„Scout"-Programm kümmert sich um Schulverweigerer

Mühsamer Weg zurück

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Wer einmal raus ist, findet nur schwer wieder Zugang zum normalen Schulalltag.

Offenbach - Morgens zusammen frühstücken, danach etwas trommeln, nachmittags Videoclips schneiden. Hört sich nach einem Tagesablauf an, den nahezu jeder Schüler mal gern hätte. In diesem Fall hat er jedoch einen ernsten Grund.  Von Martin Kuhn

Es ist der finale Versuch, Jugendliche der 7. und 8. Hauptschulklassen zurück zu bringen in ein Bildungssystem, mit dem sie schon abgeschlossen haben. Nach sechs Monaten ziehen die Protagonisten eine Zwischenbilanz: Es ist eine vorsichtig positive Einschätzung.

Fest steht: „Den“ Schulverweigerer gibt es nicht. Und zumeist hat es keine intellektuellen Ursachen. Es sind Jungen und Mädchen, die sich ihre Bestätigung durch auffälliges Verhalten holen – der Störer, der Kasper... Sabine Henning sagt: „Nach zwei Minuten im Unterricht erkennen Sie das; da braucht man keine besonderen diagnostischen Fähigkeiten.“ Die Leiterin der Ernst-Reuter-Schule schränkt weiter ein: „Viele Jugendliche sind Schulverweigerer, aber nur temporär. Hier geht es um dauerhafte Abwesenheit von überalterten Schülern, die meist von den Eltern gedeckt wird.“

Fehlzeiten, Ermahnungen, Lernrückstände

„Scout“-Mitarbeiter Frank Wiehe macht’s anschaulicher: Eine Hauptschülerin kommt zwar in die Schule, nimmt aber nicht am Unterricht teil, ist mehr oder weniger geduldet im Gebäude, telefoniert überall, besucht die Freundin in der Parallelklasse, wenn es ihr passt. Hinweise und Ermahnungen der Lehrer ignoriert sie. Gemeinsamkeiten mit ähnlichen Biografien sind hohe Fehlzeiten, massive Lernrückstände, mehrere Schulwechsel, ständige Misserfolge.

Das neue Projekt setzt an, wenn es beinahe zu spät ist: Schulabbruch. Neu bei „Scout“ ist die enge Vernetzung von Schule und Jugendhilfe. Mit zehn Schülern ist das Projekt im März gestartet. Bürgermeister Peter Schneider (Grüne, selbst Lehrer) spricht von „zwei Systemen, die neue, ungewöhnliche Wege gehen“. Die sehen teils aus wie anfangs beschrieben.

Erste Schritte zurück zur Regelschule

Für Frank Wiehe und seine Kollegen geht es zunächst darum, Vertrauen zu bilden, einen regelmäßigen Ablauf zu verfestigen und zuzuhören. Später folgt die Lernphase – etwa in der Musiketage des Jugendzentrums Sandgasse. Dort versucht sich beispielsweise die Hauptschülerin als Sängerin und erfährt erstmals, „was passiert, wenn sie sich längere Zeit mit einer Sache beschäftigt“.

Es könnte der erste kleine Schritt zurück zur Regelschule sein. Denn, da sind sich alle Beteiligten einig, die Jungen und Mädchen müssen es wollen. Patrick Probst, Leiter der Sandgasse 26: „Alles Lernen bleibt ein Angebot.“ Formal erfüllen die jungen Leute mit „Scout“ die Schulpflicht, nur entwickeln sie dabei die Angebote mit. Viele sind so weit weg von der Schule, dass es allein schwer fällt, über Schule und Lernen zu reden.

Genauso vielschichtig wie die Gründe der Verweigerung kann der Weg zurück in die Schule sein. So wurde einem anderen Hauptschüler erst bei „Scout“ bewusst, „wo er überhaupt gelandet ist“. Eine Art Schocktherapie? Möglich. Auf jeden Fall ist er einer von drei Jugendlichen, die schon nach den Sommerferien den Weg zurück an ihre Schule gefunden haben.

Nicht nur für den Projekt-Verantwortlichen Roberto Priore ein Erfolg. Auch wenn er einschränkt, dass es in Offenbach sicher mehr als zehn Schulverweigerer im weiteren Sinn gibt: „Aber nicht alle sind zwingend bei ,Scout’ richtig aufgehoben...“

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