Millionenerträge im Hainbachtal

Menschlich und marktgerecht

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Die Wäscherei der Werkstätten Hainbachtal versorgt viele Hotels in der Region mit frisch gewaschener und gebügelter Wäsche. Sie bietet Behinderten einen Arbeitsplatz mit festen Strukturen und Sicherheit. Vier Millionen Euro erwirtschaften die Werkstätten jährlich. Geld, das Stadt und Kreis zugute kommt.  

Offenbach - Werkstätten für Menschen mit Behinderung kosten die öffentliche Hand viel Geld. Doch sie bringen noch mehr ein, wie eine Studie beweist. Der Wert geht weit über das Materielle hinaus. So auch im Hainbachtal. Von Veronika Schade

Jährliche Erträge in Höhe von 20 Millionen Euro, 860 Mitarbeiter, einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region. Nein, die Rede ist von keinem Großkonzern. Sondern von einer gemeinnützigen Gesellschaft – den Werkstätten Hainbachtal für Menschen mit Behinderung. Deren Geschäftsführer Hans Jürgen Best und Thomas Ruff kennen das Vorurteil, solche Einrichtungen verschlängen lediglich Unsummen an Fördermitteln und dienten nur dazu, die Menschen dort zu „parken“ – wirtschaftlich aber hätten sie keinen Wert. Dass das Gegenteil der Fall ist, beweisen die jährlichen Geschäftsberichte. Und nun auch eine Studie der Katholischen Universität Eichstädt-Ingolstadt und des Nürnberger Forschungsinstituts xit mit dem Titel „Mehr Wert als man denkt“.

Beauftragt wurde sie im vergangenen Jahr von der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen. Anstelle von politisch und emotional aufgeladenen Debatten befasste sie sich ausschließlich mit den volkswirtschaftlichen Wirkungen der Einrichtungen.

Repräsentative Stichproben aus ganz Deutschland

Dafür wurden als repräsentative Stichprobe Daten von 26 Werkstätten in ganz Deutschland aus dem Jahr 2013 ausgewertet. Ergebnis: Mit 100 investierten Euro erzeugen sie eine Wertschöpfung von 108 Euro. Aufs ganze Jahr bezogen wurden etwa 5,6 Milliarden Euro öffentliche Mittel investiert. Zugleich erzeugten die Werkstätten Einnahmen in Höhe von 6 Milliarden Euro.

Die Werkstätten Hainbachtal mit ihren Produktionsstandorten in Offenbach, Dietzenbach und Rödermark, dem Cap-Markt in Obertshausen und den beiden Cafés in Offenbach erhalten jährlich 16 Millionen Euro von Land und Bund. „Unser Erlös liegt bei knapp 20 Millionen Euro“, sagt Geschäftsführer Best. Die vier Millionen erwirtschafteten Euro fließen zurück in die Region. „In Stadt und Kreis haben alle was davon“, betont er. Hinter dem Werkstattbetrieb steckt ein System aus Lieferanten, Auftraggebern und Kunden, alle lokal verhaftet.

680 Menschen mit und 180 Menschen ohne Behinderung arbeiten für die Werkstätten, bekommen dort ihre Gehälter, zahlen Steuern und soziale Abgaben. Die Personalkosten sind mit etwa 12 Millionen Euro im Jahr der Posten, der am meisten ins Gewicht fällt. 3,5 Millionen Euro fließen in die Altersvorsorge der behinderten Mitarbeiter.

Sie können in diversen Abteilungen tätig werden: Montage, Schreinerei, Garten- und Landschaftspflege, Hauswirtschaft, Metallbearbeitung, Lebensmittelmarkt, Wäscherei, Konfektionierung und Verpackung. Zu den Auftraggebern gehören Firmen wie Siemens Dematic, die für den Bordservice zuständige Lufthansa-Tochter LSG und der Bürostuhlhersteller Köhl aus Rödermark.

Arbeit gibt behinderten Menschen Sinn und Struktur

Ein Aspekt, der sich nicht mit Geld bemessen lässt, der aber nicht minder wertvoll ist, liegt im Sinn und der Struktur, den die Menschen mit Behinderung durch das Arbeitsleben erhalten. Sie haben feste Arbeitszeiten von sieben Stunden am Tag, werden sorgfältig an ihre Aufgaben herangeführt und meistern sie vorbildlich. Im Vergleich zu Nicht-Behinderten arbeiteten sie „pedantisch-akkurat“, berichtet Best. „Sie wollen alles richtig machen und sind stolz auf ihre Leistung.“ Die Qualität der Arbeit stimme, die Identifikation mit dem Produkt sei groß.

Die Werkstatt ist zudem ein Ort der sozialen Kontakte, der die Mitarbeiter dazu bringt, ein aktives Leben zu führen. Inklusion wird ganz selbstverständlich gelebt. „Bestimmt könnte man die Menschen anderswo unterbringen, vielleicht sogar billiger“, sagt der Geschäftsführer. „Hier aber haben sie feste Strukturen, Wertschätzung und Sicherheit, das ist wichtig. Wenn ihnen diese fehlen, könnte es Folgekosten fürs Gesundheitssystem verursachen. Und die Region bekäme nichts zurück.“ In Einzelfällen sei sogar die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt gelungen.

Für junge Menschen ohne Behinderung sind die Werkstätten ein regulärer Ausbildungsbetrieb, etwa in kaufmännischen Berufen, in der Gastronomie und neuerdings in der Kindertagesstätte im Hainbachtal. „Es wird immer runder“, freut sich Best.

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