinen, bei den zum Beispiel Dosen eingestellt werden müssen. Wir exportieren ja auch, so dass fremdsprachige Etiketten aufgeklebt werden. Wir sind sehr froh, dass wir in Offenbach ein breites Angebot von Mitarbeitern aus anderen Ländern haben.

Die sind in der Lage, die Etiketten zu lesen. Sie sehen Fehler, die hoch dotierten Übersetzungsbüros unterlaufen sind, weil sie die Umgangssprache nicht kennen. Ich würde ungern auf unsere Griechen, Türken, Marokkaner und Koreaner verzichten. Manchmal helfen diese Mitarbeiter aus der Produktion mit ihren Sprachkenntnisse auch im Verkauf aus.

Wo sehen Sie Entwicklungspotenzial für die Offenbacher Wirtschaft?

Veränderungen in der Innenstadt sind in Angriff genommen worden. Mit dem KOMM geht das in die richtige Richtung. Wir brauchen aber noch mehr Vielfalt bei den Geschäften. Und: Wenn man mehr Kaufkraft in die Innenstadt ziehen will, muss die Stadt auch die richtige Infrastruktur zur Verfügung stellen. Das Ringcenter wird ja hervorragend angenommen, da gibt es genügend Parkplätze. In der Innenstadt haben wir zu wenig Parkplätze. Und die Beschilderung, die zum Beispiel zum Parkhaus im KOMM führt, ist nicht ausreichend. Wir brauchen ein Parkleitsystem in Offenbach.

Zudem ist die Ampelschaltung für mich nicht nachvollziehbar. Morgens, wenn die Leute in die Stadt fahren, generieren wir viele Staus. Das finde ich auch für die Bürger, die an diesen Straßen wohnen, nicht in Ordnung. Darüber hinaus ist die Umweltbelastung hoch. Die Stadt muss durchlässiger werden. In der Hauptverkehrszeit fahre ich in Frankfurt, in Offenbach stehe ich. Die Ampel müssten auf Grünphase stehen. Das es funktioniert, sieht man ja nachts. Dann gibt es die Grünphase.

Viele junge Menschen sind auf der Suche nach Lehrstellen. Welche Chancen haben sie in Offenbach?

Hervorragende Chancen. Bereits im vergangenen Jahr konnten wir nicht alle Lehrstellen besetzen. Auf dem Markt fehlen Jugendliche. Das wird in diesem Jahr noch schwieriger. Die Unternehmen müssen mittlerweile konsequent nach Jugendlichen suchen. Manchmal stimmen aber auch die Berufswünsche und die Anforderungen an den Ausbildungsplatz nicht überein. Mit schlechten Mathematiknoten kann man nicht Bankkaufmann werden. Häufig passt die Qualifikation nicht zum Berufswunsch. Deshalb haben wir noch junge Leute unversorgt. Sie schicken wir in Qualifikationsmaßnahmen. Übrigens: Schlechte Sozialkompetenzen stellen wir oft nicht bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund fest.

Meist haben die Urdeutschen diese Mängel. Generell fällt es jungen Menschen in der Ausbildung schwer, sich in Arbeitsabläufe zu integrieren. Mittelständlern haben aber Probleme damit, Sozialkompetenzen zu vermitteln. Das ist Sache der Familien und der Schulen. Die heutige Jugend ist aber nicht schlechter als frühere Jugendliche. Ich kann mich an meine Jugend erinnern. Da hat man auch nicht allzu viel auf meine Zukunftsperspektiven gegeben. Ich war kein besonders guter Schüler. Offenbach hat was aus mir gemacht. Ex-OB Gerhard Grandke hat mal gesagt: Wer es in Offenbach schafft, der schafft es überall. Da ist bestimmt was dran.

Wenn Sie einen Wunsch für Offenbach offen hätten, wie würde der lauten?

Eine prosperierende Wirtschaft, sichere Arbeitsplätze, ein funktionierendes Schul- und Bildungssystem. Lehrer müssen bewertet werden. Wir müssen Schulen mehr Kompetenzen geben. In Offenbach haben wir einen 80-prozentigen Migrationsanteil. Wir müssen mehr Deutschkurse anbieten und sie an die westlichen Werte heranführen. Das ist in einer Stadt wie Offenbach mit mehr Arbeit verbunden als beispielsweise im Kreis.

Herr Clouth, man sieht Sie nicht mehr im Tennis club Offenbach. Dafür aber auf dem Golfplatz. Warum?

Ich bin etwas älter geworden. Tennis geht stark auf die Gelenke. Golf ist sehr anspruchsvoll. Golf fordert auch den Verstand. Spieler wie ich, die nicht so gut sind, müssen immer darauf achten, wohin der Ball fliegt. Und in der Zeit habe ich den Kopf frei von anderen Gedanken. In der Zeit denke ich nicht an die Absatzlage im Unternehmen oder an Probleme von IHK oder DIHK.

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