Vom Minister überrumpelt

Heftige Kritik an Rückkehr zum Regelunterricht in Grundschulen

Die Leiter der Grundschulen in Offenbach äußern heftige Kritik zur überstürzten Rückkehr der Grundschulen zum Regelbetrieb. (Symbolbild)
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Die Leiter der Grundschulen in Offenbach äußern heftige Kritik zur überstürzten Rückkehr der Grundschulen zum Regelbetrieb. (Symbolbild)

Die angekündigte Rückkehr zum Regelunterricht an Grundschulen sorgt für heftige Kritik. Besonders widersprüchliche Regelungen bereiten Probleme.

Offenbach – Die Leiter der Offenbacher Grundschulen haben sich nun in einem Offenen Brief an den Minister gewandt, um ihrer Sorge über die widersprüchlichen Regelungen Ausdruck zu verleihen.

„Das Kollegium ist immer noch geschockt über die kurzfristige Bekanntgabe“, sagt Caroline Epheser von der Uhlandschule in Bürgel. Den gestaffelten Schulbetrieb seit Mitte Mai wieder zu ermöglichen, sei schon überaus kompliziert gewesen, nun für zwei Wochen wieder zum Regelunterricht zurückzukehren, ziehe „einen Rattenschwanz an Problemen“ nach sich. „Es war so viel Planung nötig, den jetzigen Unterricht zu ermöglichen, und nun wird alles für gerade einmal neun Tage Unterricht bis zu den Sommerferien über den Haufen geworfen“, sagt Epheser.

Nach wie vor Risiko durch Corona

Ähnlich äußern sich auch andere Schulleiter. „Wir haben sehr mühselig den Unterricht für Kleingruppen organisiert, damit Hygiene- und Abstandsregeln gewährleistet werden, das wird nun komplett umgeworfen, obwohl das Infektionsrisiko nach wie vor besteht“, sagt Hannelore Grebe von der Waldschule Tempelsee.

Tatsächlich sollen laut Ministerium die Schüler in den Klassenräumen wieder dicht an dicht sitzen, auch Masken seien nicht nötig. Lediglich auf dem Pausenhof und außerhalb der Schule würden die Abstandsregeln gelten. „Es ist doch nicht vermittelbar, dass man im Supermarkt Abstand halten soll, im Klassenraum aber nicht“, macht Gabriele Schranz von der Goetheschule ihrem Ärger Luft.

Aussetzen der Hygieneregeln „nicht vermittelbar“

Die Hygieneregeln zum Schutz von Kindern, Eltern und Lehrern seien gerade erst mühsam eingeübt worden, diese nun für die Grundschulen außer Kraft zu setzen, sei nicht vermittelbar. „Es bleibt das Gefühl, man weiß in Wiesbaden nicht, wie es nach den Sommerferien weitergehen soll und experimentiert nun mit den Grundschulen“, sagt Schranz. Andere Schulleiter sprechen von einem „Schnellschuss des Ministeriums“ und dass Lehrer wie Schüler als „Versuchskaninchen“ genutzt würden.

Die Rückkehr zum Regelunterricht stellt die Schulen vor große Probleme, etwa bei der Planung, da auch viele Lehrer als Angehörige der Risikogruppe vom Präsenzunterricht freigestellt sind. Das Ministerium verweist auf Nachfrage lediglich auf die vergangene Woche veröffentlichte Bekanntmachung. Und darauf, dass Lehrer über 60 Jahren sich nun nicht mehr pauschal aus Sorge vor einer Infektion abmelden könnten – es bedürfe nun eines ärztlichen Attestes.

Wie sollen Pausen unter Corona-Bedingungen ablaufen?

Ein anderes Problem betrifft die Pausenregelung. „Auf dem Pausenhof oder auf der Toilette dürfen sich die Gruppen nicht mischen, das ist doch alles nicht durchdacht“, sagt Grebe von der Waldschule. Wobei ihre Schule dank eines großen Pausenhofs noch einigermaßen gut mit dem Problem umgehen kann: Jahrgangsweise werden die Klassen in die Pausen geschickt, für jede Klasse gibt es eigene Areale.

Andere, wie die Goetheschule, die weit weniger Raum zur Verfügung haben, müssen zu drastischen Mitteln greifen: Da viele Klassen Fenster zum Pausenhof haben, hätten die dortigen Schüler bei gestaffelten Pausenzeiten den ganzen Tag über Lärm. „Also haben wir beschlossen, dass die Pause im Klassenzimmer verbracht wird, es geht leider nur kurz raus zum Luftschnappen“, sagt Schranz. Außerdem wurde vereinbart, dass auch im Klassenraum Masken zu tragen sind.

Eltern sind bei Regelbetrieb nach Corona gespalten

Die Haltung der Eltern zu dem Vorhaben ist geteilt: „Unser Schulelternbeirat hat eine Umfrage gestartet, dabei war gut die Hälfte gegen die Rückkehr zum Regelunterricht, die anderen begrüßten diese“, sagt Epheser von der Uhlandschule. Andere Leiter äußern sich ähnlich. „Ich habe heute schon erstaunlich viele Anträge von Eltern auf Befreiung vom Unterricht ins Haus bekommen“, sagt Peter Ehlert von der Mauerfeldschule; auch an der Waldschule wollen viele Eltern ihre Kinder vorerst nicht zum Unterricht schicken.

Bis Donnerstag können entsprechende Anträge noch bei den jeweiligen Schulen eingereicht werden. „Durch die Freistellung werden wir also weniger Schüler als bisher unterrichten – ob sich der ganze Aufwand für gerade einmal neun Tage Unterricht lohnt, sei mal dahingestellt“, sagt Ehlert.

VON FRANK SOMMER

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