Schwieriges Erbe

Andreas Hansert hat über Offenbacher Kultur in der NS-Zeit geforscht

Stellen das neue Buch vor: Kulturamtsleiter Ralph Ziegler, Historiker Andreas Hansert und HfG-Präsident Bernd Kracke (von links).  
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Stellen das neue Buch vor: Kulturamtsleiter Ralph Ziegler, Historiker Andreas Hansert und HfG-Präsident Bernd Kracke (von links).

Vor 60 Jahren verstarb Hugo Eberhardt und immer noch ist der Architekt, Künstler und Museumsdirektor in Offenbach präsent: Ohne ihn gäbe es kein Ledermuseum, ohne ihn keine Hochschule für Gestaltung (HfG). Er entwarf die Heyne-Fabrik oder den AOK-Bau.

Offenbach – Erst vor wenigen Jahren wurde Eberhardts Rolle während der NS-Zeit genauer beleuchtet, lange hielt sich das von ihm selbst verbreitete Bild eines kunstsinnigen Mannes, der seine Schwierigkeiten mit dem Regime hatte. Dass Eberhardts Rolle vielschichtiger war, zeigt sich nun im neuen Buch „Offenbach am Main. Kultur im Sog des Nationalsozialismus“, das der Historiker Andreas Hansert geschrieben hat.

Hansert, der im vergangenen Jahr ein wegweisendes Buch über die Verstrickungen der Frankfurter Senckenberg-Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus verfasst hat, widmet sich nun den drei Offenbacher Kulturinstitutionen: der Kunstgewerbeschule als Vorläuferin der HfG, dem Ledermuseum und der Schriftgießerei Klingspor. Parallel dazu werden mit Hugo Eberhardt, Rudolf Koch und Karl Klingspor drei Persönlichkeiten der Zeit näher beleuchtet.

Den Anstoß zur Forschung gab 2010 die Frage, ob und wie die HfG-Vorläuferin an der Bücherverbrennung 1933 beteiligt war. An der Hochschule gründete sich eine Arbeitsgruppe, mit Unterstützung der Stadt wurde schließlich der Historiker Hansert beauftragt.

Dass einzelne Schüler oder Lehrer an der Bücherverbrennung beteiligt waren, kann Hansert nicht ausschließen. „Die Aktion war aber vom altkatholischen Pfarrer Josef Maria Weeber initiiert“, sagt Hansert. Allerdings dankte später Weeber der Schriftgießerei Klingspor für deren Unterstützung bei der Bücherverbrennung. Wie diese aber aussah, bleibt vage.

Hansert zeichnet nicht nur die Geschehnisse der Bücherverbrennung, sondern auch die Entwicklung der drei Kunstinstitutionen und ihrer Protagonisten nach. Da ihm bisher unbekannte Quellen zugänglich wurden, kann er etwa das Schicksal von Ernst Wild, Lehrer der Maschinenbauschule, näher beleuchten. Der Lehrer jüdischer Herkunft musste von Eberhardt 1933 aufgrund des „Arierparagrafen“ entlassen werden, Hansert betont, dass Eberhardt hier keinerlei Ermessensspielraum hatte. Wild wurde 1942 in einem Vernichtungslager ermordet.

Der für Offenbach so prägende Hugo Eberhardt nimmt naturgemäß die größte Rolle in der Darstellung ein. Der Historiker attestiert diesem eine „Sammelleidenschaft ohne jedes Augenmaß“, die ihn dazu verleitete, sich mit dem NS-Regime einzulassen.

Als Eberhardt etwa 1941 unbedingt die Lederwaren aus dem einstigen Besitz der Rothschilds aus einem Linzer Museum für sein Offenbacher Museum haben wollte, stimmte er dafür in die NS-Hetze ein. „Ohne Hemmungen ließ er sich, um sein Ziel zu erreichen, zu beispiellosen antijüdischen Schmähungen hinreißen“, schreibt Hansert. Für die Zeit der Weimarer Republik hingegen sind keine antisemitischen Äußerungen Eberhardts bekannt, sagt der Historiker.

„Ein Opportunist war Eberhardt nicht, denn dieser möchte seine eigene Karriere befördern – Eberhardt ging es dagegen immer um sein Museum, um seine Schule. Und dafür war ihm jedes Mittel recht“, sagt Hansert. So schrieb er in der NS-Zeit jüdische Firmen an und bat um Geld für sein Museum, war aber auch gleichzeitig darauf bedacht, dass etwa ein kostbarer Samurai-Sattel als „Führerleihgabe“ präsentiert wurde.

Hanserts Buch wirft auch die Frage nach dem Umgang mit dem schwierigen Erbe auf. „Die Ehrenbürgerwürde für Eberhardt können wir ihm nicht aberkennen, denn die ist mit seinem Tode erloschen“, sagt Oberbürgermeister Felix Schwenke. Da aber Straßen an die genannten Persönlichkeiten erinnern, werde die AG Straßenbenennung sich über „eine angemessene Reaktion“ beraten, sagt Schwenke.

Inez Florschütz, Chefin des Ledermuseums, betont, dass sich ihr Haus intensiv mit der Provenienz-Forschung beschäftigt und belastete Objekte identifiziert habe. Außerdem werde beraten, ob ein neuer Text mit Angaben zu Eberhardts Wirken im Museum angebracht werde.

Kulturamtsleiter Ralph Ziegler sagt, dass es Überlegungen gebe, dass HfG, Klingspor-Museum, Ledermuseum und Haus der Stadtgeschichte gemeinsam eine Ausstellung zum Buch zu organisieren oder an Schicksale wie das von Ernst Wild zu erinnern.
VON FRANK SOMMER

Das Buch

Andreas Hansert: Offenbach am Main. Kultur im Sog des Nationalsozialismus. Kunstgewerbeschule, Deutsches Ledermuseum, Schriftgießerei Klingspor. Böhlau-Verlag, 290 Seiten, 39 Euro

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