Nach Videodreh und Schüssen in Offenbach

Unangemessene Polizeigewalt gegen Jugendliche? Tourette-Kranker in Todesangst

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An der Ecke Hebestraße/Untere Grenzstraße stellten fünf Streifenwagenbesatzungen eine Gruppe Jugendlicher, die zuvor mit ihrem Videodreh in der Spießstraße Nachbarn geängstigt hatten.

Wer mit Juan S. spricht, kann seine Behinderung nicht ignorieren. Der 27-jährige Offenbacher mit spanischen Wurzeln leidet unter dem Tourette-Syndrom. Unwillkürliche Laute zerhacken seine Sätze. Es ist nicht einfach, ihm bei der Schilderung dessen zu folgen, was ihm bei einer Begegnung mit der örtlichen Landespolizei widerfahren ist.

Offenbach – S. fühlt sich als Opfer unangemessener Polizeigewalt. Dabei spielen seine Krankheit und deren Symptome eine Rolle. Heute vor einer Woche trifft sich S. mit jungen Leuten um seinen 14-jährigen Bruder Philipp in der Spießstraße, um mit ihnen ein Musikvideo aufzunehmen. Vor seiner Kamera agieren, in der Nähe eines Friseursalons, etwa zwanzig 12- bis 17-Jährige. „Ich biete Jugendlichen an, kostenlose Video- und Tonaufnahmen zu drehen, damit sie mal weg von Straße kommen und sich für was begeistern können“, beschreibt S. seine Motivation für eine harmlose Aktion, die wenig später dramatisch enden soll.

Plötzlich ist ein Knall zu hören. Einer aus der Gruppe, oder einer, der sich ihr zugesellt hat, hat – vermutlich – eine Spielzeugpistole abgefeuert. Auch der türkische Friseurmeister bekommt das mit, wie er unserer Zeitung später erzählt: „Das war nicht echt, ganz weiches Geräusch, ich war in der Türkei beim Militär, ich kann das auseinanderhalten.“ Er erinnert sich an „einen Rapper mit so Kinder, dreizehn, vierzehn“.

Schüsse in der Spießstraße/Bieberer Straße in Offenbach

Andere Augen- oder Ohrenzeugen registrieren dagegen Verdächtiges und Gefährliches. Die Polizei teilt mit, sie habe gegen 15.30 Uhr einen Notruf erhalten, „dass sich im Bereich der Spießstraße/Bieberer Straße in Offenbach etwa 25 Personen aufhalten würden“. Aus der Gruppe heraus seien Schüsse abgegeben worden, einer Zeugin sei eine Schusswaffe aufgefallen. Mehrere Streifenwagen eilen zum vermeintlichen Tatort. Der ist aber menschenleer. Weil sich alle erschreckt hätten, als es geballert habe, sagt Juan S. Er habe die Jungs aufgefordert, sich besser zu verdrücken.

Nahe dem Ostbahnhof stellt die Polizei ihre Verdächtigen. Zeugen haben ihr berichtet, dass der Trupp geflüchtet sei. Wo die Hebestraße in die Untere Grenzstraße einmündet, werden laut Einsatzbericht drei junge Männer „vorläufig festgenommen, wobei zwei von ihnen Widerstand leisteten. Da eine Person augenscheinlich hyperventilierte, wurde durch die Streifenbesatzung umgehend ein Rettungswagen hinzugezogen.“

Was Juan S. schildert, ist weniger nüchtern, deutet auf einen, vorsichtig formuliert, entschieden forscheren Auftritt der Uniformierten hin: Fünf Streifenwagen stoppen demnach die jungen Männer, einige rennen „aus Angst vor Ärger zuhause“ weg. Philipp (14) bekommt laut seinem Bruder Handschellen verpasst und wird zu Boden gezwungen. Christian (15) soll sogar mit einer Waffe bedroht und getreten worden sein. Angesichts dessen mischt sich Juan ein: „Um die Situation zu beruhigen, habe ich den Beamten erklärt, dass ich 27 und die Aufsichtsperson von Philipp bin, wie ich heiße und dass ich unter einer Behinderung, also Tourette, leide.“

Wird Tourette-Kranker misshandelt? Mann in Todesangst

Die Polizisten beeindruckt oder besänftigt das offenbar wenig, sie verlangen, dass er sich auf den Boden lege. S. zitiert einen Polizisten mit der Aussage, ihm sei „scheißegal, wie ich heiße und ob ich eine Behinderung habe“. Als er aufstehen will und fragt, wo das Problem sei, wird er „total aggressiv“ wieder nach unten beordert. Nach seiner Beschreibung spürt S., wie sich etwa 90 Kilo auf seinen Rücken drücken: „Ich bekam kaum noch Luft, aber motorische und verbale Ticks, einen richtigen Schockzustand.“ Seine wiederholten Hinweise, dass er unter Tourette leide und nichts für seine Geräusche und Zuckungen könne, hätten die Beamten ignoriert. Stattdessen sei er von drei Beamten misshandelt und in Todesangst versetzt worden.

Handyaufnahmen vom Geschehen in Offenbach

Die SD-Karte seiner Kamera, mit der nach seinen Angaben bewiesen werden könnte, dass die Jugendlichen „grundlos angegriffen“ wurden, hat die Polizei beschlagnahmt. Es soll aber noch Handyaufnahmen vom Geschehen geben. Die Polizei fertigt Strafanzeigen „wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen das Waffengesetz sowie Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“. Am nächsten Tag wird Juan S. auf dem zuständigen Revier – unzutreffenderweise – erklärt, ohne einen Anwalt könne er keine Anzeigen wegen der von ihm behaupteten polizeilichen Willkür und Übergriffe erstatten. Jetzt bemüht er sich um juristischen Beistand.

Detailfragen unserer Zeitung zu dem mindestens groben Zugriff hat die Polizei bisher nicht beantwortet, auch ist ein Gespräch mit dem Einsatzleiter wohl nicht möglich. Offen muss derzeit also bleiben: War für die Beamten nicht ersichtlich, dass es sich um 12- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche handelte? Ist diesen tatsächlich mit einer scharfen Waffe gedroht worden? War die Atmosphäre so aggressiv, dass umgehend Handschellen benutzt werden mussten? Warum wurde nicht auf den Hinweis einer Behinderung reagiert, die Tourette-Symptome dürften nicht zu übersehen gewesen sein? Trifft die Schilderung eines übertrieben groben Zugriffs zu? Was genau hat Maßnahmen erforderlich gemacht, die über eine Personalienfeststellung hinausgehen? Ist eine Waffe beziehungsweise eine Attrappe sichergestellt worden? Beurteilt die Polizei ihr Vorgehen als verhältnismäßig?

Von Thomas Kirstein

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