Entsprach nicht dem Zeitgeist

Die Offenbacher Altstadt wurde durch Stadtplaner vernichtet

Die Stadtkirche war in die mittlere Herrnstraße integriert, bis sie die Umgestaltung nach dem Krieg auf dem neuen Hugenottenplatz sozusagen alleine ließ. Foto: op-archiv

Der Kern der Offenbacher Altstadt wurde nicht durch den Zweiten Weltkrieg zerstört, sondern durch einen stadtplanerischen Zeitgeist.

Offenbach - Vernichtender als die Bombenangriffe wirkte sich auf den Restbestand der Offenbacher Altstadt der stadtplanerische Zeitgeist aus. Die Frage, erhalten oder nicht, wurde mit einem klaren Nein beantwortet.

Dr. Jürgen Eichenauer, Leiter des Hauses der Stadtgeschichte, weiß, dass unsentimentaler Umgang mit dörflich geprägten alten Bauten kein Offenbacher Phänomen war. „Fachwerk galt weithin als nicht sanierungsfähig, die Häuser mit ihren engen Räumen wurden als rückständig angesehen“, erzählt er. Ob regelrecht baufällig oder nicht, besonders nach dem Krieg war der Abriss erste Option für solche Gebäude. „Nach dem Krieg wurden meist nur Sehenswürdigkeiten, aber keine Profanbauten wiederhergestellt“, sagt Eichenauer.

So verschwendete man in den 50er Jahren auch in Offenbach keinen Gedanken an Restaurierung. Fotos aus dieser Zeit zeigen teils gesperrte Straßenzüge, die sehr an Slums erinnern. Eine stramme städtische Abrisspolitik wurde laut dem Museumschef noch durch ein besonderes Ereignis verschärft: 1954 wurde der 100 000. Einwohner geboren, Offenbach war damit Großstadt geworden. Und zu einer solchen passte der dörfliche Charakter von einem Viertel mit Hofreiten und ausgebauten Fischerkaten gar nicht mehr.

Offenbach: Stadtplaner vernichten Altstadt

1955 entstand der Plan, es den Frankfurtern mit einer verkehrsgerechten Berliner Straße nachzutun. Eine 31 Meter breite Schneise sollte ohne Rücksicht auf historische Verbindungen und Gassen geschlagen werden.

Eichenauer kennt aus den Unterlagen das rigorose Vorgehen: Grundstückseigentümer entlang der vorgesehenen Trasse wurden enteignet, ihre Häuser plattgemacht, ob sie nun beschädigt waren oder nicht. Vom Offenbacher Geschichtsverein sei damals nicht der geringste Widerstand gekommen, weiß er.

1963 erscheint ein mit Unterstützung des Magistrats herausgegebenes Buch über das neue Offenbach. Ein Eduard Ernst Günther befindet auf Seite 52: „Die Berliner Straße bringt die längst fällige Flurbereinigung des alten Stadtkerns. Sie wird den noch erhaltenen anachronistischen Restbestand des dörflichen Offenbachs eliminieren und den Weg in die Zukunft öffnen.“ Das Ergebnis war ein Kahlschlag. Was weg ist, ist weg; so fiel auch das Geburtshaus der Sophie von Laroche.

Zukunft von Offenbach sollte modern sein

Für die Zukunft war modern angesagt. Die Bauhaus-Architekten, die unter den Nazis nicht zum Zug gekommen waren, verwirklichten ihre Ideale auch in Offenbach. Viel Licht und Luft lautete die Devise. Gotteshäuser, die als Straßenkirchen in Häuserzeilen gedacht waren, fanden sich plötzlich als Solitäre auf neu geschaffenen Plätzen wieder.

Mit Fertigstellung des Rathauses habe der Wiederaufbau Offenbachs dann als abgeschlossen gegolten, fasst Jürgen Eichenauer zusammen. Was die Tansania-Koalition jetzt vorantreiben will, interpretiert er als komplette Abkehr vom Offenbacher Zeitgeist der 50er Jahre. 

tk

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