Glücksbringer auf den Dächern

Generationenwechsel an Neujahr bei Schornsteinfeger-Familie Böres

Kümmern sich mit Leidenschaft um Kamine: Mitarbeiter Klaus Günter, Schornsteinfeger im Ruhestand Klaus Böres, sein Sohn und Nachfolger Ferdinand Böres sowie dessen Mitarbeiter Sven van der Elst (von links). Foto: Meidel

Bei der Schornsteinfeger-Familie Böres in Offenbach vollzieht sich an Neujahr ein Generationenwechsel.

Offenbach – Schon seit dem Mittelalter gelten Schornsteinfeger als Glücksbringer – und haben neben Hufeisen und Schweinchen ihren festen Platz in der Riege der Neujahrssymbole. Nur zu passend also, dass gerade ein Schornsteinfegerbetrieb an Neujahr ein schönes Gegenbeispiel zum Nachwuchsmangel im Handwerk liefert. Über den Dächern Offenbachs vollzieht sich der Generationenwechsel: Seit 1994 ist Klaus Böres als Schornsteinfeger für den Stadtteil Bieber zuständig gewesen, zum 1. Januar hat er den Betrieb in die Hände seines Sohnes Ferdinand übergeben.

Der 30-Jährige kennt Bieber bereits, hat dort von 2006 bis 2009 bei seinem Vater gelernt. „Es ist schon eine spezielle Herausforderung, im väterlichen Betrieb zu lernen“, sagt er und lacht. Vater Klaus stimmt mit ein. „Jetzt freue ich mich, wieder hier in der Heimat zu sein.“ Bis 2019 arbeitete er noch in Viernheim, musste jeden Tag 100 Kilometer hin und zurück pendeln. Und warum er sich – ganz dem Trend entgegen – entschlossen hat, in die Fußstapfen von Böres Senior zu treten? Darauf kann sogar der Vater selbst eine Antwort geben: „Ganz einfach – weil ich ihm früher gesagt habe: Du kannst alles lernen außer Schornsteinfeger!“ Und wieder stimmen zwei Generationen Böres in herzliches Gelächter ein.

Zusammen mit seinem Mitarbeiter Sven van der Elst wird Ferdinand Böres von jetzt an also die Schlote und Abgasanlagen in Bieber kontrollieren, warten und reinigen. Schon jetzt sind die beiden ein eingespieltes Team. „Wir haben schon zusammen die Lehre gemacht“, sagt Biebers neuer Kaminkehrer mit einem Lächeln. Er freue sich auf die Aufgabe, fühle sich mit dem Stadtteil vertraut. Für wie viele Gebäude sie genau verantwortlich sind, können weder Böres Senior noch Junior genau sagen. Ganz Bieber eben, nachgezählt haben sie nie.

Neben handwerklichen Kompetenzen bedarf es in ihrem Metier auch ganz anderer Fähigkeiten: „Der Schornsteinfegerberuf hängt stark davon ab, dass derjenige, der ihn erlernen will, offen, freundlich und gesprächsbereit ist“, weiß Klaus Böres. Alles andere könne man beigebracht bekommen. „Klar, man muss auch rechnen und schreiben können und ein bisschen was von Physik verstehen.“ Sohn Ferdinand fügt an: „Aber es braucht eben soziale Kompetenz, dass man auch mal mit der alten Dame, die das Gespräch sucht, redet. Man kommt mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt – vom Professor bis zum Schüler.“

Dass er sich für ein klassisches Handwerk entschieden hat, hat Ferdinand Böres bis heute nicht bereut. „Im Schornsteinfegerberuf hat man diese Infrastruktur von Bezirken, deshalb kann man sich relativ einfach selbstständig machen.“

Vater Klaus hat seine Zeit in Bieber genossen. Konkrete Anekdoten fallen ihm aus seiner Dienstzeit spontan nicht ein, aber er versichert, man erlebe jeden Tag etwas. Was er im Ruhestand nicht vermissen wird, ist allerdings der bürokratische Aspekt der Arbeit, der in seinen Augen etwas überhand nimmt in den letzten Jahren. „Die Arbeit an sich ist toll, und die Leute sind klasse. Was mir missfällt, ist dieses Formaljuristische“, so Böres. „Wir werden an eine Zettelwirtschaft gebunden, die kein Mensch braucht.“ Es gebe immer mehr Vorschriften, die erforderten, dass Formulare ausgefüllt werden. „Und dann wollen alle das papierfreie Büro“, wundert sich Böres.

Aber Ferdinand Junior lässt sich davon nichts ins Bockshorn jagen. Er freut sich, nun Biebers neuer Glücksbringer zu sein.

VON MARIAN MEIDEL

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