Verhandlung

„Du bist Rumänin, du bist Müll“: Eskalierter Streit in Offenbach wird zu verworrenem Fall

Akten liegen vor Beginn eines Prozesses am Platz des vorsitzenden Richters.
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Ein undurchsichtiger Fall hat das Schöffengericht in Offenbach beschäftigt. (Symbolbild)

Ein handfester Streit zwischen einem Freier und einer Prostituierten wird in Offenbach verhandelt. Der Fall lässt sich jedoch nur schwer aufdröseln, weil alle Zeugen verschwunden sind.

Offenbach – Ein handfester Streit zwischen einem Freier und einer Prostituierten ist vor dem Offenbacher Schöffengericht verhandelt worden. Der Fall ließ sich jedoch nur schwer aufdröseln, weil alle Zeugen verschwunden sind. Das Schöffengericht verhängte letztlich wegen Körperverletzung und Beleidigung eine Haftstrafe von acht Monaten auf Bewährung gegen einen wohnsitzlosen Moldawier, der fünf Monate in U-Haft saß.

Offenbach: Mann soll Prostituierte als „rumänische Schlampe“ beleidigt haben

Staatsanwältin Sylvia Erdelt wirft dem 22-Jährigen vor, eine Frau geschlagen und – als sie bereits auf dem Boden lag – getreten zu haben. Außerdem soll er ihr an die Brust gegriffen und sie unter anderem als „rumänische Schlampe“ beleidigt haben. Die Ereignisse trugen sich am 12. Juli in einer Wohnung an der Frankfurter Straße in Offenbach zu.

Den aktuellen Aufenthaltsort des Angeklagten kennt das Gericht ebenso wenig wie die Adressen der anderen Zeugen, allesamt moldawische Bauarbeiter, die sich gegen 22 Uhr des Tat-Tages in der Wohnung aufhielten.

Die Frau hatte die Polizei gerufen, die beim Angeklagten eine Blutprobe nehmen ließ, die zur Tatzeit einen Alkoholwert von bis zu 1,9 Promille vermuten lässt. Rechtsanwalt Onur Türktorun verliest für seinen Mandanten ein Teilgeständnis: Man feierte zusammen, ein Kumpel habe vorgeschlagen, eine Prostituierte zu bestellen.

Streit in Offenbach eskaliert: Verlangter Preis für Mann angeblich zu hoch

Vor Ort habe die Geschädigte 100 Euro für eine halbe Stunde Sex verlangt. Den Preis habe sein Mandant „in Relation zum Erscheinungsbild der 35-Jährigen“ als zu hoch empfunden. Daraufhin habe sich ein Streit entwickelt, währenddessen der rumänisch sprechende Angeklagte die Frau beleidigt habe. Er sei einem Angriff von ihr ausgewichen und habe sie dann zwar geschlagen, auf keinen Fall aber getreten. Zu einer sexuellen Attacke sei es ebenfalls nicht gekommen.

Richter Manfred Beck liest Protokolle von Zeugenvernehmungen mit dem Hinweis vor, dass sich auf deren Inhalt keine Verurteilung stützen lasse. Die Geschädigte erzählte eine andere Version, wie sie in die Wohnung gekommen sei: Sie hätte wegen Corona nicht mehr als Prostituierte arbeiten können. Nach Wodka-Genuss mit Freunden sei sie auf dem Marktplatz mit zwei rumänisch sprechenden Moldawiern in Kontakt gekommen, die sie auf einen Kaffee in ihre Wohnung einluden.

Verhandlung in Offenbach: Verletzungen stimmen nicht mit Schilderung überein

Der Angeklagte, den sie gegenüber der Polizei „den Blonden“ nannte, sei sie zunächst mit eindeutigen Worten und einem Griff an ihre Brüste angegangen. Dann seien Beleidigungen wie „du bist Rumänin, du bist Müll“ gefallen. Schließlich sei „der Blonde“ die treibende Kraft gewesen, sie zu schlagen und zu treten.

Bei der späteren Untersuchung im Sana-Klinikum korrespondierten ihre Verletzungen jedoch nicht mit den Schilderungen der Gewalteinwirkung. Von den vernommenen Männern will keiner etwas bemerkt, niemand die Absicht gehabt haben, sexuelle Dienste zu ordern.

Die medizinische Gutachterin Dr. Stefanie Plenzig erkennt aufgrund des Polizeiprotokolls trotz des alkoholisierten Zustands des Angeklagten keinen Hinweis auf eine verminderte Steuerungsfähigkeit.

Offenbach: Acht Monate auf Bewährung für Angeklagten

Staatsanwältin Erdelt erklärt, eine gefährliche Körperverletzung lasse sich unter den Umständen ebenso wenig nachweisen wie eine sexuelle Belästigung. Erdelt fordert wegen einfacher Körperverletzung und Beleidigung insgesamt 110 Tagessätze, die aber mit der fünfmonatigen U-Haft abgegolten seien. Verteidiger Türktorun hält 85 Tagessätze für ausreichend, was knapp unter einer Vorstrafe läge. Weinend erklärt der Angeklagte, er bereue seine Tat.

Richter Manfred Beck und die Schöffen verhängen acht Monate Gefängnis, die jedoch zur Bewährung ausgesetzt werden. (Stefan Mangold)

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